Einzelbild herunterladen
 

Beiblätter

3itt Nassauischen Allgemeinen Leitung

für Literatur, Kunst und gemeinnützige Interessen.

M £7. Donnerstag den 18. Mai 18/18.

* Der Schreiberkönig

Ein politischer Roman aus den letzten Tagen deS PolizeistaateS, von W. H Riehl.

(Fortsetzung.)

Da abermals ward abermals eine verhângnißvolle Frage unter den zunächst Stehenden aufgeworfen:Wen stellt der Strohmann vor? Wen wollen wir verbrennen?

Die Einen riefen:Den Amtmann Stöpselius "

Die Anderen:Die Kornwucherer "

Die Anderen:Den alten Staat, welchen wir heute um­gestürzt "

Andere:Die Jesuiten "

Andere:Die reichen Leute"

Andere:Die feisten Bäcker"

und ein Muckersdorfer Schreiner, der mit Leib und Seele jung-italienisch gesinnt war, meinte gar, der Strohmann müsse schlechterdings den Fürsten Metternich oder die Tedeschi, bie Barbari vorstellen.

Während man noch herüber und hinüber stritt, trat ein stattlicher Mann, den bisher Keiner bemerkt, festen, stolzen Schrittes vor, seine Augen funkelten, daß die Kecksten solchem Blicke kaum Stand halten konnten. Er nahm den Strohmann und schleuderte ihn in'S Feuer und während die Flammen hell aufschlugen und eine dicke Rauchsäule nachwirbelte, schwang er sich auf den Marklbrunnen und sprach zu dem versammel­ten Volke:

Wohlan! jetzt ist der Feind verbrannt, gegen welchen wir diesen ganzen Tag gestritten. Laßt uns nun einig werden über DaS, was eigentlich unsers Beginnens Zweck und Ziel ist. Die, welche gegen den Amtmann aufgestanden sind, mögen sich rechts stellen, die gegen den alten Staat links, die Widersacher der Bäcker hüben, ihre Freunde drüben, die Kommunisten hier hervor waS zögert Ihr?^ Haben wir deßhalb den Strohmann verbrannt, daß Ihr Alle nun selber plötzlich zu Strohmännerrn werden sollt? Das muß eine stroherne Sache seyn , über die man verstummt, wenn man Ziel und Ende klar bedenkt! Nun, wenn dann keine Partei

hervortreten will, so möge es wenigstens die, welche über ihren Zweck am klarsten nachgedacht hat, die Partei der Bier» krüge und Porzellantassen, der gestohlenen Häringe und zer­schnittenen Fruchtsäcke! Hierher Ihr Lehrburschen, Ihr Mägde mit den unüberwindlichen Kehlen, Ihr Zechbrüder aus dem letzten Heller, hierher alle Gassenbuben!"

Die ordentlichen Bürger schlichen ganz sacht davon. Wer ist der Mann, fragten sie sich unter einander, der uns auf offenem Markte spotten und ausputzen darf, und Keiner wagt, ihm zu antworten? Der uns lauter Dinge sagt, die wir urrs selber schon gesagt haben, aber mit so schneidendem Ton, daß uns nun erst die Schuppen von den Augen fallen? Einige meinten: Er sieht dem Kanzleigehülfen des Amtmannes ähn­lich, wie ein leiblichee Bruder, nur daß er größer ist von Gestalt, stolzer in Haltung, feuriger im Blick, mächtiger in Gebärde und Sprache; kurz ein Mensch von grundverschiedener Physiognomie, nur in der Silhouette find sich Beide wunber- sam ähnlich. Andere sprachen: Wir kennen den gewaltigen Mann, es ist Robert Stauff, der gefeierte Volksredner.

Unterdessen hielt es Staust schtver, sich auf seinem Platze zu behaupten. Obgleich viele Stimmen ihn bei Namen riefen, und ihm ein domrerndes Hoch» ausbrachten, drängten sich di« ärgsten Ruhestörer herzu, wüthend über den Erfolg seiner Worte, und suchten ihn vom Marktbrunnen herunterzureißen.

Aber schützend ihm zur Seite stand ein tapferer Palatm Martin, mit der wohlbekannten Eisenstange bewaffnet. Wer seinem Befreier zu nahe kam, den trieb er mit tüchtigen Püf­fen zurück, und die Muckersdorfer hatten bereits früher Respekt bekommen vor dem nervigen Arm des Schloffergesellen.

Allein die Zahl der Angreifer begann dem wackern Strei­ter allmählich gefährlich zu werden, in wenigen Minuten mnßtr seine Kraft gebrochen, mußte der treue Schildknappe übermannt seyn. Da sprang ihm im Augenblicke der höchsten Noth ein Mann zu Hülfe, von dem man'S nicht hätte erwarten sollen Damian.Das heißt tüchtig d'rauf losgehämmert, Schlos­sergesell ! " rief er,hier muß ich helfen! Nun Martin, wie gefällt Euch unsere Revolution?"