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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

^U 56» Samstag den 27. Mai 18L8.

Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden Ä ft., für d-n Um sang des Herzogthums dlassau, des Großherjoqthums und Kurfürstenthums Hessen, der Landgras,chast Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 2 fl. SO fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes Ä ft. 40 fr. Inserate werden die drei- svalrige Pelitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

Prophezeiung.

Deutschland. W iesbaden (Zur Strafe langjähriger Sünden. Den Stän­den. Adresse an den Reichstag). Weilburg (Offener Brief an die nassauischen Schultheißen und Gerichtsvollzieher). Frankfurt (Reichs­tags-Sitzung). Heidelberg (Bemühungen der anarchischen Partei). Köln (Arbeiterund Faullenzer). Von der Niederelbe (Mühsal der deutschen Truppen in Dänemark). Berlin (Der Prinz von Preußen in den Landtag gewählt. Entwurf des Versaffungsgesetzes). Tilsit (Die russische Friedenspolitik). Wien (Des Kaisers Abreise auch dem Hof ein Geheimniß).

Ungar». Pesth (Die Serben fallen in Ungarn ein).

Donaufürstenthümer. Aus der Moldau (FürstStourdza ermordet). Frankreich. Paris (Uneinigkeit in der VollziehungSgcwalt. Vermischtes). Spanien. Madrid (Bruch Spaniens mit England).

Italien. Neapel (Aufruhr).

* Prophezeiung.

Wenn man nicht lachen müßte, dann könnte man weinen über den kolossalen Unverstand, der dieser Tage in Berlin und Wien sich selber den Hals umgedreht hat/ Ein^ Demonstra­tion an der Spree und eine Demonstration an derDouau; und ivas ist die Folge von Beiden? Ein ungeheurer Rück­schlag. In Wien singen sie dermalen wiederGott erhalte unfern Kaiser", daß ihnen die Thränen dabei über die Backen laufen, und in Berlin ist das königlich preußische Bewußtseyn wieder eingezogen mit dreifacher Glorie umgeben. Aus den preu­ßischen Provinzen schreiben sie, wenn die Berliner es noch ein­mal wagten zu krawalliren, dann würden die Provinzen im Sturme anrücken gegen die Hauptstadt, dann müßte Branden­burg Residenz werden, dann müßte man den Landtag nach - Pommern verlegen. Za wahrhaftig, halb Preußen scheint mit Einem Schlage im Geiste ein großes Pommern geworden zu seyn, wo bekanntlich die groben Soldaten wachsen, die keinen Spaß verstehen, und die Krautjunker, und die Loyalitätsadressen und die Herren von Thadden mit Kindern und Kindeskindern. Lest einmal in den ^èrliner Zeitungen jeneEingesandt's", die doch so ziemlich ein Barometer der öffentlichen Stimmung der Hauptstadt sind, da werdet Zhr finden, daß man auf die Barri­kadenkämpfer schimpft, die man vor vierzehn Tagen noch ver­götterte, und daß man den Herren Held, Zung :e. Grobhei­ten nachwirft, wie man sie vor drei Wochen nur dem Minister Eichhorn nachgeworfen hat. Und warum dies Alles? Weil man demonstrirt hat, wo nichts zu demonstriren war, weil ein Dutzend Hohlköpfe aus geckenhafter Berlinerei und in purer Langeweile gegen ein freisinniges Ministerium Lärm schlugen, Lärm schlugen vielleicht einfacher auch deßhalb, weil sie selber nicht Minister waren. So etwas rächt sich. Wer die Volks- leidenschafteu ohne Noth und mnthwillig in Bewegung setzt, auf dessen Rücken werden allemal die letzten Prügel fallen.

Aehnlich ging es in Wien. Auch dort mußte noch einmal demonstrirt, immer noch einmal Spektakel gemacht werden. Die Volksführer ließen nur Eines aus der Berechnung: das Ge­müth des Oesterreichers. Der Oesterreicher politisirt vielleicht eine Stunde lang mit dem Verstand, löst sich die Zustände sei­

nes Staates auf, zersetzt sie, wird ein wüthender Republikaner, aber eine Stunde nachher politisirt er wieder mit dem Herzen, politische Herzenssache aber ist ihm sein Kaiser, er ist ihm recht eigentlich an's Herz gewachsen. Mag der Kaiser gut oder schlecht seyn, gleichviel, der Ocsterreicher will seinen Kaiser haben; versucht's einmal, Euch einen Oesterreicher zu denken, der nicht kaiserlich österreichisch wäre! Darum erfolgte in Wien der Umschlag in dem Augenblicke, als der Kaiser die Stadt verließ. Man nannte dies ein ungeheures Ereigniß. An­derwärts wird man so etwas kaum begreifen können. Was liegt in andern Ländern daran, ob der Fürst in Trippsdrill oder in Kuhschnappel residirt? Zu Oesterreich aber ist dies eine po­litische Prinzipienfrage ersten Ranges. Die Volksagitatoren hatten den Kaiser geärgert, ja so schwer geärgert, daß er aus Gesundheitsrücksichten" nach Innsbruck gehen mußte. Sofort wandte sich der Grimm des Volkes gegen dieselben Führer, welche es vor einer Stunde noch gefeiert hatte, und die Po­lizeidiener mußten ihr Möglichstes thun , daß die Republikaner nicht an den Laternenpfählen aufgeknüpft wurden! Tschechen und Deutsche haben sich geeinigt, Adel, Bürgerschaft, Studenten, Arbeiter, Alle, Alle, um im ChorusGott erhalte unsern Kaiser" zu singen! Nun sage man mir aber einmal, wer denn überall die Rückschläge macht, die Männer eines vernünf­tigen und geregelten Fortschrittes, oder die Hetzer?

An zwei Hauptpunkten Deutschlands hat sich also" das be­reits erfüllt, worauf wir längst hingewiesen hatten. Es wird sich auch noch am dritten Hauptpunkte erfüllen, und dies ist un­sere Prophezeiung, Zu Frankfurt ist der Reichstag in einer Weise zusanunengetreten, welche voraussehen läßt, daß er uns einen rechtschaffenen, organischen und natürlichen Fortschritt ver­mitteln, gewiß aber keine halsbrechenden Lnftsprüngc machen wird, Auch ist er seinem Kerne nach aus Männern von so ge­diegener politischer Einsicht zusammengesetzt, daß zweifelsohne gar manchem bornirten Kannegießer und übermüthigem politi­schen Dilettanten , der sein Lebtage vom Staatswesen gar keinen Begriff hatte, nun aber mit Einemmale meint, er hätte alle politische Weisheit mit Löffeln gegessen daß Manchem der Art die Augen gar sehr übergehen werden, wenn er hört, wie beim Reichstage Leute von Einsicht und Sachkenntnis' mit Din­gen verfahren, die er so zum Frühstück abzumachen gewohnt war. Das wird gar Vielen wurmen. Andererseits werden sich ohne Zweifel die Sendlinge und zerstrenten Trümmer der anarchi­stischen Partei in und um Frankfurt sammeln und wir haben so gewiß einen Handstreich gegen den Reichstag zu befürchten, wie die französische Nationalversammlung von der demokra­tischen Partei hat überrumpelt werden sollen. Die Sache liegt gegenwärtig bereits wieder so, daß es naturgemäß kaum anders möglich ist. Aber so wie gerade dadurch in Paris die demokra­tische Republik erst recht gründlich durchgefallen ist, die konstitu­tionelle Republik dagegen durch jenen Handstreich erst eigentlich in's Leben gerufen wurde, so wird es auch in Frankfurt gehen. Wie in Berlin, wie in Wien, wie in Paris würde durch jede Demonstration" gegen den Reichstag ein ungeheuerer Rück­schlag erfolgen, und was dann weiter erfolgt, das läßt sich noch gar nicht absehen! Und wenn nun alles alte Elend vielleicht in etwas verfeinerter Form/wiederkäme, wer hätte das zu verantworten?

Zn ein paar Monaten wollen wir weiter davon reden.