Beiblätter
jur Nassauischen Allgemeinen Jeitung
für Literatur, Kunst und gemeinnützige Interessen.
M 37. Montag den 8. Mai ISaS*
* Der Schreiberkönig.
Ein politischer Roman aus den letzten Tagen des Polizeistaates, von W. H. Riehl.
(Fortsetzung.)
.^, Dreizehntes Kapitel.
Der Amtmann war sich selbst zur Last heute Morgen, obgleich er erst seit einer halben Stunde das Bett verlassen hatte. Im Kopfe war's ihm so wirr, daß er fortwährend über seine eigenen Gedanken stolperte, unheimliche Ahnungen juckten ihn, und es lief ihm den Rücken hinab, daß er sich schüttelte, als könne er so das peinliche Gefühl von sich schleudern; er war mit dem linken Fuße zuerst aus tem Bette gestiegen, und ein Brief aus der Hauptstadt war eingelaufen, den er zwar sogleich in's Feuer geworfen hatte, aber die Flammen konnten wohl die ärgerlichen Schriftzüge verzehren, doch nicht die ärgerlichen Gedanken, welche aus jenen Zügen dem Selbst- quäler in den Kopf gestiegen waren.
Im lebhaftesten Selbstgespräche ging er im Zimmer auf und ab; Das aber ward ihm auf die Dauer zu peinlich; er mußte einen geduldigen Hörer haben, also rief er seine Frau herein.
„Frau! Mein Waizen will nicht mehr grünen — die größten Staatsmänner sind oft plötzlich gestürzt worden — der Krug geht so lang' zum Brunnen — das ist ein dummes Sprüchwort — das neue Ministerium reformirt zu hastig — wo will Das hinaus? — Kaiser Joseph hat sich zu Tod' geärgert, der Fürst Metternich trinkt in Frieden seinen Johannisberger und wird so alt wie Methusalem — daran mögen sich die Staatsverbesserer spiegeln — das neue Ministerium schmeichelt den Bürgern, drückt den Beamten den Daumen auf's Aug' — das ist unerträglicher Druck — die Zeit erträgt so etwas nicht, und mit Gewalt kann man eine Violin' an einem Eichbaum kaput schlagen — meine Freunde in der Hauptstadt warnen mich — scharfe Visitationen sollen bevorstehen — man will keine Wahlbestechungen mehr — was will man dann? — soll jeder Staatsdiener den Aristides spielen?
— von diplomatischem Champagner beleuchtet muß einem Minister eine solche Anforderung an seine Untergebenen recht hübsch erscheinen — habe ich in meinem Amte gesündigt, dann ist's aus zu großem Amtseifer gewesen — kann man mich pensioniren, weil mir jezuweilen was Menschliches passirt ist? — wo steht das in den Akten? — das gescheiteste Hinkel läuft manchmal in die Brennnesseln —"
„Was soll das heißen, Fürchtegott?" rief die arme Frau, zu Tode geängstigt durch diese kurzen, räthselhaften Ausrufe, die der Amtmann je nach einer langen Pause heraussprudelte, während er in großen Sätzen im Zimmer auf- und niederschritt. „Bist Du nicht allezeit der loyalste Mann gewesen? Was kann man Dir anhaben?" —
„Loyal? — Ja wohl — aber meinst Du, ganz heimlich im Herzen wär' ich nicht so freisinnig wie Einer? — Sag' es nicht weiter, so lieb Dir Dein Witiwcngehalt ist!'— wenn ich verbotene Bücher konfiszire, dann lese ich sie vorher mit einer Gier, wie ein Mann, der draußen vom Jähhunger befallen wird, Gras und Moos verschlingt — ich weiß, daß die, welche auf den Thronen sitzen — nun? — ich weiß, daß Narren auch Leute sind — Item in Betreff der Kirche: wer ein Narr ist, läßt sich eine Kappe machen, und die Bischofsmütze ist die größte — sag' es nicht weiter, Frau, sonst wirst Du verboten im Lande, und ich muß Dich konfisziren wie die andern Scharteken — ich bin der freisinnigste Mann — aber den erkläre ich für einen Hochverräther, der den Beamten das Heft aus den Händen winden will — schweige auch darüber, wenn Du ein kluges Weib bist; denn cs scheint mir, die Bürokratie will aus der Mode kommen—die Gewohnheit macht den ganzen Menschen — ich administrire, registrire, richte, amtire leidenschaftlich — aus Gewohnheit — ich bin ver loyalste Mann — aus Gewohnheit — aber hier im Kopfe steckt denn doch auch noch Etwas, das mir manchmal zuruft: Stöpselius, Du bist doch kein Esel! — sieh' das ist der geheime Demagog) der Jedem im Kopfe sitzt, dem durch keine Gewohnheit ganz der Mund gestopft wird. — Ich habe zu Dir gesprochen, wie im Beichtstuhl — daS Beichtgeheimniß brechen, ist ein Sakri-