Straßenskandal übel bezeichnet zu seyn; denn die Muckersdor- ser sind an sich schon ein böses Volk; auf Gallusmarkt kommen aber auch noch die Reichenboruer in langen Zügen zur Stadt, — das ist, als ob sich zwei eiterbissige Hunde Besuch abstatteten — und obendrein fehlt es nicht an allerlei land- lausigem Gesiudel von nah und fern. Diesmal aber war dazu die große Theurung im Lande. „Es gibt einen Krawall auf Gallusmarkt," hatte der Amtsdiener prophezeit, „die Leute sind ausgehungert." — Gestern Abend war der Auflauf von wegen der Bäcker und Metzger vor dem Amthause gewesen, und der Amtmann hatte beim Schlafengehen in dumpfem, unheimlichem Tone zu seiner Frau gesagt: „Wir stehen am Vorabend schwerer Ereignisse!" und im Bette zwei Kapitel aus Girtauner's Geschichte der französischen Revolution gelesen intb noch in selbiger Nacht zwei berittene Gendarmen aus der Hauptstadt holen lassen.
Zn der That, es gährte wild unter den Leuten. Die Noth war groß, die verborgen schleichende Unzufriedenheit nicht kleiner, die Alten munkelten zu Hause, räsonnirten im WirthS- Hause, und die Buben spielten schon seit einigen Tagen auf dem freien Platze vor der Stadtkirche — „Krawallches".
Der Morgen des Markttages war angebrochen, ein Oktobermorgen, düster und rauhlich, die Luft von jenem schweren Nebel verfinstert, den die Weinbauern „Traubendrücker" nennen. Zwischen den Bretter- und Leinwandbarracken der Verkäufer drängte sich ein Menschenknäuel so dicht, wie man ihn sonst nie gesehen, und doch schweigsamer als je. Es war, als ob der dicke, kalte Herbstnebel den Leuten auf die Brust drücke, vielleicht auch — ein Nebel anderer Art. Wer enträthselt, wie es zugeht, daß solche Stimmungen hundert Menschen zumal geheimnisvoll mit Einem Schlage gefangen nehmen?
Die Kunde eines Vorfalles, der sich am frühen Morgen zugetragcn, erhöhte die unheilvolle Stimmung. Ein Dreh- vrgelmann, der nicht mehr so viel Geld beisammen hatte, um die kleine Abgabe bestreiten zu können, gegen welche die Polizei die Erlaubniß gibt, auf dem Markt und in den Wirthshäusern aufzuspielcu, hatte sich im „letzten Heller" den Hals abgeschnitten. Einige sprachen: „Heutzutage will Jeder von der Musik leben, der für ein ehrlich Handwerk zu faul ist, und der Spielleute sind so Viele, daß sie sich nächstens unter einander auf- essen werden, wie die hungrigen Ratten." — Die Meisten aber sahen die Sache anders an und fragten: „Muß denn auch das härteste, traurigste Stückchen Brod besteuert seyn?" und erblickten in dem unglücklichen Orgelmann einen Märtyrer, den der Druck der verhaßten öffentlichen Lasten zu dem verzweifelten Schnitt getrieben.
Solch eine That, in unmittelbarster Nähe verübt, wirkt furchtbar auf die Einbildungskraft des Volkes!
Auf dem Gemüsmarkte, wo zugleich die Korn- und Mehlhändler ihre Waare feilhielteu, hatten sich vom frühen Morgen an Landstreicher und Besitzlose aller Art in engen Gruppen
versammelt. Dort waren auch jezuweilen drohende Worte gefallen, und die Frucht- und Kartoffelverkäufer mußten manche! grundlose Schimpfrede einstecken: Gegen Mittag brach ein wilder Streit aus, weil ein Bauer seine Kartoffeln mit zu knappem Maße gemessen hatte, zwanzig Fäuste fielen sogleich, ß als ob es verabredet wäre, über chen armen Teufel her. Jetzt war das Zeichen gegeben, auf welches Alle gewartet zu haben schienen. Ein ängstlicher Fruchthändler packte seinen Kornsack auf den Rücken und wollte den Markt verlassen, aber lose Buben machten sich hinter ihm her und schnitten Löcher in den Sack, daß er das Pflaster mit der theueren Frucht besäete. । Erst als der Sack halb geleert war, wurde der Bauer durch das laute Höhngelächter der Umstehenden aufmerksam und merkte seinen Schaden. Einem Mehlhändler griffen die Gassenjungen in den Mehlkasten und puderten ihm sein dickes strup-' piges Haar mit mindestens vier Pfund Mehl dermaßen ein, daß er gewiß in acht Tagen den Puder nicht ganz wieder; herausgebracht hat. Und als er sich zur Wehre setzte und [ jämmerlich um Hülfe zu schreien begann, bestreuten sie ihm Rock und Hosen obendrein mit Mehl, daß er aussah wie ein . österreichischer Infanterist.
Ist es nicht seltsam, daß in einer theueren Zeit die ent- < fesselte Wuth des Pöbels sich zuerst darin ausläßt, die zum Verkauf ausgebotenen Lebensmittel nicht zu rauben, sondern ; zu zerstören? Es ist ein fürchterlicher Neid, der es diesen Hungernden eingibt, die kostbare Speise zu vernichten.
(Fortsetzung folgt.) M ' "Ml |
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(:) Eine cmanzipirte Frau.' |
Gar lebendig steht eS mir noch in der Seele, das Bild der interessanten Frau, die ich im Herbste 1845 mit ihren ausgelassenen Genossinnen durch die Straßen Berlins streifen sah. | Ich kannte so ziemlich die Bierstuben, ich sage die Bierstuben, wo „Mistreß" Louise regelmäßig zu treffen war, denn ich war * in einige junghegel'sche Klubbs eingeführt, die in sehr genauer! Beziehung zu der gefeierten Amazone standen. Wenn dann in der tabaksdampfigen Kneipe ein wildes Studentenlied ge- ß jubelt wurde, dann schallten auch ein paar hohe, helle Frauenstimmen mit darein — es war Frau Louise Aston mit ihren Freundinnen, Stiefel und Sporen an den niedlichen ; Füßchen, in Männerock und Hosen gekleidet, die brennendes Zigarre im Mund, den Hut mit der wogenden Feder auf dem Kopf, oft mit der Reitpeitsche den Takt auf den Tisch klat-| schcnd. Ich hätte es damals nicht gedacht, daß diese viel ge-| schmähte und aber auch viel vergötterte Dame in dritthalb | Jahren nach Schleswig-Holstein ziehen würde, um auf I den Schlachtfeldern deutsche Krieger zu verbinden!
Als ich Louise Astou in Berlin sah, war sie noch nicht die „Märtyrerin", sie war nur erst als „Dichterin" und „Phi- ‘ losophin" im Kreise ihrer Geistesverwandten gefeiert. Der
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