bedauerliche Vorgänge, daß man sich mit Recht fragt, ob wir denn so weit der Anarchie verfallen sollen, daß der Gebrauch desselben unS nahe bevorstehe? Leicht wäre es, einen großen Theil der Landbürgerwehr mit den zahlreichen einfachen und doppelten Jagdflinten zu bewaffnen, welche bisher zur Erlegung des Wildes gedient haben.
Neustadt a. H. (A. Z.) Die vereinigte protestantische Kirche der Pfalz hatte heute einen schönen Tag. Es versammelten sich nämlich auf eine geschehene Aufforderung hin gegen 100 Geistliche dieser Kirche, etwa zwei Fünftel des gesamin- ten Standes, von den verschiedensten, bisher auf's Schroffste sich gcgcnüberstehendcn Glaubensrichtungen in hiesiger Stadt, um hauptsächlich über eine neue der Kirche mehr Selbstständigkeit und Freiheit der inneren Entwickelung gewährende Verfassung sich zu besprechen.
Von einem Mitgliede der Versammlung wurde zum Anfang ein Entwurf über eine neue Kirchenverfassung vorgelegt, dessen Grundzüge die Anhaltspunkte zu einer mehrstündigen Besprechung bildeten. Ueber das Bedürfniß einer neuen Verfassung waren alle einig. Ebenso fand es allgemeine Zustimmung, daß als Prinzip derselben die i nnigste V er sch m e l- zung des konsistorialen und p r e sby t eriale n Elementes, mit vorzugsweiser Betonung des letztern, festgehalten werde. Im einzelnen vereinbarte man sich über folgende Vorschläge: Wahl aller Mitglieder der Generalsynode durch die Diözesansynoden mit gleicher Vertretung des Geistlichen- und Laienstandes; Zusammensetzung der Divzesansynoden durch den Pfarrer und ein vom Presbyterium gewähltes weltliches Mitglied aus jeder Gemeinde des DekanatsprengelS; Wahl der Dekanatsvorstände durch die Pfarrer auf je fünf Jahre; einige Betheiligung der Gemeinden bei der Pfarrbesetzung; Niedersetzung einer Kommission von sieben Mitgliedern, welche aus den intelligentesten Männern der beiden herrschenden Richtungen einstimmig gewählt wurden, zur nähern Berathung und Ausarbeitung des vorgelegten Entwurfs; Auftrag an die Kommission, nach Vollendung ihrer Arbeit, wozu eine Frist von längstens drei Wochen festgesetzt wurde, eine größere öffentliche Versammlung in Kaiserslautern zur abschließenden Vorberathung zu veranlassen.
[:] Berlin, 9. Mai. Es steht in Aussicht, daß Herr v. Rönne, bisheriger Präsident des Handelsamtes, für den Reichstag gewählt wird. Dies würde für die deutschen industriellen Interessen vom größten Vortheil seyn, da Rönne einer der wenigen Männer ist, welche mit den Handels- politikern Süddeutschlands auskommen können, ohne es mit den Berlinern und Hamburgern zu verderben *)♦ Eine Aussöhnung der großen handelspolitischen Spaltung Süd- und Norddeutschlands ist aber im Augenblicke das dringendste Bedürfniß, wenn nicht die ganze materielle Macht Deutschlands zu Grunde gehen soll. — In Potsdam ist der bekannte Prediger Ionas gewählt worden.
Die Prügelstrafe ist heute durch eine königliche Verordnung für das ganze Land abgeschafft worden.
Den Herren Erministern Eichhorn, Thiele rc., die bekanntlich gleich dein ewigen Juden umherziehen, hier und da bereits sich niederzulassen begonnen haben, aber sofort wieder aufgebrochen sind, weil es ihnen doch nirgends recht sicher und geheuer ist, können wir nun ein Asyl empfehlen. Der Magistrat von Lübben zeigt nämlich vornehmen Herrschaften in Berlin, „welche etwa gesonnen sind, ihren Aufenthalt $u verändern," seine Vaterstadt empfehlend an, indem besagtes Städtchen den friedlichsten und sichersten Zufluchtsort, bei allen Bequemlichkeiten rc. biete. Hoffentlich wird die vornehme Bevölkerung Lübben's bald stark im Zunehmen begriffen seyn. Gibt's in Ihrem freundlichen Wiesbaden nicht auch solche Leute, „welche etwa gesonnen sind, ihren Aufenthalt zu verändern," und eristirt nicht etwa auch so irgend ein „Lübben" in dem schönen Nassauerlande?
Berlin, 8. Mai. Hier werden die Truppen eifrigst — und zwar bis auf 20,000 Mann — in Bewegung gesetzt. Die Stadt Berlin muß binnen drei Tagen für 100,000 Thlr. allein Pferde ankaufen lassen.
Es heißt, eine telegraphische Depesche bringe die Nachricht,
*) Wir freuen uh8, daß auch Nassau einen Mann zum Reichstage gesandt hat, der in den großen handelspolitischen Fragen ein Wort mit- zusprechen berufe» ist —Friedrich Schulz, und hoffen, daß er wie bisher durch Wort und Schrift, so auch in Frankfurt für den entschiedenen Schutz des deutschen Gewerbfleißes sprechen werde, glauben aber auch darauf aufmerksam machen zu müssen, daß es jetzt Wohl an der Zeit ist, sowohl von Seiten der Freihandels- wie der Schutzzoll- Partei, ein Stückchen nachzugebcn, denn hier wird wahrlich die Einigkeit mit etlichen Zugeständnissen nicht zu theuer erkauft.
— ~ Die Redaktion.
daß der Kaiser von Rußland einaewilkigt habe, ein Königreich Polen unter dem Herzoge von Leuchtenberg herzustellem
Posen, 6. Mai. (Köln. Z.) Es sind mehrere Verordnungen erschienen, wie die unheilvolle Lage sie erheischt. Der Handel mit Sensen ist verboten, das Tragen derselben ebenfalls. Alle Waffen mit Einbegriff der Sensen müssen an die Kommandantur abgeliefert werden. Alle Thore und Barrieren der Stadt sind geschlossen; der Aus- und Eintritt ist nur an drei Thoren und nur für Unverdächtige, endlich nur von 6 Uhr Morgens bis 8 Uhr Abends gestattet. Eine finstere Schwüle hängt über dem Lande. Der Aufstand wird allgemein. Wie möglich es ist, große Massen von Sensenmännern augenblicklich auf einen Punkt zu ko nzentrir en , möge man aus einer Schilderung der „Nationalzeitung" ersehen.
„Es erscheint ein berittener Bauer, meist wie ein numidischer Reiter ohne Sattel und Zaum, im Dorfe oder auf dem Felde, schreit dem nächsten Landmanne zu: wyrzynaja w N. (in N. würgen sie), und jagt weiter. Das ist die Losung, sie pflanzt sich mit Windeseile fort, und in wenigen Minuten ist die ge- sammte männliche Bevölkerung aus dem Zuge nach dem bezeichneten Sammelplätze. So sah sich am 24. April ein deutscher Gutspachter in der Nähe von Grätz, der eben mit mehr als 40 Pflügern auf den Feldern war, wenige Momente, nachdem das verhangnißvolle: wyrzynaja w Grodzysku! (in Grätz wird gewürgt!) auf die beschriebene Weise erklungen war, nicht nur all seiner Leute, sondern auch aller Acker- und Hofpferde und aller Wagen beraubt."
Bromberg, 6. Mai. (D.A.Z.) Gestern bin ich mit vielen Deutschen hierher geflüchtet und sende Ihnen beifolgenden Bericht: Die Stadt ist heute in großer Aufregung. Durch Flüchtlinge, die in den beiden letzten Tagen aus der ganzen südlich an Bromberg stoßenden Gegend, aus Mogilno, Trze- meszno, Strzelno, in großer Anzahl hier eingetroffen sind, ist es zur Gewißheit geworden, daß das organisirte polnische Heer auf unsere Stadt im Anzuge begriffen ist, ja nach einigen Angaben soll es nur noch wenige Meilen von hier entfernt seyn. Demnach ist es nicht gelungen, dasselbe an der polnischen Grenze bei Wreschen, wo man es durch die bedeutenden preußischen Truppen aus Schlesien, Posen und Gnesen eingeschlossen glaubte, von allen Hülfsmitteln zu entblößen und entweder zur Niederlegung der Waffen zu zwingen oder zu vernichten.
Vielmehr ist es den Polen geglückt, indem sie die preußischen Streitkräfte bei Witkowo, Gembitz und Mogilno umgingen, ein neues Terrain zum Kriegsschauplätze zu machen, wo ihnen nun nicht nur in den polnischen Insassen zahlreiche Verstärkungen zuströmen, sondern sie auch, indem sie die vielen deutschen Dörfer plündern, im Ueberflnsse Lebensbedürfnisse zusammenbringen. Allerhand Gräuel fehlen bei diesen neuen Beraubungen der Deutschen und Juden nicht. Zur Beruhigung unserer Einwohnerschaft hat zwar eine heute Mittag von der Regierung ausgegebene Bekanntmachung beigetragen, laut welcherder General Hirschfeld gestern mit einem Korps von Gnesen aus zur Sicherung der Bromberger Gegend abgegangen ist, auch sind wir benachrichtigt, daß der Uebergâng über die Netze von den Preußen besetzt sey, doch sichert uns dies vor einem Handstreiche nicht. Den Polen ist gerade Bromberg vorzugsweise verhaßt, weil von hier aus die Reorganisation des Großherzogthums ausgegangen ist; das weiß man hier und deshalb sind hier für jeden Fall Sicherheitsmaßregeln ergriffen werden, und die Einwohnerschaft, die vom besten Geiste beseelt ist, gedenkt mit dem Bataillon preußischer Landwehr, das gegenwärtig allein unsere Besatzung ausmacht, die Stadt wenigstens bis zum Anrücken des Hirschfeld'schen Korps zu halten.
Altona, 8. Mai. (Köln. Z.) Trotz der strengen Blokade der deutschen Hasen durch Dänemark und der gewaltigen Seerüstungen, welche in Kopenhagen vorgeuommcn werden, glaube ich die sichere Erwartung aussprechen zu dürfen, daß der Krieg als beendigt anzufehen ist. Es bestätigt sich die Vermittlung Englands vollkommen, so wie daß sie von holden streitenden Theilen angenommen worden. Die Sendung des russischen Gesandtschafts-Sekretärs, Hrn. v. Evers, in das preußische Hauptquartier hängt damit zusammen, und die Frage schwebt nur noch darüber, wie weit der Status quo ante von beiden Seiten wieder hergestellt werden soll. Darüber hat man sich leicht geeinigt, daß, wenn Alfen von den Dänen geräumt wird, die deutschen Truppen sich wieder diesseits der Königsau zurückziehen werden. Schwieriger ist eine genügende Ueberein- kunft wegen der mit Beschlag belegten Schiffe zu erzielen. Hier genügt nicht allein die Aushebung des Embargo, sondern es kommt auch die Frage wegen der Entschädigung in Erwägung, und welche Garantiern Dänemark dafür bieten kann.