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Berlin, 19. Mai. Die polnischen Dinge sind wie ein verpesteter Brunnen. Jeder, der da hineinsteigt, wird asphy- rirt von der Stickluft. Namenlose Gräuel sind geschehen, ge­schehen noch täglich, geschehen auf beiden Seiten. General Pfuel, von allen, die ihn kennen, als ein liberaler, menschen- freundlicher Mann geschildert, hat das Standrecht proklamiren lassen, zeichnet die Gefangenen, wie die Indianer die einge­fangenen wilden Pferde zeichnen und diePosen'sche Ztg." vom 14. Mai rühmt es, wie General Hirschfeld den alle Polen einstimmig als ihrenHenker" bezeichnen und dem ein Hauptmann seiner Truppen den Degen vor die Füße warf, weil es keine Ehre mehr sey, raubenve und mordende Solda­ten anzuführen die Bauernhaufen aus ihren Waldverste­ckenhervorlockt" und mit Shrapnells niederkartätschen läßt.

; Die Amnestie-Dekrete, deren Termin heute abläuft, werden höchstens in den größeren Städten angeschlagen, dem Volke und namentlich den Jnfurgentenhaufen bleiben sie unbekannt; denn diese bekommen sie nicht zu lesen, und keine Zeitung meldet, daß Abgesandte zu solchen Haufen gesandt worden, um sie mit den Aufforderungen des Generals bekannt zu ma­chen. Bei allem diesem gräuelvollen Elende hat man nicht ein­mal den Trost, daß dasselbe aus dem konsequenten Gedanken einer Persönlichkeit hervorgegangen sey. Nein, es ist die Folge eines durch und durch verwerflichen Systems, das die besten Absichten und den edelsten Willen lähmt und jeden, der ihm naht, mit seinem Maschennetz umstrickt. Was vor sieben Wo­chen hier ein hochgestellter Militär sagte:In Polen darf kein Schuß fallen, sonst ist Alles verloren," hat sich furchtbar be­wahrheitet !

Frankreich.

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Paris, 20. Mai. Marrast und Bethmont sind ' gestern Abend zu Vizepräsidenten der Nationalversammlung er- wählt worden.

Die Staatsverfassungskommission hat Cormenin zu ihrem 1 Präsidenten und Woirhaye aus Metz zu ihrem Schreiber ge- ' wählt.

' Die Abtheilungen der Nationalversammlung diskutirten die Verbannung Louis Philipps mit vieler Wärme. Peter Bona­parte, unter Andern, hielt dergleichen Bannstrahlen für völlig unzeitig. Er stimmt in dieser Beziehung mit Odilon Barrot r überein.

j Etwa 500 Polen hat uns die Nordbahn zurückgeführt. Ihre Lage ist fürchterlich.

J Es stellt sich immer sicherer heraus, daß Huber und j Blanqui nichts arretirt sind. Letzterer richtet aus seinem Schlupfwinkel sogar einen zweiten Brief an den Konstitutionel, um ihm zu zeigen, daß er weder in Brüssel, noch in London, K sondern in seiner unmittelbaren Nähe sey.

z Das berüchtigte Konkordiafest soll nun doch endlich auf dem K Marsfelde morgen stattfinden. Dasselbe wird sehr einseitig aus- fallen, denn die eigentlichen Volksklassen werden keinen Theil daran nehmen.

g Im Ministerium des Ackerbaues und Handels geht es sehr j rührig her. Flocon, der dasselbe ad interim verwaltet, möchte sich in aller Eile unsterblich machen und wird der Nationalver- m sammlung folgende Gesetzentwürfe vorlegen 1) Ueber Urbarma- If. chung wüster Landstrecken; 2) Entsumpfungen ; 3) Bewässerun- II gen; 4) Landwirthschaftliche Kreditinstitute; 5) Ackerbau-, Han­dels- und Gewerbeschulen; 6) Viehstand-Verbesserung, um ge­sunderes Fleisch auf den Markt zu fördern; 7) Anlagen von Na- U tionalgemüsegärten ; 8) Errichtung von Ackerbau-Kammern, co- i mite's agricoles; 9) Revision der gewerbeverständigen Räthe, . conseils des prudhommes; 10) Arbeitsbüchelreform; 11) Ge­gen Arbeiter-Koalitionen re.

Derselbe Flocon hat an sämmtliche Präfekten den Befehl erlassen, alle Einkäufe von Lebensmittelvorräthen für die Staats- I Institute (Amtsanstalten, Gefängnisse, Wachthäuser u. dgl.) jetzt (r $u wachen, wo die Preise aller Art unerhört tief gesunken.

n . Nativ nalv ersa mm lun g. Sitzung vom 19. Mai. ii Llmentruppen und einige Kompagnieen der benachbarten Natio- 4 ualgarde bewachen die Zugänge des Sitzungssaales. Auf den ng Tribünen stellen sich die Damen wieder in bedeutender Zahl ein, * wie denn überhaupt bei dem weiblichen Geschlecht das "politische Gefühl immer mehr wächst. Abbe Fay et, Bischof von Or- )F ^ans , protestirte gleich nach Eröffnung der Sitzung gegen die iii vorgestrige Verfügung , laut welcher alles Verwenden bei der 4 Regierung sm Interesse irgend eines Dritten jedem Volksvertre- Vorboten seyn solle. Seiner Ansicht nach heiße dies der Wohlthätigkeit jede Rettung abschneiden.

Lacrosse, einer der Schreiber der Versammlung, stattetè. demnächst Bericht über die Begräbnißfeier der am Montage ge­fallenen Nationalgardisten ab, und trug darauf an, daß den Hin­terbliebenen ein Jahresgehalt ausgesetzt werde. Cormenin, 'der am Grabe eine Rede hielt, habe ihnen dies bereits versprochen.

Der Proklamationsentwurf der Glieder Berard, A. Fres- l o n, M o n t r o l und G. v. Beaumont fand den Beifall der Versammlung.Eine Hand voll Aufrührer (heißt es darin) hat das große Verbrechen in einem freien Lande begangen, das der verletzten Nation, der gewaltsamen Usurpirung der Volkssouveränetät. Bürger! durch keine Unterhandlung, kein Wort, keine Geberde ließen sich Eure Vertreter zur Anerkennung der Gewalt zwingen, und als man wagte, die Nationalver­sammlung aufgelöst zu erklären, eilte die entrüstete Bevölke­rung von Paris zu den Waffen und setzte uns durch ihr bloßes Erscheinen wieder in den Stand, Euch zu dienen und die Republik endlich zu konstituiren. Ganz Paris wacht über uns; sein Patriotismus bürgt für das Pfand, das Ihr ihm anvertraut. Wir sind glücklich und stolz ob der Hingebung dieses tapfern Volkes, das uns umgibt und vertheidigt. . . . Die Gerechtigkeit, in ihrem regelmäßigen aber energischen Gange wird die Schuldigen, ohne Ergreifung außerordentlicher Maaßregeln ergreifen; wir werden ihre schändlichen Hoffnuy- gen vernichten; wir werden keiner andern Reaktion Raum ge­statten, als der Entschlossenheit der Behörden. Der Vollzie­hungs-Ausschuß, mit Nachdruck und Einigkeit ausgeübt, wird die Unordnungen ändern. Treu unterstützt von seinen Agen­ten, wird er die wachsamen Diener des Volks wohl von den Urhebern und Förderern der Anarchie zu scheiden wissen. Die republikanischen Staatseinrichtungen werden künftig nicht mehr zum Schaden der Republik ausgebeutet werden können. Das Petitions- und Vereinsrecht sollen künftig nicht mehr als perfide Waffen gegen die Freiheit gezogen werden u. s. w.

Der National macht eine wichtige Entdeckung nach der an deren. Heute meldet ihm einer seinerportugiesischen" Mit­arbeiter aus Belgien, daß England die Chimäre von 1815, Frankreich von Ostende aus zu bekämpfen, wieder ausgenom­men und den Plan in aller Stille so weit vorgerückt habe, daß 110,000 Mann von Niewport bis Ipern, Menie, Andernade 2C. ?c. ein verschanztes Lager zu bilden im Begriffe seyen. Leo­pold sey zum Generalissimus dieses zweiten Waterloofeldzuges erkoren u. s. w.

Paris, 20. Mai. Der Akbar vom 11. Mai enthält folgenden Abschiedsbries der Bewohner Algiers an den General­gouverneur Cavaignac:Herr Gouverneur! Sie haben Worte des Abschiedes an uns gerichtet; vernehmen Sie die uns- rigen. Sie sind nicht unser natürlicher Fürsprecher, denn Sie beabsichtigen, die vollständige Vereinigung und Verschmelzung Algeriens mit Frankreich zu bekämpfen, also gegen unsere innig­sten Wünsche zu handeln. Seit achtzehn Jahren erheben wir unsere Stimme gegen militärischen Despotismus , gegen die Ausnahmeherrschaft, die man uns bereitet: und Sie sagen uns in ihrem Abschiedsworte, daß Sie mit dem Entschlusse abreifen, dieses System zu vertheidigen! Nein, Sie sind nicht unser natürlicher Sachwalter, Sie sind kein Vertreter unserer Inte­ressen , Sie sind im Gegentheil ihr Gegner. Leben Sie wohl, Herr Gouverneur, Sie kehren nach Frankreich zurück, wir da­gegen bleiben in unserem Elende hier. Doch die Republik von 1848 wird auch unsere Wünsche zu befriedigen wissen. Der nächste aller dieser Wünsche besteht in der vollkommenen Gleich­stellung und Verschmelzung Algeriens mit Frankreich. Hoffen Sie nicht, in der Nationalversammlung durch Ihre Stimme die­sen Gesammtruf Algeriens zu übertäuben. Gruß und Brüder­schaft. Algier, den 10. Mai, Abends 11 Uhr." (Folgen die Unterschristen des Gemeindevorstandes im Saale Gambini's.)

Nachschrift

* Wiesbaden, 22. Mai. Heute Nachmittag um 4 Uhr war die erste Sitzung unserer Ständekammer unter dem Vorsitze des Alterspräsidenten Müller I. Derselbe trat mit einer kur­zen Rede sein Amt an. Hierauf eröffnete Ministerialpräsident Hergen Hahn die Versammlung, daß Vizepräsident Ler, Prä­sident Vollpracht und Ministerialrath Bertram zu Regie- rungskommissären ernannt worden seyen. Es entspann sich eine ziemlich lebhafte Debatte über die Fragen, ob die alte Geschäfts­ordnung noch so lange maßgebend seyn solle, bis die Kammer