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Beiblätter

jur Nassauischen Allgemeinen Leitung

für Literatur, Kunst und gemeinnützige Interessen.

â' 50

Sonntag den 21. Mai

I8T8.

* Der Sehreiberkönig.

Ein politischer Romon aus den letzten Tagen des PolizeistaatcS , von W. H. Riehl.

(Schluß.)

Mit dem Amtmanne stand es am bedenklichsten. Seit er pensionirt war, hatte er von Zeit zu Zeit verschiedene wirkliche Sparren im Kopfe.

Oft glaubte er, er sey ein Aktenschrank. Dann stellte er sich stundenlang steif wie ein Grenadier und ohne ein Glied zu rühren an die Wand. Uebermannte ihn dabei der Hunger, so forderte er ein Stück Schwarzbrod, aus welches er mit Kreide schreiben ließ:Faszikel I, b, Erhebung der Hunds­tare betr.", oderFaszikel III, a, Protokolle, die Einleitnng einer Untersuchung gegen den rc. Robert Stauff wegen ver­suchten Hochverrathes betr." u. dgl. , hielt dann diese Brod­schnitte für Aktenstücke und öffnete mit würdevollem Blicke die Thürflügel seines Mundes, um das anvertraute Gut Hin- nmtcrzuschieben in die geheimen Fachwerke.

Zu anderer Zeit behauptete der Pcnsionirtc, er sey die iStaatsmaschine." Dann durfte ihn Keiner anrühren, damit I sich an einem der zahllosen Rädchen seines Innern nicht ein I Zahn verbiege. Der Mittelpunkt der Maschine sey der Nabel, I meinte er (viele Staatsmänner sind deßhalb somnambül und I wollen schlechterdings nur durch den Nabel 'sehen und hören, I nicht durch Aug' und Ohr), vom Nabel laufen zahllose Schnür- I chen, Ketten und Federn nach allen Theilen des Körpers aus, x so daß die Maschine durch einen Ruck in Gang gesetzt und I stille gestellt werden könne. So oft sich der Amtmann für die I Staatsmaschine hielt, heftete er sich einen Zettel auf die Brust, worauf in großen Frakturbuchstaben zu lesen stand:Paten- tirt durch die Karlsbader Beschlüsse und die Wiener Kon- [ ferenzeu."

In den Augenblicken, wo der arme Stöpselius noch am I vernünftigsten war, behauptete er, die Minister, ja der Fürst I selber seyen Demagogen und stünden mit Marr und Heinzen - im geheimen Bunde. Darüber setzte er mehrmals eine sehr ; gelehrte und weitläufige Schrift auf, die er an das Reichs­

kammergericht in Wetzlar addressirte. Leider wurde^aber das Paket unter dieser Adresse jedesmal vom diesseitigen Postamt zurückgewiesen.

Mitunter lag der Amtmann sogar geographischen Unter­suchungen ob. Er wollte" nämlich närrischer Weise erst noch ausfindig machen, wo Muckersdorf eigentlich liege. Und ob­gleich nun Jedermann weiß, daß eS zwei Stunden von Rei- chenborn hinter dem Walde liegt, kam der Amtmann doch zu einem ganz andern 'Ergebniß. Er behauptete steif und fest, Muckersdorf liege eine Meile von Schilda, eine Meile von Schöppenstadt und eine Meile von Kuhschnappek, also genau (wie der Kunstausdruck in den alten Geographiebüchern heißt) im Herzen von Deutschland.

Frau Philippine war untröstlich über diesen unheimlichen schwankenden Seelenzustaud ihres Mannes , allein der Arzt beruhigte sic, indem er sagte, diese Erscheinung sey etwas ganz Gewöhnliches, man nenne sie in der Heilkunde das Pensions- fieber. Eine solche Krisis baute nicht lange an und spätestens in einem halben Jahre werde ihrem Gatten der volle helle Verstand wiederkommen. Diese Sparren, welche jetzt so schroff zu Tage treten, seyen schon längst im Kopfe vorhanden gewe­sen , die gegenwärtige Krankheit sey der wohlthätige, wenn auch gewaltsame Durchbruch all jenes Siechthums, welches seit Jahr und Tag dem Herrn Amtmann in der Haut gesteckt. Sey diese Krisis überstanden, dann werde er mit einem Male aufhören,ein Staarshämorrhoidarius zu seyn, und wiederum ein. Mensch w erd en.

Martin und Elisabeth waren die Glücklichsten. Was der Amtmann im ersten Aufbrausen des Zornes ausgesprochen hatte, daran hielt er fest, selbst dann noch, als ihm wirklich der helle Verstand wiedergekehrt war. DieDienerschaft" ist ihm nur eine geheiligte Kaste gewesen, so lange er selber dazu zählte, nun wollte er der großmüthige Beschützer derBürgerschaft" seyn.

Als Martin wieder immer und alle Tage offen und laut mit seinem Mädchen reden durfte, zeigte er ihr auch jene Stelle