Beiblätter
3«r Nassauischen Allgemeinen Leitung
für Literatur, Kunst und gemeinnützige Interessen.
Freitag den 12. Mai
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? * Der Sehreiberkönig
Ein politischer Roman aus den letzten Wgen des Polizeistaates, ; l von W. H. Riehl.
n (Fortsetzung.)
„Bin ich noch ein ABC-Schütze, daß man mir einen Schulmeister in's Gefängniß schickt?" rief Damian trotzig. „Nicht einmal unterhandeln wollte ich mehr mit Euch, — und nun schulmeistert Ihr mich gar? Seht, wenn mich bisher unser Pfarrer im Beichtstuhl nicht gelind absolviren wollte, dann sprach ich: So ihr's nicht um zwölf Paternoster, um sechs Ave's, oder um drei Backenstreiche, oder um zwei Fasttage billiger gebt, Herr Pastor, — werde ich deutschkatholisch, dann kann ich mich selber auf's allerbilligste absolviren. Und das half jedesmal. Wenn mich der Amtmann nicht absolviren wollte, dann sprach ich: Herr Amtmann, ich lass' mir eine Bittschrift an den Landtag aufsetzen über die bewußten neun- undneunzig Punkte. Und das half auch. Wenn Ihr mich nicht absolviren wolltet, dann drohte ich mit Eurem Geheimniß ; das hat gleichfalls allezeit geholfen. Jetzt aber will ich gar nicht mehr absolvirt seyn. Sie sollen mich Herknurren, aber zu gleicher Zeit geht die Bittschrift an den Landtag, ich werde morgen deutschkatholisch und heute noch offenbare ich's dem Amtmann, was für ein Vogel unter sein Dach gebaut hat. Meint Ihr, ich hätte Euch rufen lassen, um mir abermals gegen die Bewahrung Eures Geheimnisses Absolution abzukaufen? Da müßte ich heute Nacht Dinte getrunken haben statt Punsch! Und wolltet Ihr mir gleich eine ganze Maaß Ulrichsteiner Fruchtbranntwein setzen; der Damian läßt sich nicht mehr auf's Kapituliren ein! Ich habe vorhin in dem Buch der Freiheit und der Menschenrechte gelesen, da steht nicht geschrieben, daß ein armer Teufel immerfort kapituliren müsse mit Aktenstättdern und Weihrauchkeffeln und Geldsäcken.
— Seht Ihr die blutige Schmarre an meiner Stirn? Die j habe ich in dieser Nacht erhalten, als ich mich für Euch mit es I meinem guten Kameraden prügelte. Ich habe Euch rufen lassen, um Euch diese Schmarre zu zeigen und dann — — eii? den Hals umzudrehen." Bei diesen Worten packte er ihn am
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Kragen und drückte die beiden nervigen Hände so fest an den Hals, daß Stauff laut aufschrie und nur durch die riesig gesteigerte Kraft der Verzweiflung und Todesangst sich frei machen konnte.
„Lauft fort, wenn Ihr Luft habt! Erzählt die Geschichte allen großen Herren und sagt ihnen, sie sollten die kleinen Spitzbuben nicht sofort am Kragen fassen lassen, sonst würden lauter Helden aus denselben. Für diesmal habe ich Euch nur mit einem blauen Male zeichnen wollen, aber wenn ich einmal Minister bin, dann seyd Ihr der Erste, der an den Galgen kommt."
Während Stauff gegen die Thüre hinübersprang, griff Damian nach seinem Stuhl und schleuderte ihn dem Fliehenden nach. Das Stuhlbein traf ihn schwer auf die linke Schulter, daß er zusammensank--in die Arme einer Dame.
Die Thüre hatte sich nämlich während des letzten Auftrittes geöffnet, und Fräulein Susette, welche eine Weile draußen gelauscht hatte, sprang herein just in dem Augenblicke, wo Stauff in die Kniee brach.
„Da habt Ihr Euch einen schönen Schatz erwählt!" rief Damian und lachte hellauf. Susette aber wurde zinnoberroth und flüsterte: „Hören Sie nicht auf die rohen Worte!" und zog den leicht Verletzten vor die Thür, wo er sich sogleich wieder ermannte.
„Kommen Sie rasch mit," rief sie dann, „hier gilt es Eile. Mißdeuten Sie meinen Eifer nicht; ich bin ja eigentlich nicht hier — als Frauenzimmer, sondern — o Gott, wie soll ich es ausdrücken —als Ihr rettender Genius. Sie müssen sogleich das Amthaus verlassen; hier ist die Thüre zu meiner Stube, treten Sie nur auf eine Minute ein, daß ich Ihnen Alles enthülle--"
Stauff ahnte nicht, welch leidenschaftliche Zärtlichkeit in diesen wild heraus,gesprudelten Worten lag, er folgte mechanisch wie ein Kind und konnte den Zusammenhang nicht fassen.
Gleich einem römischen Konsul, der den langen Zug von
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