* Dramaturgische Blatter.
Martha, Oper in 5 Akten von Friedrich Flottow.
(Schluß.)
Betrachten wir die Musik der Oper Martha im Einzelnen, so fehlt es ihr durchaus an bestimmter Charakterzeichnung. Nur bei der Rolle des Plumkett und der Nancy ist ein kleiner Anlauf dazu genommen. Freilich hat es aber auch der Dichter an allen nöthigen Grundlinien der Charaktere fehlen lassen. Dies führt uns auf eine entscheidende Frage: soll diese Oper ein Intriguenstück , oder ein Konversationsstück, oder eine eigentliche komische Oper seyn? Zur komischen Oper fehlt der Humor in Musik und Handlung, zum Intriguen- oder Konversationsstück bewegen sich Musik und Charaktere bei weitem nicht leicht genug, und doch ist wieder Alles zu leicht, um für eine ernste Oper, was sie auch der Handlung nach nicht seyn soll, gelten zu können. Dieses zwitterhafte Wesen läßt das ganze Werk durchaus farblos erscheinen und macht, daß die Oper eigentlich gar keinen bestimmten Eindruck hinterläßt. Es fehlt ihr alles Charakteristische. Bei Stradella begegneten wir schon derselben Halbheit und Farblosigkeit. Das Sujet hätte dort durchaus im Style der ernsten, wo nicht heroischen Oper behandelt werden müssen, statt dessen haben wir eine steife, konventionell gekräuselte Salons- und Konzertmusik mit stark ausgetragener lyrischer Färbung erhalten.
Das Dramatische, die Handlung in der Musik und die Musik in der Handlung ist bekanntlich Flotow's schwächste Seite. Er hilft sich bei Stellen, wo dramatische Hebung und Bewegung gefordert wird, gemeiniglich mit einem sehr einfachen Mittel: er läßt die Hauptmelodie im stärksten Unisono von allen Stimmen aufgreifen und durch das volle Orchester begleiten. Man könnte dies eine großartige Einfachheit nennen, wenn es nicht eine großartige Armuth wäre. Als Flotow diesen Effekt zum ersten Male brachte, namentlich bei dem Gebet Stradella's im dritten Akte jener Oper, überraschte er und that seine Wirkung. Jetzt sind wir aber das Ding, welches sich sogar in den Ouvertüren, den Chören und überall wiederholt, längst gewöhnt.
Die innere Leblosigkeit seiner Harmvuisirung weiß Flotow meisterhaft durch eine reiche und mannichfaltige Instrumentation zu verdecken. Erst wenn man die Partitur oder gar den Klavier- auszug in die Hand nimmt, wird man recht inne, wie kahl und todt seine Bässe sind.
Bei alle dem läßt sich aber doch nicht leugnen, daß Glotow in dieser Oper wie in seinen früheren mit großer Gewandtheit den musikalischen Effekt zu berechnen und seiner leichtfertigen Oberflächlichkeit den Schein des Tieferen zu leihen versteht. Der Selbstbetrug, den er an sich selbst verübt, überzeugt uns erst davon, daß er wirklich kein gewöhnliches Talent besitzt. Vielleicht ermannt er sich, vielleicht läßt er jetzt diesen geschminkten, aufgeputzten Theaterprunk seines Styles fallen, um sich einer
entschiedenen, charakteristischen Richtung des musikalischen Künstler- thums zuzuwenden. Denn das deutsche Publikum wird nicht mehr länger Geduld haben, diese Halbheit und Hohlheit anzuhören und mit diesem künstlerischen Epikuräismus zu buhlen, der den Kunstgenuß zu einer grobsinnlichen Feinschmeckerei herab- würdigte, die für die Zeiten des Alles abspannenden und entnervenden Polizeistaates gerade gut genug war.
Ueber die Einzelheiten der Besetzung und Aufführung werden wir berichten, sobald die Oper zum zweiten Male gegeben worden ist. W. H. R.
Miszellen.
— Düsseldorf, 27. April. A u ch ein Fortschritt. Die Mitglieder des hiesigen Landgerichts haben in Uebereinstimmung mit der Advokatur und den Mitgliedern des öffentlichen Ministeriums während der gestrigen Sitzung beschlossen, unter einander im Geschäfts- und Privatverkehr sich der lächerlichen Prädikate Woh l-,H o chw o hl - Hoch- Edel- Hochedel- und auf andere Weise g eb o r e n zu enthalten. Die Nachahmung dieses guten Beispiels ist bereits allgemein. (Düff. Ztg.)
— M ünchen, 3 0. April. Kürzlich hatten 264 Künstler dahier eine Adresse an König Ludwig, bei Gelegenheit seiner Thronentsagung, sMHtel. In Erwiederung hierauf ward gestern jedem der Unterzeichner unter eigener Adresse ein Gedicht von König Ludwig übersandt. Es ist betitelt „an die 264 Künstler." Der k. Dichter spricht in demselben auf das wärmst« seinen Dank für die Adresse und seine unvergänglichen Sympathien für die Kunst aus. Wir entnehmen folgende Strophen:
Kein Opfer war's der Herrschaft zu entsagen.
Daß für die Kunst ich weniger vermag
Das ist das Einzige, was schwer zu tragen;
Der Schatten ist cs mir in meinem Tag . . .
Der Herrschaft Größe vor der Kunst verschwindet, '
Für welche liebeglühend schlägt mein Herz.
Auch ich empfinde das, was ihr empfindet,
Ich fühle mit des Künstlers Wonu' und Schmerz.
Die Reiche enden und die Throne stürzen,
Vertilgend ziehet über sie die Zeit;
Die Kunstgebilde mir das Leben würzen,
In ihnen währet die Vergangenheit.
— Das Testament des kürzlich verstorbenen Jacob Astor ist in den Neuyorker Zeitungen veröffentlicht. Es verfüg) über ein Vermögen von etwa 20,000,000 Dollars. Der Stadt Neuyork hat Astor 500,000 8 für eine öffentliche Bibliothek vermacht; der „Enguirer" findet das sehr knickerig.
— Paris. Die Organisation der Arbeit und die Kunst werden sich schlecht vertragen. Der „Moniteur" bringt ein Dekret, wodurch mehreren Malernaufgetragen wird, die FreScogemälde im Pantheon zu vollenden — gegen 10 Fr. Tagelohn ! Welcher Vandalismus! —
— Wien 2 7. April. Vorgestern kamen 2 Kaiserjäger hier an, um der Regierung einen Karren von Radetzki zu überbringen. In diesem Karren befanden sich 34 Ctnr. Goldbar ren, welche der Feldzeugmeister auS Mailand geflüchtet und von diesen beiden treuen Soldaten in aller Stille hierher bringen ließ. Der Finanzminister Kraus soll außer sich vor Vergnügen sein und sie persönlich in Empfang genommen haben. (Dtsch. Ztg.)
Verantwortlicher Redakteur: W. H. Riehl. — Druck und Verlag der L. Schell enberg'schen Hof-Buchhandlung in Wiesbaden.