Nassauische
Allgemeine Zeitung.
M SS Freitag den 26. Mai L8L8.
Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. — Der vierteljährige PrânumerationSpreiS ist in Wiesbaden Ä fl., für den Umfang des HerzoglhumS Nassau, des Großherzoqthums und KursurstenthunlS Hessen. der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt Ä fl. 30 kr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen VerwaltnngsgebieteS 3 fl. 40 fr. — Inserate werden die drei- Haltige Petitzcilc oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schetlenberg'schen Hof-Buchhandlung. âuSwärtS bei den nächst "gelegenen Postämtern zu machen.
u e b e r s i ch t.
Wider den reaktionären NeichStag zu Frankfurt.
Der Kriegszustand in Mainz.
Deutschland. Wiesbaden (Adresse von Hadamar an M. ». Gagern.)
— Hadamar (Erwiderung). — Frau kfurt (Ein republikanischer
Putsch soll beabsichtigt sehn. Der Reichstag). — Lübeck (Befestigung).
— Berlin (Der Landtag eröffnet). — Wien (Ungarische Deputirte
nach Frankfurt. Petition. Rückschlag in der öffentlichen Stimmung.
Bedrohliche Lage der Hauptstadt).
Frankreich. Paris (Das Fest. Stand der Parteien. Arbeiter und
Studenten. Unruhen in den Provinzen).
* Wider den reaktionären Reichstag z»
Frankfurt.
„Es gewinnt ganz den Anschein, als ob der Reichstag zu Frankfurt ungeheuer reaktionär werden solle. Schon seine Zusammensetzung läßt dieß außer Zweifel. Einhundert und fünfzig Illtramontane sitzen in der Paulskirche. Halbe und Laue, Männer wie Dahlmann, Gagern, Jordan, Gervinus, Bassermann, Römer, Hergenhahn, Eisenmann, Uhland, Pfizer, Mathy — Männer, die in letzter Zeit durchaus volksfeindlich gesprochen haben, ja die sogar mit den Regierungen und Dynastieen liebäugeln, scheinen vorweg eine Art moralischer Majorität der Versammlung bilden zu wollen.
Dazu nehme man nun die erste Thätigkeit, welche diese Versammlung entfaltet hat. Eine höchst freisinnige Geschäftsordnung, die Wesendonk in der ersten Sitzung plötzlich den Mitgliedern in die Tasche schieben wollte, wird nicht angenommen, dagegen eine andere, die Moriz Mobl, rin offenkundiger Reaktionär,^verfaßt hat. Ein -bH- Minister, oder, wie das Frankfurter Journal sich höchst bezeichnend ausdrückt, der Minister „einer Dynastie," wird sofort mit gewaltiger Mehrheit unschicklicher Weise zum Vorsitzenden erwählt; der Baron von Soiron, ein früher sehr freisinniger Mann , der aber in neuester Zeit auch einmal hat Minister — werden sollen, wird Vizepräsident; Robert Blum dagegen, der doch wenigstens einiges liberale Renommne hat, fällt glänzend durch!
In der dritten Sitzung gewinnt die oben bezeichnete reak- Nonare Partei abermals. die Stimmenmehrheit, ja sie läßt es ntcht enunal zu, daß die Namen der Minderheit genannt werden,
, C /“^0!1 erfahre, wer ihre Angelegenheiten langsam am Schleppseile ziehen, wer sie rasch vorwärts bringen will.
Ausspruch einer allgemeinen Amnestie für die poli- Ilschen^ Flüchtlinge Badens hatte man von dem Reichstage ganz zuversichtlich erwartet, zumal da noch einige Nachwahlen hier und da zu erledigen sind, und wir dann wenigstens Aussicht jgehabt hätten, Hecker und Struve und einige andere GesinnungS- luchtige, die dermalen noch in Bruchsal sitzen, in's Parlament zu bekommen, so gut wie den charakterfesten Regierungsdireklor- Statthalter Peter von Konstanz.
Hat dieses sogenannte Parlament schon irgend ein Zeichen von sich gegeben, daß es seinen Willen dem Willen des Voltes u utero rd ne? Nein! Und es wird dies auch niemals thun, denn den Kern desselben bildet eine Aristokratie, und zwar
die schlimmste, weil die stolzeste, eine Aristokratie des Geistes, des Wissens.
Ein Mann, der sehr gescheidt ist und etwas gelernt hat, kann niemals wahrhaft freisinnig seyn, denn Verstand und Bildung machen allezeit hochmüthig. Ein solcher Mann weiß mehr, ist mehr , als die Andern, darum ist er ein Aristokrat. Ja diese Art Aristokratie ist sogar die allergefährlichste, denn sie läßt sich kaum ausrotten. Nehmt Rang und Stand weg, nehmt allen Besitz, um ihn zu gleichem Antheil auszutheilen, ebnet alle An- stokratieen aus — es wird gelingen, — nur mit der Aristokratie des Geistes gelingt es nicht, außer, n#ir müssen alle gescheidten Leute aufknüpfen. Ist das geschehen, dann erst hört alle Reaktion auf und es beginnt das tausendjährige Reich, darinnen herrschen werden Völkerfrieden, Brüderlichkeit, Gleichheit.
Wie man nur so ungeheuer taktlos seyn konnte, spiele Aristokraten deS Geistes und der Bildung in den Reichstag zu wählen, das ist in der That unbegreiflich. Ja, schier will es scheinen, als ob man deren noch nicht genug hätte, in Schwaben z. B. wählen sie nun gar noch nachträglich den Dr, Strauß,*) den man vielleicht seinem „Leben Jesu" nach für erträglich liberal hätte halten können, wenn er nicht neuerdings durch allerlei politische Aufsätze bewiesen hätte, daß auch er bis über die Ohren in der Reaktion steckt. Der Mann will z. B. nicht, daß die Polen uns die Hälse abschneiden, daß uns die Italiener an der Tyroler Grenze auf der Nase herumtanzen sollen rc., was doch Alles höchst reaktionär ist. Vollends schlägt man nun gar noch den Jakob Grimm in Berlin zur Wahl vor! Haben wir nicht an Dahlmann, Gervinus, Moht, Pfizer und der weiteren Legion von Doktrinären genug? Brauchen wir auch noch den Grammatiker, der sein Lebenlang mit dem Mittelalter sich befaßt, der zur historischen Schule gehört, der einen Hoffmann von Fallersleben unartig behandelt hat? Wir bekämen dadurch immer wieder einen alten Mann mehr in den Reichstag. Ich hörte aber schon am Er- öffnungstage in der Paulskirche von einem Manne, der wahrscheinlich ein Friseur gewesen ist, die treffende politische Bemerkung, daß viel zu viel Glatzen und Grauköpsc im Parlament säßen.
Die Beschlüsse deS Reichstags können unter solchen Umständen nur durchaus reaktionär ausfallen. Wir erklären aber offen, daß wir uns solchen Beschlüssen nicht, fügen werden.
Vor 3 Wochen zwar, als es schien, daß der Bundestag die Souveränität des Reichstages antasten wolle, schickten wir sofort eine Adresse nach Frankfurt, in welcher wir offen erklärten, daß der Reichstag allein und im strengsten Wortsinne konstituirend sey, daß seinen Beschlüssen allein die ganze Nation sich fügen werde, baß er allein souverän.
Dies hindert uns jedoch nicht, heute eben so entschieden zu erklären, daß der Reichstag durchaus nicht souverän ist, sondern unter dem Volke steht, daß wir seinen Beschlüssen keine Folge leisten werden, sofern sie uns mißfallen.
Eigentlich liegt hier auch gar keine Meinungsänderung vor. Denn vor drei Wochen erkannten wir ja doch nur darum dem Reichstage so nachdrücklich alle Machtvollkommenheit zu, weil wir dachten, daß er just so denken und handeln würde wie wir. (Es war dies eine reservatio mentalis oder geistiger Vorbehalt, wie es die — Jesuiten nennnen.) Denn wir
*) DisS ist doch ein Irrthum. Strauß ist nicht 5 um Reichstag (andern rüm wnrtembrrgischcn Lantkag gewählt.
(Spätere Note des Verf.)