Nassauische
Allgemeine Zeitung.
50» Sonntag den 2L Mai 18L8.
Die Nass. ,Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. — Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden S f[., für den Umfang des Herzogthums Nassau, des Großherzoqthnms und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt Ä fl. 30 ft., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarièschen Verwaltungsgebietes Ä fl. 40 fr. — Julerate werden die dreispaltige Petitjeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellcnberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Belgische Zustände.
Deutschland. Wiesbaden (Die provisorische Verwaltung der Regierungsgeschäfte). l — Aus Würtcmberg (Unruhen auf demjLande). — Vom Rhein (Die Rückberufung des Prinzen von Preußen). — AuS demMün - st erlande (Die Wahlen. Die Reaktion unter dem Adel und den Beamten. Religiöse Unduldsamkeit mit politischen Motiven). — Berlin (Die Ruhe wieder hergcstellt. Verhaftung verdächtiger Personen. Die Unterhandlungen mit Schleswig).— Kroto sch in. — Wien (Die italienische Armee. Die österreichischen Finanzen).
Schweiz. Bern (Neutralität der Schweiz).
Schweden. Gothen burg (Der SkandinavismuS).'
Holland. Vom Niederrhein (Reformministerium).
Italien. Rom (Gesetze und Recht).
Nachschrift. Paris (Die Nationalversammlung unter dem Schutzeder Bajonette. Huber und Blanqui entflohen. Die Verhaftungen. Ein- zelnheiten. Plünderung. Die Klubbs. Projektirtes Ministerium der Demokraten. Die Waffenmacht. — Madrid (Maßregeln zur Aufrechthaltung der Ruhe).
— Belgische Zustände.*)
Brüssel, den 15. Mai. Die Ruhe unserer Hauptstadt dauert fort, die innere Lage des Landes wird täglich besser. Von eigentlich politischen Bewegungen war überhaupt in diesen Zeiten bei uns nicht die Rede, denn das Geschrei von einigen sich für hellsichtig haltenden Bethörten, wie Bornstedt und Marr, hat durchaus keinen Anklang gefunden. Wir Belgier bilden den Fortschritt auf unsere Weise aus. Der Mangel an Arbeit, der die niedere Klasse so hart traf, bei den übermäßigen Jndustrieunternehmungen des Landes, flößte allerdings ernstliche Besorgnisse ein; es schien zu befürchten, als würde uns die Industrie, bei fehlenden Absatzwegen, erdrücken und unsere Unabhängigkeit materiell gefährden, die doch gerade jetzt in den Gemüthern wieder so lebendig erwacht ist Allein die Feldarbeiten, der wohlfeile Markt für die Lebensbedürfnisse, die löblichen und andauernden Anstrengungen der Negierung, die glänzenden Aussichten auf die nächste Ernte haben, wenigstens für die nächste Zeit, diese Gefahr entfernt. So haben wir nichts zu fürchten, als den Druck, den fremde Mächte etwa gegen uns ausüben möchten; aber auch nur von Seiten ganzer Staaten könnten wir eine Gefahr für uns besorgen, — denn Krieger der Art, wie wir sie jüngst kennen gelernt haben (früher als das rheinische Deutschland), erschrecken uns gar nicht, wären diese Fechter auch in noch so großer Zahl! Die geistige Regsamkeit unter, den Deutschen, die sich so entschieden auf Staat und Gesellschaft wirft, ist uns keineswegs fremd. Vor Allein und in hohem
*) Man muß in Belgien leben, um zu wissen, welche irrige und verfälschte Nachrichten über dies spät gewürdigte Land verbreitet sind und noch werden. Die Korrespondenzen der A u g s b n r g e r Allgemeinen Zeitung sind zum bei weitem größeren Theile in versäl- ichender Manier gehalten; an Auslassungen und Entstellungen gibt es da Ueberfluß.
Die Kölnische Zeitung liefert sehr ungleiche Korrespondenzen, manchmal gute, dann wieder untaugliche; diese nehmen dann gewöhnlich den Gang durch viele andere, eigener Mittheilungen entbehrende Blätter. Dadurch ist es geschehens daß in Belgien deutsche Blätter so vielfach geringgeachtet wurden, was man einem Volke, das so viel mit sich selbst zu thun hatte und wirklich that, nicht verdenken kann; denn es hatte gewiß verdient, gewürdigt zu werden. Erst seit einigen Wochen hat unter Anleitung der Deutschen Zeitung diese Würdigung im Großen begonnen; sie int Einzelnen nach dem Geiste deS Ganzen durchzuführen, will ich beizutragen suchen.
Anmerkung deS Korrespondenten.
Grade intcressirt uns, was jetzt in Frankfurt gährt und treibt. Würde nur nicht so viel Unwahres und Unverläßliches über die deutschen Verhältnisse umgetragcn! Die freie Presse in Deutschland wird herkulische Mühe anwenden müssen, um Schmutz und Lüge auszustoßen, aus denen man oft das Thatsächliche kaum auslesen kann.
Das Gerücht findet hier viel Glauben, daß die französische Negierung der unserigen eine drohende Note zugestcltt habe, um sich über die von letzterer angenommene Haltung , vorzüglich aber über die wenig ehrerbietige Sprache gewisser belgischer Zeitungen über gewisse Handlungen der Republik, oder vielmehr der Republikaner, zu beschweren. Aber sonderbarer Weise sind eben diese Zeitungen von Franzosen redigirt; auch hatte das liberal- ministerielle Blatt, die „Jndöpendance," lange Zeit und heftig die Regierung Louis Philipps angegriffen, ohne daß der König sich dadurch beleidigt gefühlt und dawider reklamier hatte, wie es nun, heißt es, die Republik thut! Wie es aber mit jenem Gerücht auch sey, die „Emanzipation," die sich bisher durch ihre großen Freiheiten gegen die neue französische Regierung hervorgethan hatte, huft aus einmal zurück und kündigt offen an, daß sie hinfort über diese Gegenstände einen andern Ton annehmen werde!
Nach den jüngsten Nachrichten aus Nom erwartet man hier allge: .etn das Einrücken der Franzosen in Italien. Eine gestern von Paris angekommene Person erzählt, daß ehegestern Abend in Paris eine Manifestation zu Gunsten der Polen statt gefunden hat, und daß man für heute eine ähnliche erwartet, woran 50,000 Arbeiter Theil nehmen sollten.
Unsere Kammern haben das neue Zwangsanleihen bewilligt; allein es wird schwer halten, dasselbe von den Steuerpflichtigen einzubringen. Nach zwei schlimmen Jahren, an denen unser Land sehr gelitten hat, kann es schwerlich eine Last ertragen, die, unter der Form von Anleihen, der Vorauszahlung von zweijährigen Abgaben gleichkommt. Man muß aber der Maßregel die Gerechtigkeit widerfahren lassen, daß sic eine gute Grundlage, die Renten, hat, die offenbar viel freisinniger ist, als weitere Steuererhöhung. Auf diesem Wege gehen wir wohl einer income-tax entgegen. Anleih en und Auflegen! das ist heute das geläufige Losungswort einer Opposition gegen die freisinnige Verwaltung; freilich sind es nur die Republikaner vow gestern her, welche dieß unverstandene Geschrei erheben! Entblöden sie sich doch nicht, selbst in Petitionen an die Kammer, zu behaupten, die gezwungene Staatsanleihe sey verfassungswidrig, weil unser Grundgesetz nicht von Anleihen, sondern nur von Auslagen redet; sie bringen dann diese sonderbare Folgerung zu Tage: „Der Staat dürfe wohl von dem Eigenthum der Bürger nehmen, um es zu behalten, nicht aber leihweise, unter der Bedingung, es dereinst zurückzuerstatten." Das ist eine Probe ihrer Stantsweisheit.
Ein neues Gesetz über die Organisation der Bür- gerwehr wird nächstens in Kraft treten.
Die Kammer wird am 20. d. M. aufgelöst werden, desgleichen der Senat, sobald derselbe ein Gesetz über die Wahlfähigkeit wird votirt haben, wodurch unsere Legislatur geläutert werden soll. Der Steuerbetrag zur Wahlfahigkeit soll nämlich allgemein auf 20 Gulden erniedrigt werden. Bisher stand derselbe in den Städten viel höher, wodurch die Wahlfähigkeit daselbst leider sehr beschränkt wurde. Davon war die Folge gewesen , daß bei vielen Wahlen die Landlente (die den Priester- einflüssen so ausgesetzt sind) den Ausschlag allein geben konnten,