Einzelbild herunterladen
 

Die tobende Menge fuhr fort in dem Werke der Zerstö­rung. Eine Volksmasse, die man gewähren läßt, findet alle­zeit ihre Freude am Zerstören, ganz wie die kleinen Kinder im gleichen Falle, und doch ist bei Beiden dieser unwiderstehliche Zerstörungstrieb vielleicht nur ein unreifer B il- dungstrieb.

Die Aufrührer griffen einen Drehorgelmann und befahlen ihm die Marseillaise zu spielen. Der arme Schächer betheuerte zähneklappernd, daß er dies nicht könne, die Walzen seiner Orgel seyen nur auf drei Stücke eingerichtet:Der Vogelfänger bin ich ja",Auf der Alpe tönt das Horn", undAch, wenn du wärst mein eigen."Aber wir müssen doch einen Revolu- tionsmarsch haben!" rief eine Stimme, und man entschloß sich kurz, da nichts Besseres zu haben sey, sich mit dem alten Papagenoliede zu begnügen, und mit dem komischsten Ernst ward dasselbe sofort für die Muckersdorfer Marseillaise erklärt. Der Orgelmann zog nun voran und spielte:Der Vogelfän­ger bin ich ja," die Masse wälzte sich hintendrein und ist bei dem Gedanken, daß das Papagenolied die Muckersdorfer Mar­seillaise sey, ebenso begeistert gewesen, als wenn vierzig Trom­peter die wirkliche Marseillaise geschmettert hätten.

Ein Schncidersgesell wollte das Pflaster ausreißen, um Barrikaden zu machen. Aber da zeigte sich's, wofür ein schlech­tes Pflaster gut ist; die alten zerschrotenen Steine waren seit mehreren Menschenaltern so gründlich in den Boden ein- gefahren worden, zum großen Theil auch ganz versunken, daß es einen vollen Tag gekostet hätte, sie wieder her­auszuschaffen. Allein der Schneidersgesell hatte in Mannheim gearbeitet und dort so viel von der französischen Freiheit ge­hört, daß er durchaus eine kleine Juli-Revolution in aller Form und jedenfalls mit Barrikaden haben wollte. Er rief unaufhörlich:Bei der Juli-Revolution hat man das Pflaster aufgerissen, folglich müssen wir anch das Pflaster aufreißen; meine Herren, helfen Sie mir! Denken Sie an die Juli- Revolution!"

Ein alter Reichenborner Bauer aber erwiderte ihm:Wie? Nach der Juli-Revolution sollen wir uns richten? Wir machen hier eine Oktober-Revolution; da kann's uns nichts batten, wie sie's in einer Juli-Revolution gehalten haben. Es ist ein großer Unterschied zwischen St. Gallus und den Hundstagen; das weiß der Bauer am besten!"

Der Schneider ward überstimmt. Einer aus der Menge rief:Gegen wen sollen wir denn Barrikaden errichten?" Da wurden Alle stutzig, und Viele lachten.

Die große Frage war ausgesprochen, auf welche kein Mensch die rechte Antwort zu geben wußte: Gegen wen ging denn dieser ganze Krawall? Die Einen meinten gegen die Kornwucherer, die Andern gegen den Staat, Andere gegen die Polizei, Andere gegen die Bäcker und Metzger, Andere dagegen zu Gunsten der Bäcker und Metzger gegen den Amtmann, noch Andere gegen alle reiche Leute, und

Einige meinten gar, man wolle ja blos Skandal machen, um E Skandal zu machen, ganz ohne äußeren Grund. Dieser schnei- d< dcnde Widerstreit der Ansichten erzeugte einen wunderbaren je dialektischen Kampf in dem Bewußtseyn der aufständischen d Masse, der seine sehr ernste und seine sehr lächerliche Seite g hatte. Während bereits eine Muckersdorfer Bergpartei sich bil- 2 dete, welche durch rasendes Gebrüll ihren Standpunkt bezeich- n nete (wobei jedoch gelegentlich ein Brüller dem andern auf's N Maul schlug wegen des oben erwähnten dialektischen 9 Kampfes über die letzten Gründe) begann auch eine Gironde i ihre Vertreter zu finden. Der Hauptsprecher derselben war j ein Regenschirm-Fabrikant.Alles mit Anstand!" rief er ohne j Unterlaß.Meine Herren, in der Schweiz hat man schon .; mehrmals die anständigsten Revolutionen bei schlechtem Wetter ) unter Regenschirmen abgemacht!" Er hoffte nämlich, daß der' dicke Nebel heute Nachmittag sich zum Regen entwickeln und , daß man dann den Krawall gleichfalls anständiger Weise unter | Regenschirmen zu Ende führen werde, wobei man leicht seinen L ganzen Laden auskaufen könnte.

--Im Amthause herrschte unterdessen genzenlose Verwirrung. Der Amtmann sprach:Mein letztes Stündlein muß nahe seyn. Ich habe den dreieckigen Diensthut auf dem Kopfe, den Frack auf dem Leibe, das Feldehrenzeichen auf dem Frack und den Degen an der "(rechten),, Seite. Noch immer ist mir mit dem Amtsrock auch der Amtsmuth gekom- j men, nur heute bleibt er aus!"

Frau Philippine hatte in der Verzweiflung die Thüren | verrammeln, die Fenster ausheben und sammt den Uhren, Spiegeln und dem übrigen Glaswerk in den Keller tragen lassen.In meinen jungen Jahren," sprach sie zitternd,habc^ ich schon einmal eine Belagerung im elterlichen Hause aus-| halten helfen. Es war, als die ersten französischen Truppen > Anno 92 einrückten. Wider den Thüren hatten wir innewendig alle Holzvorräthe aufgehäuft, daß sie nicht zu erbrechen waren, und uns dann auf den Speicher zurückgezogen. Aber wir würden oben verhungert seyn, hätten nicht zufällig drei Körbc voll Wintcrbirnen dort gestanden. Von diesen lebten wir ganze acht Tage! Ihr könnt Euch denken, was das für Folgen hatte acht Tage beständige Todesangst und dazu nichts als halbreife Winterbirncn gegessen! " (Fortsetzung folgt.)

Die Königin der Nacht (Schluß.)

8.

Arme Lodoiska! War die Stunde gekommen, die sie dn prophezeit hatten, wo der schöne Nachtfalter sich in die Flamin! stürzen würde?

Sie lag in Thränen gebadet. Der Duft der Blume und die Macht der eigenen Schmerzen hielten ihre Sinne gefangen.