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gerne nach dem Lichte der drei Fackeln gelauscht, und ihre Liebeswünsche zum Gebet zusammengewoben, um zu sehen, ob derweilen der magische Schein hell oder düster erglühe. Denn sie hatte ja so lange nichts gehört und gesehen von ihrem Martin, wußte nicht, wie es dem Flüchtigen erging, und die Zukunft ihrer Liebe stand vor ihrer Seele als ein fernes, schwankendes Traumbild. Wäre Betty nicht das frische, lebensmuthige Ding gewesen, sie würde sich eine un­glücklich Liebende genannt haben.

Der letzte Freitag im November war diesmal ein großer Tag für Muckersdorf: der lang vorbereitete Wahltag. Da ging es drunter und drüber im Amthause. Susette , ja selbst Frau Philippine hatten heute den Kopf so gut voll poli­tischer Ideen, Hoffnungen und Befürchtungen, wie der Amt­mann selber, und Niemand nahm die kleine Betty in Acht, welche in ihrem eigensinnigen Köpfchen schlechterdings keinen Raum mehr übrig hatte für Wahl-Sympathien. Sie hatte lange schon auf den freien Tag gerechnet und wollte ihn gut benützen. Nach König Etzels Höhle stand abermals ihr Sinn trotz der früheren Warnung; denn vielleicht saß nur deßwegen der Glaube an die Wunder dieses Ortes so fest, weil es gar- selten einem Kletterer gelang, die Geheimnisse da droben mit eigenen Augen zu schauen. Weit entfernt, daß der Gedanke an den gefährlichen Sturz Betty abgeschreckt hätte, ermunterte er sie vielmehr, das eitle Wagniß von neuem zn beginnen; denn die Erinnerung lauschte im Hintergrund, daß sie ja durch diesen Sturz ihrem Martin wieder zugeführt worden sey, und die Hoffnung, jenes heimliche Plätzchen im Gebüsch wieder zu betreten, zog das kindliche Mädchen vielleicht noch viel stärker nach den Felsen, als der Glaube an die drei Fackeln, welche heute vor König Etzels Throne brennen.

Wie sich die Ansicht der ganzen Felsengruppe verwandelt hat! Die Felsen sind öder, nackter, wilder und zugleich groß­artiger geworden; denn die Oktoberstürme haben den üppigen Schmuck von Gras und Blumen und Laubgewinden, der ihre Formen zur Hälfte verhüllte, hinweggerissen. Die Zerklüftun­gen und Risse erscheinen schwärzer, das ganze Gestein über­haupt dunkler von Farbe; denn die rastlos niederströmenden Herbstregen pflegen diese Tinten zu doppelt gesättigter Tiefe aufzufrischen: selbst das helle Moos ist jetzt schwärzlich grün, weil es von eingesogencm Wasser strotzt. Die Bäume und Sträuche, welche aus den Spalten aufschießen, bilden nicht mehr in den weichen, unbestimmten Formen des Blätterwerks den wohlthätigen Gegensatz zu den scharfumrissenen Kanten und Ecken des Gesteins, ihre halbentlaubten zackigen Aeste, die unverhüllten knorrigen Stämme scheinen jetzt nur noch die Nachahmung der harten, schroffen Grundformen der Stein­welt zu seyn.

Als Betty am Fuße des Felsenhanges zwischen dicht aber nur niedrig aufgeschossenen Hainbuchenstämmen wandelte, glaubte sie sich schon in einen Mährchenwald versetzt, ganz so,

wie sich's paßte für den Weg zu König Etzels Höhle. T Hainbuchen zählten gewiß mehr als hundert Jahre, aber br steinige Boden ließ keinen rechten Schuß in den aufwär! strebenden Trieb des Baumes kommen, darum waren die niâ deren Stämme dick, knorrig, voller Auswüchse und Runzel» ein eisenfestes Holz, zu den abenteuerlichsten Gestaltungen ew artet. Und jeglicher Stamm war bis zu dem Punkte, d die untersten Aeste ansetzten, ganz mit schwarzem Moose übe webt, daß es schien, als hätten lauter finstere zwerghafte & bolde sich hier in Baumstämme verwandelt. Sah man tim in das Gehölz hinein, dann glaubte man hinten gewiß imm; dunkele menschliche Gestalten zu erblicken, kam man at| näher, so war's stets nur ein zwergenhafter Baumstamm.

Wie von einer unsichtbaren Hand geführt, fand BW das heimliche Plätzchen in den Büschen wieder, wo sie damM bewußtlos gelegen hatte. Es war nicht leicht auszufinde wenn man des Ortes so unkundig war, und doch ging iq Mädchen geraden Weges nach der Stelle, ohne ein einzig! Mal rechts oder links abzuirren.

Aber das Plätzchen hatte heute den schönsten Schm» seine Einsamkeit, verloren. Das Buschwerk, dessen dichte $ laubung im Sommer eine schützende Wand gegen den um vorbeistreifenden Fußpfad hin gebildet hatte, war kahl i« blätterlos, und alle Geheimnisse der geweihten Stelle dem Aut der Wanderer preisgegeben. Ein Mann saß nebenan am Fu? Pfade auf dem breiten Wurzelwerk einer Buche, und blich herüber durch die lichten Zweige.

Betty wollte scheu zurückfliehen, aber auch sie war niD ungesehen geblieben. Als wolle er sie verfolgen, brach sich d Mann mit kräftigem Arme Bahn durch die Büsche und hol« sie ein, just am Saume des geweihten Plätzchens.

Elisabeth! Elisabeth!" rief es hinter den Fliehenden- und wenn es nicht eine Zauberei des Ortes gewesen ist, dH stand Martin vor ihr. Ja, er war es, wirklich und leibte tig, und wie er fest den Arm um ihre Schulter schlug, füM sie wohl, daß es kein Schattenbild sey.

So war plötzlich und ungeahnt die nicht minder gefürc tete als ersehnte Stande gekommen, wo die beiden Liebend statt geisterweise blos mit den Lippen für's Auge zu rede lebendige, aus der Tiefe der Brust gesprochene Worte s Ohr und Herz tauschen konnten. Und ob Beide gleich vord gedacht hatten, daß mit dem ersten laut gesprochenen Woi das zarteste Wesen ihres Traumes zerrissen werden, der id! lische Hauch hinwegziehen müsse von ihrem melodischen Lied gedicht, war dem doch nicht also. O nein, der festgepräg Klang der Stimme ist darum noch nicht die rauhe Mat welche kalt und zerstörerisch in die sonndurchglühten Gebli unserer Gemüthswelt eingreift!

Ist mir's doch " sprach Martinnun ich Dei Stimme wieder höre und selber laut mit Dir reden kann, t ob nach langen Fastenspeisen endlich einmal wieder die was