Nassauische
Allgemeine Zeitung.
JI# 38. Dienstag den V Mai 1 8â8.
Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. — Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden Ä fl., für den Umfang des Herzogthums Nassau, des Großher,ogthums und KurfurstenthumS Hessen, der Landgrafschäft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S fl. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thnrn- und Tarisschen Verivaltungsgebietes S fl. 40 fr.— Jniera te werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Einige Erläuterungen zu den neuen Verordnungen vom 4. Mai.
Ueber den Entwurf des deutschen NeichsgrundgesetzeS.
Deutschland. Weilburg (Die Bauern). — AUS dem Badischen (Mathy). — B om Bodensee. Das Militär. Der reaktionäre Ter- roriSinuS. Fickler zurückgekehrt). — Leipzig (Bolksstimmung gegen die „faulen" Nonnen). — Po sen (Vom Kriegsschauplatz). — Hamburg
(Die dänischen Schiffe bei HolniS). — Kiel (Prof. Waitz gewählt). — Lübeck (Alle zum deutschen Bund gehörigen Schiffe werden von den Dänen genommen). — Rendsburg (Die Dänen). — Haders leben (Die Preußen in Jütland). — Prag (Krawalle).
Frankreich. (Dicerwartete neue Verfassung). Die provisorische Regierung nimmt Abschied. Das Münzwesen. Abzug des österreichischen Gesandten und daS Einrücken des General Oudinot in Piemont).
Italien. Mailand (Kriegsbericht).
Nachschrift.
* Einige Erläuterungen zu den neuen Verordnungen vom ZL Mai
(Schluß.)
Die Kommission, welche zur Berathung der gewaltig drängenden Lebensfragen des Gewerbwescus ernannt werden soll, ist ein unabweisbares Bedürfniß , und zwar ist eS eben so nöthig, daß nicht bloß, wie ehedem, von Regierung und Ständen die Reform des GewerbwefenS berathen wird, sondern daß Sachverständige, d. h. Gewerbsleute mit in der Kommission sitzen. In Nassau wird man um so eher ein praktisches Urtheil von den Gewerbtrcibenden selber erwarten können, als diese durch eine harte Prüfungszeit unserer bisherigen trostlosen Verhältnisse gewiß erfahren haben, wo die Fehler sitzen, und wie abzuhelfen ist.
Eine Generalspnode der Geistlichen, die jetzt von Seiten der Regierung in Aussicht gestellt wird, hätte eigentlich von den Geistlichen selber schon längst veranstaltet werden sollen, j Es würde den Pfarrern, deren Ansehen doch wahrlich einiger Kräftigung — namentlich bei den protestantischen Gemeinden— bedürfte, außerordentlich genützt haben, wenn auch sie in den Tagen der allgemeinen Bewegung zusammengestanden,! und aus sich selbst heraus auf eine freiere Kirche nv er fas-! sung gedrungen hätten. Denn daß die dermalige nur solange bestehen konnte, als der Polizcistaat bestanden hat, liegt doch auf der flachen Hand. Die Art, wie die obere geistliche Ver-s Wallung unseres Landes unmittelbar mit der Regierung verfitJ tet war, ist fast einzig in Deutschland gewesen — freilich nicht« im guten Sinne. Die Kirche war so eng mtt der Polizei, das geistliche Amt so eng mit dem weltlichen verschwistert, daß einzelnen Pfarrämtern" fast mehr zu amtiren und zu registri-z ren, als zu predigen und lehren war. Die Gemeinden stehen zu der Kirche in einem ganz äußerlichen Verhältnisse und es ist kern Wunder, wenn sie daher der Kirche in geistlichen Dingen sich mit Her; und Sinn entfremdet haben. Pfarrer und Schullehrer müssen der Gemeinde wiedergegeben werden; dadurch - unr wird Kirche und Schule frei und selbstständig und wir hoffen, unsere Geistlichen werden auf der Generalspnode den Muth
haben zu fordern, daß man fortan Kirchendienst und Schuldienst nicht mehr in Einen Sack werfen möge mit dem Staatsdienste , baß man den Gemeinden eine Stimme bei der Wahl ihrer Pfarrer und Schullehrer einräume, daß man der evangelischen Kirche ihre Freiheit wiedergebe, indem man für sie eine Selbstverwaltung organisirt, welche nicht, wie bisher, mit Anfang und Ende mitten in der Landesregierung, d. h. in der oberen politischen Verwaltungsbehörde steckt, und endlich, indem man statt des Bischosthums der strengen Lutheraner die freiere Konsistorialversassung der Reformirten wieder in's Leben rufe. Außerdem werden die bisherigen Pfarrkonferenzen in die freiere und weitere Form wirklicher Synoden übergehen müssen, wenn eine zeitgemäße Kirchenverfassung ordentlich' Grundlagen und dauernden Bestand haben soll.
Unter den neuen Verordnungen finden wir schließlich auch eine, die Einziehung der Steuern betreffend. Bekanntlich hat es den Rezepturbeamten in der jüngsten Zeit sehr schwer gehalten, die Steuern einzuziehen, denn viele Bauersleute, welche sich die Revolution sogleich unter einen sehr praktischen Gesichtspunkt gebracht haben, meinen, jetzt sey es aus mit allem Steuerbezahlen, und manche Geblldete, die viel zu gescheit sind, um nicht zu wissen, daß jeder Staat seine Verwaltungskosten durch die Geldbeiträge aller Staatsmitglieder bestreiten muß, haben den Bauern den Mund vollends lang gemacht mit der Steuerfreiheit. So gewiß wir aber mit allem Nachdruck auf eine gerechtere Besteuerung dringen müssen, die namentlich die Staatslasten gleichmäßiger vertheilt und nicht dem reichen Manne gibt, was sich der Arme mit Kummer und Noth abdarbt, so gewiß ist es auch unsere Pflicht, die Landleute zu belehren, daß eine völlige Steuerfreiheit niemals stattfinden kann, und daß wir vorerst noch unsern alten Verpflichtungen nachzukommen haben, bis die Volksvertreter über die Gestaltung der neuen in's Reine gekommen sind. Es ist Recht von der Regierung, daß sie jetzt nachdrücklich auf die Einzahlung der rückständigen Steuern dringt, und jeder Bürger, der es ehrlich mit dem Vaterlande meint, wird sie hierbei unterstützen. Wir würden die Ersten seyn, welche furchtlos ihre Stimme dagegen erheben würden, sofern die Regierung eine ungerechte Steuer erheben wollte, aber eben so laut sagen wir's auch, daß es Jedermanns verfluchte Schuldigkeit ist, die alten Verpflichtungen zu tilgen.
„Steuern," so heißt es in den politischen „zehn Geboten der Nassauer" — „Steuern werden auch in Zukunft nach wie vor bezahlt werden müssen, und kein Kreuzer weniger als nöthig ist. Ja! bei der zunehmenden Verarmung so Vieler und bei der Pflicht für die Armen zu sorgen, werden, wie ich mir schätze, wohl eher noch mehr Steuern bezahlt werden müssen, als jetzt. — Doch, was soll uns denn die Freiheit, ruft ihr mir zu, und wozu ist denn die Freiheit nütze, wenn wir in Zukunft nicht weniger Steuern bezahlen sollen? Dazu, daß Ihre Eurer Menschen- und Bürgerwürde Euch inniger bewußt werdet, daß man Euch nicht Hunzen und stoßen und treten kann, und daß Ihr durch dieses Bewußtseyn Euch gehoben und kräftiger fühlt, Euer Tagewerk rüstiger und freudiger zu thun, und in Summa, Allem nachzutrachten, was dieses kurze Leben und seine saure Arbeit als eine heilige Gottesgabe erscheinen läßt."