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Sic sah nichts von dem, was sie umgab. Sie bemerkte nicht, daß eine hohe stolze Gestalt im festlichen Gewände (es hätte ja auch Pamina seyn können, die sie rief) im Halbdunkel des Gemaches vor ihr stand und sie mit neugierigem und gerührtem Auge betrachtete. Sie lag hingestreckt auf den Divan, eingehüllt in ihre Sternengewänder, das Haupt in die weiße schöne Hand gestützt, vor ihr die Blüthe, die ihre Ent­wurzelung noch nicht zu ahnen schien, zwei Königinnen der Nacht!

Und wie Jucunde so daS stille Schauspiel betrachtete, wie ihr Auge rings auf Gemälde, Statuen, auf Dinge fiel, die in geheimnisvoller Ansprache sie zu grüßen schienen, wie alles umher sie neckte und doch wieder sie tröstete, sie anlachte und doch wieder sie beruhigte, war es ihr klar, daß Lodoisken einst das Herz ihres Mar gehört hatte, klar aber auch, daß die, die cS jetzt besaß, sie selber war. Zürnen, strafen konnte sie nicht. Hatte sie doch daS Schicksal auf seinem zartesten Wege hierher «geführt, war es doch ein Engel der Blumen, dessen Hand sie »hierher geleitet hatte!

Indem erwachte Lodoiska aus ihren Träumen und schlug ihr großes schönes Auge auf. Sie sah die Fremde, erhob sich, erkannte sie und sank besinnungslos zu den Füßen der s Prinzessin. Diese hob sie milde auf, legte ihren Schleier zu- * rück und begann mit sanftem Tone: Ich suchte die Königin Iker Nacht.

Lodoiska lächelte schmerzlich, als wollte sie sagen, sie wär's.

Jucunde erkannte den Irrthum und berichtigte ihn. Lo- ^doiska erschrak: Dies ist diese kostbare Blume, von der man f so viel Wunder erzählt?

Jucunde hörte weniger auf das, was sie sagte, als auf " ihren Ton, ihrer Stimme Ausdruck, auf das Athmen ihrer b Brust. Sie dachte sich still: Warum sollte sie ihn nicht ge- fesselt haben. ?

( Lodoiska gestand mit bebender Stimme, daß ein unerklär- lieber Reiz sie getrieben hätte, dem Feste von einer verborgenen Thüre zuzulauschen. Sie wäre verscheucht worden und hätte gedacht, wenigstens eine Erinnerung wolle sie sich aus diesen Blumen zur Eingangspforte zum künftigen Glück der Prinzessin L wählen. Diese Blume hätte sie sich gebrochen und wäre so f behend entschlüpft, wie sie gekommen wäre.

Es lag in diesem Bekenntniß für Jucunde viel, ja alles. I Sie schlug die Augen nieder, sie fühlte, was Lodoiska sagen wollte. Sie fühlte, daß das arme schöne Mädchen auf die Liebe des Prinzen ein Recht hatte, und mußte Lodoisken an jir ihr Herz drücken, um nicht zu wanken. Nur eine einzige Blüthe hatte sie von dem Feste nehmen wollen, nur eine! Zur Erinnerung, zum symbolischen Zeichen ihres Anrechts nli an diesem Besitzthum!

en, So standen die beiden Frauen, Arm in Arm verschlungen,

eine Weile. Dann aber ermannte sich Jucunde und mit einem Tone, der ernst, fast feierlich war, sprach sie:

Sie brachen eine Blüte und wußten nicht, daß es eine so kostbare war. Nach der Sage blühet diese Blume nur Einmal in hundert Jahren. Lange Sorgen und des Gärtners treueste Pflege gehen den wenigen Stunden voran, in denen die Menschen zu erfreuen dieser Wunderpflanze vergönnt ist. So gehört sie, wenn sie sich entfaltet, auch nicht einem Ein­zelnen, sondern Allen. Nie kann sie ein Geschenk der Liebe oder Freundschaft seyn, nie kann sie, und wenn im schönsten Glase, an eines Einzelnen Fenster stehen. Sie kommt zu Niemand. Wer sie sehen will, muß sie suchen, in der Stunde der Nacht. Ihr Duft ist nicht beschränkt wie bei Veilchen und Rose; er dehnt sich aus, überwölbt Alles, athmet Allen! Sie ist die Fürstin der Blumen. Sie darf geliebt werden, aber, da sie Allen gehört, sich nie verschenken.

Lodoiska verstand die sinnige Allegorie, die auf die Blume und auf Mar paßte, und sank mit dem erstickten Aufruf: Ver­gebung! zu den Füßen der klugen Prinzessin. Diese nahm die schon welkende Blüthe von dem Divan, drückte einen Kuß auf Lodoiöka's Stirn, sprach leise: Vergeben Sie mir, und rauschte in ihren seidenen Gewändern über die Teppiche hin, die ihr Fuß nur schwebend zu berühren schien.

Die Zauberflöte wurde zu Ende gespielt. Lodoiskens Arien blieben aus. Der Prinz hing stumm an dem Arme seiner Braut. Der Hof bewunderte die pflanzenkundige junge Für­stin, als sie die geraubte Trophäe zurückbrachte. Wo sie die Blume gefunden, blieb Geheimniß. Um alle Erinnerung an das Ereigniß zu verwischen, wurde auch Zastrow in Gnaden wieder ausgenommen.

Der Prinz wollte Jucunden Erklärungen geben. Sie sagte lächelnd: Sechs Wochen nach unserer Vermählung! Man sagt, sie wären auch da noch nicht erfolgt, weil sie nicht nöthig waren. Beide leben glücklich.

Lodoiska verließ die Residenz. Sie lebt am Rhein in einer schönen Villa im Schatten des Niederwalds. Nur noch ein Jahr war sic im Dienste der Musen geblieben, hatte in allen Partien, die sie übernahm, geglänzt; am liebsten sang sie Mo­zart. In Don Giovanni lieber die Elvira, als Donna Anna, niemals aber mehr die Königin der Nacht.

Die Dontinischen Sümpfe und ihre Gespenster.

Neapel, 25. April. Auf dem Albanergebirge hatte noH ein kalter Wind geweht, und bis auf die immer grünen Stamm­halter der südlichen Regionen sah es unter den Nutzholzwäl­dern und Buschpartien am ersten Frühjahrstage des Jahres 1848 noch sehr braungrau aus. Zwar sangen die Vögel über dem dampfenden See von Alba, und das Saftgrün der jun-