Nassauische
Allgemeine Zeitung.
.M L1- Freitag den 12 Mai 18L8.
Die Nass. Allq. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. — Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden 2 fL, für d-n Umfang des Herzogthums Nassau, des Großherzoqthums und Kurfürstentums Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt Ä fl. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes £ fl. 40 fr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung auswärts bei den nächst gelegenen Zollämtern zu machen.
Heb er s i ch t.
Die Polenfrage.
Ursachen und Folgen der gegenwärtigen Revolution in Frankreich.
Deutschland. Wiesbaden (Die Kur). — Frankfurt (Die Vertrauensmänner). — Mainz (Hessische Truppen nach Bingen). — V o m Rhein (Reaktion). — Karlsruhe (Kammerverhandlung). — O ffen- burg (Der Zug der Nassauer durch das Kinzigthal). — Posen (Der Vertilgungskrieg). — Bromberg (Gnesen bedroht). — Hamburg (Der Krieg mit Dänemark). — Wien (Die Ruhe wieder hergestellt. Günstige Berichte aus Italien).
Frankreich. Straßb urg (Scharfschützen nach der italienischen Gränze). Großbritannien. London (England zum Frieden geneigt).
Sprechsaal für Stadt und Land.
Nachschrift. Paris (Das Provisorium. Polen II. Italien. Schleswig-Holstein).
9 Die Wolenfrage
Gewiß zu den wichtigsten und schwierigsten Problemen der neuen Politik, welche wir einschlagen müssen, gehört die Polen- frage, um so mehr, als bei ihr allerlei idealistische Sympathien eine so große Rolle spielen, denen die Praxis unaufhörlich widerspricht. Sollen wir Polen wiederherstellen? Dürfen wir das polnische Landvolk wieder dem Adel in die Hände liefern, unsere ganze Mühe, welche zur Bildung dieses unglücklichen Volkes aufgewandt ist, verloren geben, um schließlich uns von unserm schlimmsten Feinde, dem Slaventhum, von Süden und von Osten bedrohen zu lassen? Uns dünkt, wir dürfen das nicht. Es hieße das nichts mehr oder weniger, als die ganze weltgeschichtliche Stellung des deutschen Volksthums verkennen, dem durch die Macht der höchsten Kultur und die Grundgewalt der sittlichen Kraft die Herrschaft über Europa gebührt; es hieße von Neuem den Kampf mit den finstern Geistern des Slaventhums, dem Absolutismus und der religiösen Orthodoxie heraufbeschwören, den es in langen Kämpfen überwunden hat. Die Slaven im deutschen Bundesgebiete würden und müßten dieselbe Wiederherstellung verlangen, wobei sich ein nationaler Regent an der Spitze und Losreißung vom deutschen Bunde von selbst verstünde. Das will man in Deutschland gewiß nicht, aber cs kann nicht ausbleiben, denn alles Andere ist halbe Maßregel. Es sind bereits Anzeichen genug da, welche zu diesem Glauben berechtigen, und die österreichische Politik hat gewiß ihren schlimmsten Fehler dadurch begangen, daß sie diese Länder nicht systematisch germanisirt hat im Geiste Ioseph's H., [ worauf sie vor nicht langer Zeit von wahrhaft nationalen Blättern so oft hingewiesen wurde.
Die Donau könnte dann nicht so von Rußland bedroht seyn, wie sie es ist. —
I Unb was wird die Folge der Wiederherstellung der slavischen Länder seyn? Keine andere, als daß wir nur mit außer- ster Entschiedenheit den vereinigten romanischen und slavischen 5 Völkern das Gleichgewicht zu halten im Stande sind, daß wir - stets aus dem Kriegsfuß bleiben müssen, wenn dieselbe gelingt, - daß uns möglicherweise der Donauhandel ganz zu Grunde gerichtet wird. Gelingt sie nicht, so rufen wir nutzlos den schauderhaftesten Bürgerkrieg in Polen hervor, wozu in Galizien schon das Landvolk im Begriffe steht, und eine Anarchie.ist dort
unvermeidlich, aus welcher sich der Volksgeist, allen geschichtlichen Erfahrungen zu Folge, nicht durchzuringen im Stande ist> die das Land allen Intriguen fremder Mächte preisgibt, und doch wieder zur Beute werden läßt. Es erscheint vielleicht Manchen hart, wenn wir den Slaven den Beruf zu einer großartigen geschichtlichen Zukunft ganz absprechen, aber cs ist unsere Ueberzeugung. Was nützen wir also den Polen, wenn wir die Reorganisation zugeben? Geradezu Nichts. Uns aber verderben wir sehr viel.
Preußen scheint unö bald gezwungen zu seyn, sein großmüthiges Vorhaben aufzugeben; erwarten wir ruhig, ob Frankreich seine Begeisterung für Polen thatsächlich bewährt, ob das fetzige Verfahren Preußens zu einem casus belli für Deutschland wird, wir glauben es nicht, denn auch Frankreich liebt nicht, für Andere Kastanien aus dem Feuer zu holen, und wird nicht durch einen erbitterten Nationalkrieg seine fetzigen Zustände gefährden dürfen. Wenn aber Polens ältester und natürlichster Bundesgenosse es im Stiche läßt, dann hat wahrlich eine Nation, für die das bekannte Sprüchwort gilt „So lange die Welt steht, wird der Pole uic dcs Deutschen Bruder", keine Verpflichtung, es zu eigenem Schaden zu rcgeneriren.
Die große Politik läßt nun einmal keine allzu uneigennützigen Maßregeln zu, denn fede Nation sucht sich politisch, wie materiell über die anderen zu erheben und der Gutmüthige verliert stets das Spiel.
§§ Ursachen und Folgen der gegenwärtigen
Revolution in Frankreich.
Schon längst vor dem Ausbruche der gegemvärkigcn französischen Revolution, welcher eine allgemeine, freilich nach vW Wesen und der Bildungsstufe der Nationalitäten in ihrer Ausdehnung verschiedene Erhebung des Volkes in fast ganz Europa gefolgt ist, konnte man die Verhältnisse in Frankreich und Deutschland jenen mit Recht vergleichen, die der Umwälzung von 1792 vorausgingen.
In Frankreich äußerten sie sich am stärksten im öffentlichen Leben, dessen gänzliche Verderbniß vor Augen lag und in seinem nächsten Erzeugniß, der Literatur. Die übergroße Herrschaft der materiellen Interessen und Zentralisation, also des Eigennutzes beim Einzelnen und im Staate hatte dort den Nechts- boden unterwühlt, sie hatte so gut das Mark des Volkes zerfressen, wie das der Regierung, wenn wir von West- und theilweise Südfrankrcich absehen. Dort hat sich ein gesunderer Sinn von feher gezeigt und bis heute erhalten.
Von hier aus glauben wir auch muß eine Verfüngung des ganzen Landes früher oder später ausgehen, die nur in einer Sprengung der Zentralisation und Bildung eines Bundesstaates bestehen kann, der sich vor Allem auf eine fre c Gestaltung der Gemeinde stützen muß.
In Folge der allgemeinen Verderbniß mußte sich eine verpestete Literatur bilden, welche gleicherweise die Religion und Sittlichkeit wie die politischen Zustände nieberwarf, und an die Stelle der ersteren die Herrschaft des Verstandes, zu deutsch des Eigennutzes, an die Stelle der letzteren die Herrschaft des Proletariats zu setzen strebte.
Es konnte nicht fehlen, daß man franzöLschepietts die Loir- kungen eines Anstoßes auch in Deutschland fühlen mußte,