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zur Nassauischen Allgemeinen Leitung

für Literatur, Kunst und gemeinnützige Interessen.

â 46.

Mittwoch den 17. Mai

1828.

* Der Schreiberkönig.

Ein politischer Roman aus den letzten Tagen des Polizeistaates, von W. H. Riehl.

(Fortsetzung.)

Wo nur der Kanzleigehülfe steckt? Seit gestern Abend ist er spurlos verschwunden. Der Amtmann sehnte ihn herbei als seinen letzten Trost; denn seit einiger Zeit hat er ein großes Vertrauen zu dessen praktischen Rathschlägen gefaßt und heute würde er ihn so gern als Herold der öffentlichen Gewalt unter das aufständische Volk geschickt haben; denn er sagte zu den Frauen, es schicke sich nicht für ihn als Amtmann, daß er zu Fuße unter dem Volke erscheine bei einem Anlaß, wo seine Vorfahren stets zu Pferde gekommen wären, und beklagte bitterlich, daß er nicht besser reiten könne.

Und wo steckt der Amtsdiencr? Er sitzt im Keller bei dem geflüchteten Glaswerk. Der Amtmann läßt ihn herauf­holen.

Feiger Kerl! Jst's jetzt Zeit, sich zu verstecken? Warum bist Du nicht draußen auf dem Markte und hilfst die Tumul­tuanten zerstreuen?"

Gestrenger Herr, als ich neulich in der Residenz war, er­zählte man sich dort folgende Geschichte. Ein Bedienter im fürst­lichen Schlosse war plötzlich übergeschnappt. Kein Mensch durfte ihm nahe kommen, und weil er in seiner Kammer durch­aus keine bessere Vertheidigungswaffe finden konnte, zerschlug der Wüthende die Fensterscheiben und wehrte sich mit den scharfen Glasstücken in Wurf und Hieb gegen Jeden, der ihn bändigen wollte. Da schickte man drei Mann Gardesoldaten mit einem Korporal von der Schloßwache hinauf, daß sie den Narren griffen und bänden. Es währte lange, die Mann­schaft kam nicht zurück. Besorgt gingen ihnen endlich ihre Kameraden nach, da fanden sie dann einen Mann hinter der Thüre versteckt, die beiden andern mit dem Korporal aber waren in den Kamin gekrochen; eS soll ein großes Kunststück gewesen seyn und die drei baumlangen Gardesoldaten mit den großen Bajonettflinten in dem engen Kaminloch sollen sich fast

wie der Haspel in der Schoppenflasche ausgenommen haben. Der übergeschnappte Bediente aber stand wie ein Bonaparte mitten in der Stube und drohte den vier schwerbewaffneten Gardesoldaten mit einer Glasscherbe. Ich habe nicht Flinte und Bajonett, bin ganz allein und soll hundert Uebergeschnappte, die mit Stöcken und Steinen bewaffnet sind, greifen und bin­den? Einem Narren, Herr Amtmann, geht ein Wagen voll Heu aus dem Wege, wie viel eher ein Amtsdiener!"---

Kaum hatte der Amtsdiener ausgeredet, als einige der achtbarsten Bürger unter den Fenstern des Amthauses erschie­nen, denn sie hatten vergeblich nach einer offenen Thüre ge­sucht, und dem Amtmann eröffneten, daß sie als Freunde der Ordnung sofort zur Bändigung des Gesindels eine Bürger­garde errichten wollten, wenn man ihnen nur die alten Waf- fenvorräthe des Amthauses zur Verfügung stellte.

Dem Amtmann stieg die Galle in's Blut über diesedema­gogische" Anmuthung, daß er sogar auf fünf Minuten Angst und Zittern vergaß, an's Fenster trat und in trotzigem Tone den ehrlichen Leuten zurief:Eine Bürgergarde errichten, heißt - das Siegel der Gesetzlichkeit auf eine Revolution drücken. ! Glaubt Ihr, ich wollte solchergestalt Eurn Krawall sanktio- niren? Glaubt Ihr, wir seyen in Italien? Glaubt Ihr, ich sey Pius der Neunte?"

In der That wir sehen, daß Sie nicht'Pius der Neunte sind, sondern immer noch der leibhaftige Herr Amtmann Fürchtegott Zacharias Stöpselius!" erwiderte der Sprecher mit ingrimmigem Hohne, und die ehrenwerthcn Bürger gingen zornig wieder nach Hause.

Jetzt hatte sich der Amtmann selber das Urtheil gesprochen.

Die wilde Rotte wälzte sich gegen das Amthaus. Auf dem freien Platze vor demselben ward Halt gemacht, ein Fäß­chen Bier aufgepflanzt und große steinerne Krüge voll Brannt­wein herbeigeschleppt. Man mußte gestehen, es lag viel Hu­mor, viel Gemüthlichkeit in diesem Krawall. Einem durch seinen Hochmuth verhaßten Kaufmann hatten die Frechsten ben Laden erbrochen und Alles, was sie an Zucker, Zitrdnen, Ro­sinen, Häringen und ähnlichen Eßwaaren vorfanden, mitgenom-