gen Weiden blitzte dann und wann vom Ufer herauf, cs grünte auch munterer schon an den schrofferen Kesselwänden des Ni- misees, aber die Italiener selbst sagten, der Frühling hat sich diesmal verspätet.
Das Kaminfeuer, das die kalten, dicken Mauern der alten Volskerstadt Velletri nur spärlich erwärmte, nickte dazu bedeutungsvoll. Doch als wir die Albanerberge hinter uns hatten, und der Wagen in ebenem Geleise den Pontinischen Sümpfen zurolltc, schien die Jahreszeit zu wechseln, das Kleid von Himmel und Erde ausgetauscht. Der Frühling prangte in seinem flimmerndsten Prachtgewande. Welche andere Vorstellungen wir von diesem verrufenen Landstrich in der Regel mitbringen! Ein grüne Ebene links und rechts, hier soweit daö Auge reicht, dort bis wo die Volskerberge, eine starre, malerische Wand, sich zum Horizont aufthürmen, ihre schroffen Vorhügel mit grauen Burgstädten übernestelt , zu deren cpklopischen Mauern schon die Römer aus der Ebene als zu Alterthümern einer dunkeln Vorzeit aufschauten.
In dieser Ebene lagen reiche Städte, lachende Villen der Reichen und Müßigen, die Gebieter der Welt zogen sich von Rom auch in diese Sümpfe zurück, die damals nicht Sümpfe waren, gesegnete Striche, wo Natur und Fleiß ihnen ein Paradies schuf. Wo blieben diese Paläste, wo nur ihre Trümmer? Hat der Moorgrund sie eingeschluckt, versanken unter der schwammigen Moordecke die römischen Kanäle, welche die frischen Wässer der Albaner - und Volskerberge durch die Niederung leiteten und das faule stehende Gewässer zum Meer abführten? Nur einzelne Grabdenkmäler ragen, die unzertrennlichen Begleiter der alten Appischen Straße, aus der Tiefe hervor, nur einzelne Namen, wie das Forum Appii, erinnern cur die Zeit, als Horaz diesen Weg auf seiner Reise nach Brundusium beschrieb.
Und doch schien es ein Paradies. Die vier Reihen Ulmen, welche die neue schnurgerade, päpstliche Straße einfassen, knospeten im strahlenden Sonnenschein, wie einladend die Maikäfer, Bienen und das kleine Geflügel der Lüfte; üppig grünten die Ufer des Kanals, der die Straße begleitet, und von den Wiesen und Büschen, so weit das Auge reichte, im vollen Sammethauch des Frühlings, schien dessen Aroma uns anzuwehen, und wo nur das Auge hinfiel, die Wiesenflächen, die grünen Oasen im Meere, mit Maaßliebchcn, mit den Blumen der Unschuld der Giftsumpf übersät ! Aber aus der Busch- wildniß, welche jetzt die Wiese überdeckt und versteckt, um, jetzt zurücktretend, deren ganze Smaragd-Herrlichkeit mit einem Male wieder vorstrahlen zu lassen, aus diesem wild verschlungenen Gestrüpp streckten die Büffel ihre struppigen Köpfe, hier einzeln, dort in ganzen Heerden, hier an kümmerliche Karren gespannt, dort sich wälzend im Moor, oder bis an den Bauch im Schilf, wie um den Brodem der Tiefe auS erster Hand einzusaugen. Die Büffel sind ein unheimliches, häßliches Ge
schlecht; wie einer Urwelt, die von der Kultur überwunden ist, angehörig, fristen sie in Europa uur noch da ihr Dasein, wo diese Kultur wieder in Sumpf und Zerstörung untergesunken. Ich fand sie wieder in der Binsenwildniß , aus bet PästumS Tempel vorragen; die Aria Cattiva ihre Lebenslust. Der Frühling lockte nicht die muntern Singvögel, nur Raubvögel streifen über die trügerische Fläche, hinter sich ihr Felsennest wo sic, ihren Raub hinrettend, der Giftluft spotten können. Auch die Pferde sind hier ein anderes, trauriges Geschlecht; zottig, klein, mit niederhangenden Köpfen, erscheinen sie wie eine Strafkolonie ihrer stolzen Race, verdammt in der Verbannung zu vegetiren; ein nothwendiges Unrecht, ihnen angethan, um die edlere Menschenrace zu erhalten; denn nicht bei Jäger allein, auch der Hirte reitet in diesen Niederungen, um ihrem Hauche so fern zu bleiben als möglich, und schnell von einem Ort zum andern zu fliegen. Seine schnallenreichen Beinschienen von starrem Leder, die ihn vor Dornen, Schlangen und Gewürm schützen, sind keine Panzer gegen die Dünste.
Wer schützt die Kinder der edelsten Race , die hier zum Wohnen verurtheilten Menschen davor? Ihre blassen Gesichter,- ihre eingefallenen Augen, ihre Gestalten, in denen das Sicch- thum sich nicht verbergen läßt, sprechen, daß es keinen Schutz gibt. Der Wirth der elenden Osterie zum Forum Appii, ungefähr in der Mitte der Sümpfe, antwortete auf die Beschwerde, daß er doppelthohe Preise als in Rom für seine schlechten Lebensmittel federe: „Ach könnte ich in Rom leben, wollte ich sie für weniger als ein Drittel lassen." Hier konnte Ho?ä; übernachten, und that es, wie es scheint, int Freien; warum ist heute der Schlaf jedem Reisenden als höchst gefährlich verpönt?
Das Austrockungswerk der Päpste blieb ein halbes. Durch den Kanal, welcher ihre Straße begleitet, ward nur der nach dem Meere zu gelegene, höhere Theil der Sümpfe trocken gelegt, hier scheint der Ackerbau jetzt zu gedeihen; der tiefere nach den Gebirgen zu verstockte dafür nur noch mehr, und oft reißt das Wasser, aus dem Kanal überschwellend, bk neue Straße ein, und verliert sich in die Moorgründe Nach den Bergen zu, für die zur Zeit gar kein Abfluß ist. Man will auch hier bessern. Wann wird die Zeit dazu kommen? Es ist so unendlich viel im Verwaltungswesen zu bessern, und Viele zweifeln, daß es je gelingen wird. Aber weshalb war den Römern, vielleicht schon den alten Etruskern möglich, woran unsere, in allen mechanischen Dingen so vorgeschrittene Zeit verzweifelt? Doch innren diese verpesteten Sümpfe schon mit dem Verfall ves römischen Kaiserreichs da, und ein Barbarenkönig, unser liedgefeierter Theodorich, der Erste, dem man für ihre gelungene (oder nur versuchte?) Austrocknung dankte. Wie oft wird noch die Kultur wieder in Sümpfen versinken? Hat die Geschichte unserer alten Erde kein Reme- dium dafür? (Schluß f.)
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