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ein Vierter herzu, reißt seinerseits wieder den Bestrittenen hinweg und ruft: Robert Stauff ist's, Robert Stauff, bet erwählte Abgeordnete von Muckersdorf. Und nun führten sic den merkwürdigen Burschen im Hellen Jubel in den Rathhaus­saal, der Amtmann und der Bürgermeister sprachen entsetzt wie aus einem Munde: Das geht nicht mit rechten Dingen zu, und der Amtsdiener, der die Doppelrede hörte, rief: Amen, jetzt ist wieder eine arme Seele aus dem Fegfeuer er- lös't worden. Nun aber kommt noch das Beste. Als diese Geschichte zu Ende war, erhält der Amtmann einen großen Brief aus der Hauptstadt mit einem Siegel wie ein Kron- thaler. Er erbricht ihn und beginnt vor unsern Augen darin zu lesen, aber plötzlich läßt er das Schreiben aus den Hän­den fallen, fing selber zu wanken an und rief:Pensionirt! --Pen si onirt!"

Es hatte seine Richtigkeit, das Papier ist sein Pensioni- rungsdekret gewesen. Die Leute, welche den Amtmann nach Hause führten und halb trugen, erzählen, er habe unterwegs die lästerlichsten Reden ausgestoßen, auf die Regierung ge­schimpft, auf die Minister, auf Land und Leute, auf Gott und alle Welt hätt' es Unsereiner gethan, er wäre sogleich in die Eisen geschlagen worden absonderlich aber auf alle Staatsdiener! Ja, er soll ein um das andere Mal gerufen haben: bisher habe er seiner Nichte nicht erlauben wollen, an die Verheirathung mit einem Schlosser zu denken, weil ein Schlosser kein Staatsdiener sey; jetzt wolle er ihr befehlen, den Schlosser zu heirathen, eben deßhalb, weil ein Schlosser kein Staatsdiener sey, damit sie ja nicht flugs über Nacht ein Auge auf einen Staatsdiener werfen möge"

Haltet ein!" rief der Fremde,laßt mich absteigen, ich muß zurück nach Muckersdorf!"

Nach Muckerödorf? Rappelt's Euch im Kopfe? Wir sind noch eine Viertelstunde von Reichenborn."

Aber Martin, der SchlossersgeseUe denn er war's gab gar keine Antwort weiter, sprang vom Wagen, während das Pferd in scharfem Trabe fortlief, und rief dem Bauern aus der Ferne nochgroß Dank" undglückliche Reise" zu. Dann rannte er die Muckersdorfer Straße hinab, daß ihm der Athem ausging und der Schweiß in Strömen von der Stirne rann. Allein, wie Hütte er's nach solchen Nachrichten noch eine halbe Stunde außerhalb des Berings der Muckers- dorfer Stadtmauer aushalten können?

Wie der Bauer erzählt hatte, so war cs geschehen. Er hatte aber freilich nicht von allen Ueberraschungen wissen kön­nen. Nachdem die Kunde, daß der Kanzleigehülfe und Schrei­ber die gleiche Person sey mit Robert Stauff, dem reichen Fabrikherrn und Volksredner, unter die Frauenwelt des Amt­hauses und des Reichenborner Bürgermeisterhauses gedrungen

war, entspann sich ein geheimer Wettkampf zwischen der fet­ten und der mageren Sentimentalität, indem E>ue vor der Andern dem jetzt dreifach anziehenden Manne eine zarte An-; deutung zukommen lassen wollte, daßJnunmehr eine längst aufdämmernde Liebe zum vollen Morgenroth angebrochen sey. I Stauff schrieb darauf folgenden gleichlautenden Brief an das Fräulein und die Jungfer:

In alten Büchern hatte ich gelesen von dem großen; Gambisten Ernst Christian Hesse, der vor anderthalb- hundert Jahren nach Paris zog, um in seiner Kunst ein vollkommener Meister zu werden. Dort lebten zwei gleich gepriesene Meister seines Faches: Marais und Forque- ' ray. Diese beiden haßten sich eben so sehr untereinan- der, wie sie Hesse, den deutschen Gambisten, haßten, dessen Ruf bereits nach Paris gedrungen war. Um nun doch die Lehre beider Männer nützen zu können, ward, Hesse je unter einem anderen falschen Namen Marais' und Forqueray's Schüler. Wenn sich die beiden Frau- $ zoscn gegenseitig ärgern wollten, dann pries Einer dem Andern die Trefflichkeit seines deutschen Jüngers an, [ und als die Sache endlich durch einen förmlichen Wett-1 kampf im Konzerte entschieden werden sollte, zeigte sich's, daß die beiden Kämpfer Ein Mann, ja daß es der ge- fürchtete Hesse selber sey.

Diese Geschichte gab mir den Gedanken ein, Muckers- ; dorf und Reichenborn je in einer anderen falschen Rolle kennen zu lernen. Die Verwaltungsgeheimnisse unserer Amtleute und Bürgermeister sind leider so lief, wie He | diplomatischen: hatte ich nicht ein Recht, dieselbe zu tt'- gründen? /

Nirgends steht zu lesen, daß Marals und Forque- ray eine Tochter gehabt hätten, nirgends, daß Hesse ober j Baum oder Strauch--doch ich weiß auf so viele schöne Worte Ihres Briefes nur mit Einem zu antwor- ten daß ich seit sechs Jahren bereits verheirathet und der glückliche Vater zweier Kinder bin" Dieser Brief bewirkte, daß die ammenhafte Jungfer und daS schnatterhafte Fräulein von nun an je über den anderen Tag zusammenkamen, um ihre schönen Gefühle zu nähren, und daß Fräulein Susette sich vornahm, aus der Geschichte von Marais und Forqueray ein Lustspiel zu schaffen , wobei sie jedoch abweichend von der Ueberlieferung jedem der beiden Meister eine Tochter geben wollte. Wie sie behauptete, schrieb sie das Lustspiel fast aus demselben Grunde, aus welchem Goethe seinen Werther geschrieben hat, um nämlich durch Selbstironie der eigenen Schmach quitt zu werden.

(Schluß folgt.)