Hier in den Küstenstädten von Amerika angekominen bedarf ter Eingewanderte mehr als je des guten Rathes, des wohl« meinenden Führers. Schon vielfach ist vor den Spekulanten der Küstenstädte, vor ihren gemeinen, auch das schlechteste Mittel nicht scheuenden Machinationen gewarnt worden; allein noch nicht genug, das zeigen nicht täglich, nein, stündlich neue, stets wiederkehrende Beweise. Von den andern amerikanischen Häfen könnte ich nur vom Hörensagen reden, und schon ost, leider vergeblich Gesagtes wiederholen; in Galveston aber war ich Augen- und Ohrenzeuge der leider nur zu erfolgreichen Bestrebungen dieser schmachvollen Bande. Eine unglaubliche Anzahl von Menschen lebt dort nur von dem, was sie den Emigranten abnehmen. Fast die ganze Bevölkerung ist nie von der Galveston-Jnsel in das Land gekommen, sondern besteht aus Glücksrittern aus allen Gegenden, die nach Galveston kommen, um einige Zeit dort zu bleiben, möglichst viel Geld zu machen und dann weg zu gehen, ohne Teras gesehen zu haben, die aber doch mit der unverschämtesten Dreistigkeit jeden ihnen gutdünkenden Bescheid über alle Verhältnisse geben.
Den Ankommenden umschwärmt sogleich eine Anzahl lieber Landsleute, welche nach Nachrichten aus dem theuren Vaterlande lechzen, dann den Landsmann dankbar in einen Trinkshop mit- sikhmen und ihm da, weil er ihnen besonderes Interesse einge- ffvßt hat, freundschaftlich vor den Verführungen der Spekulanten äus dem Inlande warnen, ihm tausend Geschichten erzählen, wie arme Lämmlcin in die Höhle des Löwen gelockt würden, wie der Weg von der Küste nach Braunfels an Leichen und Gerippen, die auf beiden Seiten lägen, gar leicht zu finden sey. Sie zeigen es ihm geschrieben und gedruckt und sagen , es sey gar schrecklich, daß selbst Deutsche sich zu diesen Lockungen hergäben und ihre eigenen Landsleute ins Unglück führten, sie haben gerade jetzt die neueste Nachricht gehört, daß die Wilden in hellen Haufen in die deutschen Ansiedelungen eingebrochen seyen und die, vom Hungertode verschonte, noch übrige Hälfte der Einwohner vollends „abgekillt" und theilweise verspeist hätten. So wurde auch unsere Gesellschaft viermal in Galveston gcmor- det, während wir uns ganz vergnügt gar nicht die schreckliche Operation träumen ließen, die mit uns vorgenommen wurde.
Da fällt denn dem armen Ankömmling das Herz in die Schuhe, da verwünscht er den unglücklichen Gedanken, der ihn dazu brachte, dieses schauderhafte Land zu betreten, vielleicht hat er dann im oberen Lande einen Freund, sein letzter Trost, er fragt nach ihm, der Edle sagt ihm, daß er todt sey, gibt eS ihm ! zur Noth schriftlich. In diesem Dilemma ist dem Deutschen noch eine Beruhigung geblieben, er ist wenigstens nicht in die Hände * der Spekulanten gefallen, sondern sein guter Stern, der ihm hierin wenigstens treu blieb, hat ihn zu einem Biedermanne gebracht , auf den er sich fest verlassen kann. Denn sich auf sich selbst zu verlassen, seiner eigenen Mannskraft, seiner eigenen Vernunft zu vertrauen, daran denkt er ja nicht einen Augenblick,
er hat es nicht gelernt, er hat ja immer in seinem Leben gelernt, daß die Vernunft gar trüglich sey, er hat ja durch die von Gott eingesetzte Obrigkeit immer einen Stab, eine Stütze erhalten, die für ihn dachte und handelte, ihn auch nötigenfalls züchtigte; in der Kindheit hieß sie Schulmeister, später Pfarrer und Amtmann, wie sollte er jetzt von der Art lassen? Er sucht Trost, er sucht Rath bei seinem neuen Freunde, der verweigert es, er fürchtet, ihm möchten unreine Absichten unterlegt, er möchte mit den Übeln Spekulanten verwechselt werden, endlich gibt er nach und der Arme ist verloren. Wohl ihm, wenn er aus den Geschäften, die er jetzt eingeht, noch ein Geringes, ja wenn er das nackte Leben hierher in das obere Land rettet.
(Fortsetzung folgt.)
Auf Helgoland.
(Fortsetzung.) >
Von der rasenden Gewalt des Sturmes kann man sich einen Begriff machen, wenn man erfährt, daß die gläserne Kuppel des 256 Fuß über die Meeresfläche emporragenden Leuchtthurms bei heftigem Gewitter mit Seetang und Spritz- waffer beworfen wird, ja daß diese enorm starken Glastafeln) die dicksten, welche wohl je gegossen worden, manchmal davon zerschellt werden.
Der riesige nur von Stein und Metall aufgeführte Thurm wankt in solchen Schreckensmomenten, in seinen tiefsten Grundfesten erschüttert. Die 24 Lampen, sammt den mit Platina überzogenen Reverberen, kosteten, nach Angabe des am Thurme angestellten Inspektors, die Summe von eintausend und zweihundert Pfund Sterling. Bei Hellem Tage kann man von der Gallerie aus mit einem Glase bis Curhafen sehen.
Es ist merkwürdig, mit welch' unglaublich scharfem Gesicht die Lootsen begabt sind, welche den ganzen Tag mit starrer Unbeweglichkeit an dem Geländer des Oberlandes — Falm genannt — auf der Lauer liegen. Nicht der kleinste Punkt entgeht ihrem Falkenblicke, der auf der unabsehbar ausgebreiteten Meeresfläche austaucht. Wird nun auf einem der vorüberfahrenden Schiffe die Nothflagge sichtbar, so kommt Leben in diese Steinbilder; im Augenblick ist der Strand gefüllt mit den kühnen Männern, die sich drängen zum toddrohenden Rettungswerke. Die metallenen Lootsenzeichen werden in einen Hut geworfen, und die sechszehn Gezogenen geben ihren Eigenthümern daS Recht, unter Anführung eines gleichfalls durch das Loos bestimmten Offiziers, in das empörte Element hinauszusteuern. Am bedrängten Fahrzeug angekommen, dem jede versäumte Minute Verderben bringen kann, wird mit dem Führer erst um den Preis gefeilscht, der für die Hülfe in der Noth bezahlt werden muß. Nur zu oft wird durch das lange Handeln der richtige Augenblick versäumt, und der zu karge Kapitän, wenn er anders das nackte Leben