Donizetti hatte mit sehr grtTlidlichen Studien und einem gediegenen Streben begonnen, und doch mit der Oberflächlichkeit aufgehört. Der alte Simon Mayr, der in Italien ak- klimatisirte deutsche Meister, welcher selber erst vor zwei Jahren gestorben ist, war sein erster Lehrmeister gewesen, und so lange der junge Donizetti nicht vor die große Oeffentlichkeit trat, blieb er der ernsten Richtung getreu, die ihm Mayr eingeprägt. Aber die Lockungen des glänzenden äußeren Erfolges, denen nach Rossini's Vorgang kein einziger italienischer Opernkomponist hat widerstehen können, und die selbst den von Haus aus weit tiefer begabten Bellini auf den Irrweg geführt, riß auch ihn herum, und er begann nun in der bekannten leichtfertigen Art seine ungeheuere Fruchtbarkeit zu entfalten, unter deren Einflüssen die deutschen Opern-Repertoire leider noch immer seufzen.
Was er Gutes in seiner Jugend gelernt, hat Donizetti freilich niemals ganz vergessen und es tauchen in allen seinen Werken vereinzelte Silberblicke auf, die an ein würdigeres Künstlerthum gemahnen. Im Ganzen genommen aber hat er die tragische Manier Bellini'S in der heroischen Oper und die komische Rossini's in der Opera hussa so ziemlich zu Tode gehetzt, und wir glauben nicht, daß trotz der augenblicklichen Erfolge eines Verdi u. A. dieser Art, der italienischen Oper, die seit 1816 das deutsche Theater unter dem Scepter eines wahren Schreckensregimentes hielt, nach Donizetti's Ableben noch einige Zukunft beschieden ist. Schon Donizetti kann in seinen neuesten Werken eigentlich gar nicht mehr als ächter Italiener betrachtet werden; fein Aufenthalt in Paris hat ihn bereits so viel Elemente der Meyerbeer-Auber-Halevy'schen Schule aufnehmen lassen, daß er selber eigentlich die Zwittergestalt einer i t a l i e n i s ch - fr a n z ö s i s ch e n Oper begründet hat.
In Deutschland wurde Donizetti zuerst vorzugsweise durch seine „Anna Bolena" bekannt, dann brach sich der Liebestrank, Marino Foliero rc. in rascher Folge Bahn, doch erhielt er erst durch die Regimentstochter und den Bclisar jenes überweit ausgedehnte Bürgerrecht auf allen deutschen Bühnen, wie er eS bisher genossen.
Nur im leichten, komischen Genre warDonizettti eigentlich recht zu Hause. Seine „Regimentstochter" ist trotz aller Mängel das einzige wahrhaft charakteristische Werk, welches er geschrieben hat. Freilich ging ihm, um mich eines impertinent bezeichnenden Ausdruckes zu bedienen, die heroische Oper nicht minder gut ab, allein darin bekundet sich nicht die tiefere Begabung für den höheren tragischen Styl, sondern nur die angeborene Leichtigkeit eines mittleren Talentes, welches in allen Sätteln gerecht ist. Donizetti hat in dieser Beziehung viele Aehnlichkeit mit Kotze bue. Kotzebues tragische Stücke, sein „Schutzengel", sein „Menschenhaß und Reue" rc. rissen einst ebenso zur Bewunderung, zur Rührung,
zu Thränen hin, wie jetzt zum Lachen. So geht es auch und wird es gehen mit einem „Belisar", einer „Lucia" und ähnlichen Produkten. Wir hören sie gläubig an, damit uns unsere Enkel für dieses gläubige Anhören auslachen können.
Donizetti's Musik ist, um es mit wenigen Worten zu bezeichnen, kokett, sinnlich, üppig; zum tragischen Style fehlt ihm die Herzenseinfalt, die Weihe eines ernsten künstlerischen Sinnes. In seiner „Lucrezia, Borgia" z. B., wo das Sujet dieselben üppigen, blasirten Scenen des Sinnenreizes darstellt, wie sie mit wenig verändertem Zeitkostüm bisher auch in Paris zu finden waren, ist Donizetti in seiner Art Meister; er liefert ein wirkliches Charakterbild; im Belisar dagegen, wo es einer einfacheren und tieferen Heldengröße gilt, wird er dem feineren ästhetischen Sinne geradezu widerwärtig.
Donizetti ist wohl ganz zur rechten Zeit gestorben. Die Gegenwart ist zu ernst geworden, als daß selbst das größere Publikum für die feine, überreizte und überreizende Sinnlichkeit seiner Opern noch lange ein Ohr haben könnte. Eine shakespearische Zeit ist wiedergekommen; vielleicht werden auch über kurz oder lang shakespearische Opern und shakespearische Schauspiele wieder geschaffen. R.
Miszellen.
— Berlin, 1. M ai (Köln. Ztg.) Nie, so lange ich denken mag, hat Berlin ein solches Schauspiel geboten, als an dem heutigen Tage des „großen Wahl-Conclave", wie Frau Beilina sich ausdrückt. Alle Straßen sind wie ausgestorben, die große Mehrzahl der Läden geschlossen, selbst die Zeitungshalle. Der größte Theil der Droschken scheint Neesen Theilnahme ihrer Lenker an der StaatSleitung durch die Wahlen der Wähler von" den Straßen verschwunden, und die übrig gebliebenen Halten feiernd auf den Plätzen und. an den Straßenecken. Es ist so still und geräuschlos in dem sonst so lebendigen Berlin, wie in einer kleinen Landstadt am SonntagS-Nach- mittage. Dazu sind fast alle Hansthüre» verschlossen ; denn die in den Häusern zurückgebliebene, meist weibliche Einwohnerschaft fürchtet den Besuch praktischer Communisten alten StyleS, deren gegen 17,000 unter polizeilicher Aussicht sich in Berlin besinden. In einigen Bezirken durchziehen SicherheitS-Garden, aus jungen Leuten gebildet, die das Wähler-Alter noch nicht haben, die Straßen, wie auch alle Wachen von ihnen besetzt find. Die mächtigsten der Göttinnen, die bleichwangige Furcht, scheint ihr bleiernes Zepter über Berlin zu halten. Dazu fürchtet man heute Abend Volks-Nnrnhen.
— Stuttgart, 3. Mai. Auf den Anlaß vom Unterliegen des Dr. F. D. Strauß bei der Wahl für'S Parlament hat Justinus Kerner folgende schöne Ansprache an seine und StraußenS Landsleute, die Ludwigsburger gethan: — so sagt er — ich beklage, ich traure mit Euch, daß eine wahre Lächerlichkeit Euch des Sieges, des Ruhmes beraubte, aus Euren Mauern einen der ersten Denker Deutschlands zur Berathung, nicht seiner religiösen, sonder» seiner politischen Umgestaltung senden zu können, und das ist eS, was ich Euch in meinem Schmerz darüber, und gleichsam mein Votum für Strauß in die Wahlurne meiner Vaterstadt niederlegend, öffentlich mitzutheilen und sagen zu müssen glaubte."
Verantwortlicher Redakteur: W. H. Riehl. — Druck und Verlag der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung in Wiesbaden.