Deutschland.
£ Wiesbaden, 24. Mai. „Die Sünden der Väter sollen hcimgesiicbt werden an den Söhnen bis in's vierte Glied." Das bewahrheitet sich jetzt schon in Nassau und wird sich später in noch weit höherem Grade bewahrheiten. Dreißig Jahre lang hat man sich betzarrlstb geweigert, die Vcrwaltungssachen aus den Händen der Juristen zu nehmen, und setzt, wo man endlich die Nothwendigkeit dieses Schrittes allgemein einsiebt, fehlt es natürlich an technischen Verwaltungsbeamten, und es Wird noch manches Jahr vergeben, bis wir sic allmählich heran« gezogen haben. Namentlich wird man es bei unserem Landtage, der in technischen Verwaltungsfächern so Vieles neu zu organisireu hat, schmerzlich vermissen, daß hierfür die rechten Männer nickt in genügender Zahl in seinen Reihen sitzen. Denn so sehr wir uns darüber freuen, daß viele jüngere Juristen und namentlich auch Anwälte in die Kammer gekommen sind, welche, so hoffen wir, der Sache mehr Leben und Fluß als bisher geben -und die rechte Entschiedenheit in die Parteien bringen sollen, so können wir doch unsere Besorgniß nicht verhehlen, daß gerade je^t, wo eS gilt, die neue Unabhängigkeit des Verwaltungs- wesens von der Justiz zu gründen, vorzugsweise Juristen es sind, welche darüber berathen werden.
j-h Wiesbaden , 25. Mai. Unsere Kammer muß sehr haushälterisch mit der Zeit seyn, denn sie hat ungeheuer viel zu schaffen. Verträgt es sich aber mit dieser nothwendigen Sparsamkeit, daß das ganze und vollständige Protokoll der -vorhergehenden Sitzung jedesmal beim Beginn der nachfolgenden verlesen wird? In andern Kammern hat man diesen Brauch längst abgeschafft, der überhaupt nur da einen Sinn haben kann, wo nur ein kurzes und summarisches Protokoll geführt wird. Anderwärts liegt das Protokoll zur Einsicht jedes Abgeordneten eine bestimmte Zeit auf, damit er ändere oder ergänze, was ihm bei seinen Reden falsch oder lückenhaft erscheint. Man muß sehr wünschen, daß man in derselben Weise auch bei uns verfahre. Denn wenn man beim Beginne jeder Sitzung ellenlange Protokolle vorliest, dann braucht man am Ende gar die doppelte Zeit für die einfache Arbeit. Solche Zeitverschwen- dung ist aber bei unsern drängenden Zuständen wahrlich nicht gerathen.
* Wiesbaden, 25. Mai. In einer gestern Abend in den „Vier Jahrszeiten" abgehaltenen Volksversammlung wurde folgende Adresse an den deutschen Reichstag beschlossen:
„Mit der größten Betrübniß und hinein tiefen Unwillen haben wir die Ereignisse in Mainz vernommen. Mainzer Bürger und preußische Soldaten haben sich geschlagen. Die Ursache zu untersuchen ist hier nicht unsere Sache. Jedenfalls sind wir aber der Ansicht, daß Reibungen, mögen sie nun in Verschiedenheit der Meinungen oder einer gegenseitigen Gereiztheit liegen, keinen Grund abgeben können, das wichtigste und heiligste Recht des Volkes, das demselben von allen deutschen Fürsten und der vorberathenden Versammlung garantirt worden ist, nämlich die Volksbewaffnung aufzuheben.
Die Entwaffnung der ganzen Nationalgarde halten wir nicht für gerechtfertigt. Wir ersuchen die konstituirende Nationalversammlung, zu bestimmen, daß diese Maßregel wieder aufgehoben werde und daß dergleichen Maßregeln sich nicht wiederholen; wo ein solcher Zwist zwischen deutschem Militär und Bürgern Statt findet, muß um jeden Preis demselben ein Ende gemacht werden. Die deutsche Ehre erfordert es, und dies um so mehr jetzt, wo wir alle im Begriffe sind, die deutsche Einheit endlich zur Wahrheit zu machen.
Es ist vorauszusetzen, daß die gereizte Stimmung zwischen dem preußischen Militär und der Mainzer Bürgerschaft noch lange Zeit andaucrn wird. Daher ersuchen wir die Versammlung zu bestimmen, daß die dermalige preußische Garnison aus der Festung sobald als möglich entfernt werde."
Wiesbaden, den 24. Mai 1848.
Folgen die Unterschriften.
Weilburg. In der neuesten Nummer des „Lahnboten" lesen wir folgenden sehr beherzigenswertheil Artikel:
Offener Brief an die Schultheißen und Gerichtsvollzieher.
Es ist unvereinbar mit Eurer Dienstpflicht, und verräth Mangel an moralischer Kraft, wenn Ihr die Euch aufgetragenen Zwangsmaßregeln, Pfändungen, Versteigerungen rc. unvollzogen laßt, unter dem Vorgeben, daß die Stimmen der Zeit es nicht erlaubten, oder gar, daß vorerst ein neues Gesetz müsse abgewartet werden. Ihr seyd im Irrthum, wenn Ihr glaubt, dadurch das Wohlwollen der Gemeinde zu erhalten, die andernfalls Euch absetzen würde. Ihr nützt dem Einzelnen nicht und stürzt die
ganze Gemeinde in den Abgrund der Kreditlosigkeit, des mal riellen Verderbens. Die jetzige Zeit fordert besonders dazu at Recht und Ordnung im Jnneru nach Kräften zu handhabe- und wenn Ihr auf offene Widersetzlichkeit stoßt und diese zu wältigen nicht im Stande seyd, dann nehmt die Hülfe Eu» Sicherheitskomites, der Volkswehr und aller Bessergesinuten ti Gemeinde in Anspruch, und berichtet sofort an das Amt. ^ Euch die Anarchie nicht über den Kopf wachsen, sonst reißt' Euch selbst in den Abgrund. Ihr wißt, daß es Leute in Euv Gemeinde giebt, die ohne Auspfändung und Versteigerung bt nicht bezahlen; warum wollt Ihr also bei diesen auf anbt Zetten und Gesetze warten? Die Erckutiousordnung wird, si lange es böse Schuldner giebt, nimmer anders werden; » sollte auch in Zukunft ein Gesetz die Schultheißen von den Fm tionen des Gerichtsvollziehers entbinden, so müßt Ihr bis halt Eurem Eide getreu das Amt noch verwalten: denn Ihr st jetzt nicht nur den Gläubigern und Euren Vorgesetzten, Ihr K dem ganzen deutschen Vaterlande, sowie dem allwissenden Richh verantwortlich. Die Bande der rechtlichen Ordnung straff an;: ziehen, ist jeder gute Bürger verpflichtet, um so mehr aber M die Ihr als Obrigkeit eingesetzt seyd. Habt Ihr Personen: der Gemeinde, die in Folge des mangelnden Arbeitsverdienst! 2C. nicht bezahlen können, so sucht ihnen in anderer Weise helfen, Kredit, Geld oder Arbeit zu verschaffen; oder, wenn K Alles fehlschlägt, dann bittet den Gläubiger um Nachsicht, xnbn Ihr die Versicherung gebt, daß der Schuldner nur vorübergem in mißlicher Lage sèy/ Geht aber nur mit Offenheit und Wass Heitsliebe hier zu Werk, denn sonst macht Ihr das Uebel äm Ihr macht Euch außer der Dienstnachlässigkeit noch der Ä schuldig, deren Folgen sich doppelt an Euch rächen; Schuld: und Gläubiger werden Euch zuletzt mit Undank und Verachtn: strafen. Weilburg, im Mai 1848.
v. St. George.
Frankfurt, 24. Mai. (F. I.) (Fünfte Sitzung ti Nationalversammlung.) Unter den heute angezeigb Einläufen befinden sich mehrere Anträge auf Nieversetzung w Ausschüssen zur Berathung der Berfaffungs- und der Arbeite frage; ein Antrag von Vogl, Auflösung des Bundestaz- und Begründung einer Zentralgewalt betreffend; von Klebs und Pagenstecher auf Einsetzung eines Direktoriums 4 Zentral-Erekutivgewalt; von M. Mo hl auf Abschaffung Hi Adels , seiner Titel und Vorrechte; von Schmid aus K- serslautern auf Abschaffung der Todesstrafe für politische Pc brechen; von Vogt auf Entfernung der Truppen aus ti Umgegend Frankfurts zur Sicherstellung der Freiheit der Äs rathung für das Parlament: von Lassaulr, Mathy, Ä v. Gagern und Jaup auf Sicherstellung der Nationale sammlung gegen äußere Gewalt; von Zimmermann au! Spandau auf Erklärung Deutschlands zu einem Bundesstaat von einem schlesischen Abgeordneten in Betreff des SundzoW von Heckscher und V. Mühl seid eine Eingabe vieler nor und süddeutfchen Städte wegen Abschaffung der Flußzölle.
Von den Petitionen führen wir den Protest der Polen è Westpreußen gegen die Einverleibung mehrerer Theile Westpw ßens in den deutschen Bund an. In Betreff der Niederfetzu: von Ausschüssen über die Verfassungs- und Arbeiterfrage entfpar sich eine längere Diskussion, in welcher mehrseitig die Nothwc digkeit anerkannt wurde, möglichst rasch und noch vor erfolg Erledigung der Lcgitimationsfragen an die eigentliche HauptB gäbe zu gehen, damit nicht, wie Eisen stuck sich ausdrückte, Versammlung der Vorwurf treffe, sie gleiche Männern, die i' brennenden Hause sitzen und berathen, wie man die Feuerspritze technisch einrichtc. Namentlich schlug Nauwerk vor: ein» großen Ausschuß von 30 Mitgliedern zur Berathung über d« x Verfassungsfrage, und zwar vor Allem der Grundzüge, und eint weitern Ausschuß von 30 Mitgliedern zur Berathung über N Arbeits - und Erwerbsfrage niederznsctzen. Das Resultat dl- Debatte war ein mit überwiegender Mehrheit gefaßter Beschlaf- einen Ausschuß von 30 Mitgliedern zur Begutachtung der M fassungsfrage im weitesten Umfange, ferner einen Ausschuß eben-"' falls von 30 Mitgliedern zur Begutachtung der Arbeiter-, Ha" dels- und Erwerbsfragen, und endlich einen Ausschuß von Mitgliedern zu ernennen, welcher über die Priorität der Sinh# und Positionen zu berathen und darüber (vorbehältlich der KoW sultation der Versammlung durch den Präsidenten) zu cntf# den hat. I
Bei diesem Anlaß drang W. Schulz aus Darmstadt leb- < haft darauf, daß vor Allem die Anträge in Betreff des $fcr; wesens und der Errichtung eines Volksheeres, um die Unat häugigkeit dieser Versammlung zu schützen und reaktionäre @£; lüste niederzuhalten, in Berathung genommen werden.