Beilage zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
M 33. Samstag den <>♦ Mai 1848»
Uebersicht.
Der skandinavische Bund.
Deutschland. Wiesbaden (Landesherrliche Verordnungen). —O ffe N- burg (Die nassauischen Truppen).
Frankreich. Paris (Das Ervffnungsprogramm der Nationalversammlung).
Der skandinavische Bund.
Dänemark wird seine politischen Verirrungen theuer bezahlen und schwer büßen. Seine Ultras haben den ohnehin kleinen Staat an den Rand des Abgrunds gebracht. Seitdem Deutschland die Sache der Herzogthümer so energisch zu der seinigen gemacht und Schleswig in den Bund ausgenommen, darf Dänemark nicht mehr daran denken, das Land zwischen Eider und Königsau als einen Theil des neuerfundenen Gesammtstaates zu betrachten. Von Kopenhagen aus setzte man Alles auf eine letzte Karte, man spielte Va banque und verlor die Partie.
Zunächst lastet der Krieg schwer auf den ohnehin zerrütteten dänischen Finanzen. Diese verlieren die sämmtlichen Einkünfte aus den fruchtbaren und wohlhabenden Herzogthümern, sie schmelzen noch mehr zusammen, und man wird außer Stande seyn, mit den wenigen Millionen, welche den Dänen bleiben, Landheer und Flotte zugleich zu unterhalten. Als letzte Hülfsquelle bleibt nur der Sundzoll; aber wie lange noch? Zn einer Zeit, welche alle unnatürliche Sperren, Hemmnisse und Belästigungen beseitigt, kann doch gerade dieser Seezoll, dessen Berechtigung ohnehin problematisch erscheint, nicht auf ewige Dauer rechnen.
Dänemark spielte einst eine politische Rolle von Wichtigkeit im europäischen Norden; es war herrschender Staat in Skandinavien. Aber nach und nach sonderten sich die einzelnen Glieder ab, das-südwestliche Schweden und Norwegen gingen verloren und man mußte in Kopenhagen auf die Hegemonie verzichten, so schwer es den Dänen auch fallen mochte. Man fühlte die mißliche Stellung eines geschwächten Staates gegenüber den großen Mächten, man wußte, daß Dänemark, einzeln genommen, ohne alle Geltung bleiben muß. Zu Schweden sind die weiter- blickenden Politiker zu derselben Ueberzeugung gekommen, die ganze Nation ist zu der Einsicht gelangt, daß sie allein dem russischen Feinde gegenüber viel zu schwach ist, um dessen Angriffe abzuweisen oder die Kornkammer Finnland wieder zu erobern, deren Verlust Schweden niemals verschmerzen wird. Auch dieser Staat hat, gleich Dänemark, ungeheure Opfer gebracht, um sich auf einer politischen Linie zu behaupten, auf welcher es dennoch das Gleichgewicht zu halten nicht vermochte. Denn die skandinavischen Staaten, einzeln genommen, sind machtlos, und zählen kaum als europäische Mächte; zusammengenommen und verbündet, würden sie wenigstens an Volkszahl das ehemalige Königreich der Niederlande nahezu erreichen und durch ihre Seelage ein großes Gewicht ausüben können. Darum dringt man in Skandinavien auf engern Anschluß der einzelnen Staaten aneinander; man will der Vereinzelung, aus welcher eben die Schwäche entspringt, ein Ende machen, und möchte eine Föderation gründen, welche den einzelnen Staaten nach Innen freies Spiel läßt, während Skandinavien, etwa wie Deutschland, nach Außen hin als ein untrennbares und volles Ganze erschiene.
Zwar die alte Nationaleifersucht zwischen Schweden und Dänen und der Haß der Norweger gegen die letzteren ist noch lange nicht erloschen, aber man hat seit beinahe zehn Zähren angefangen, sich zu verständigen.
Wir meinen daß der Gedanke eines skandinavischen Staatenbundes, oder noch besser eines Bundesstaates, ein sehr richtiger sey. Auch vom Standpunkte des deutschen Interesses betrachtet, hat er Vieles für sich. Zusammengenommen können Dänemark, Norwegen und Schweden eine achtbare Seemacht bilden, sie haben mit uns ein gemeinsames Znteresse,
alle Uebergrisse Englands oder Rußlands abzuwehren, und wenn einst ruhige Ueberlegung an die Stelle leidenschaftlicher Erbitterung tritt, so wird man auch am Sund und Belt einsehen, daß Deutschland und Skandinavien einander sehr nützliche Bundesgenossen seyn können. Von uns haben die' nordischen Stammesbrüder keinerlei Beeinträchtigung zu besorgen, Deutschland will und mag nicht erobern, außer durch die friedlichen Waffen seiner Bildung, Gesittung, Kunst und Wissenschaft.
Die Schweden und Norweger sind sich darüber längst klar geworden; nur die Dänen bleiben trotzig und widerborstig. Sie können die Großmannssucht immer noch nicht ablegen, sie können ihre großstaatischen Anwandelungen und Wallungen noch nicht fahren laffen, so sehr sie sich auch dadurch in Schaden und Verlegenheit bringen. Den propagandistischen Eiderdänen wird man in Kopenhagen für ihr wüstes Treiben schwerlich Dank wissen, wenn demnächst das Fazit gezogen wird und die Rechnung bezahlt werden muß. Statt, wie sie sich übermüthig vermessen, Schleswig als „Morgengabe" mit in den skandinavischen Bund zu bringen, haben sie nichts darzubieten als ein entmutigtes, geschwächtes und in seinen Finanzen noch mehr zerrüttetes Dänemark, mit einer Bevölkerung, die etwa jener des Großherzogthums Baden gleichkommt. Denn die Herrschaft über die reichlich 900,000 Seelen in den drei Herzogthümern wird Dänemark doch nun und niimnermehr erwerben; das muß endlich sogar eraltirten Köpfen, wie Hrn. Orla Lehmann, einleuchten. Wie will aber Dänemark, ohnehin mit Schulden überbürdet, das ans dem „Gesammtstaate" kaum acht bis zehn Millionen Thaler Einkünfte bezog und ohne Industrie ist, von nun an, da ihm die fetten und ergiebigen Herzogthümer unwiderbringlich verloren sind, ein Landheer von 36,000 Mann Soldaten und eine Flotte von mehr als hundert Kriegsschiffen unterhalten? Discite justitiam moniti! hat man von Deutschland her den Dänen tausendmal zugerufen; sie haben in Trotz und Selbstverblendung nicht hören wollen, vielmehr den Bogen so straff gespannt, daß er mit lautem Krachen zusammenbrechen mußte.
Nach bet völligen Abtrennung der von den Danen schwer übervortheilten und ausgebeuteten Herzogthümer muß Dänemark zu einem winzigen Staate zusammenschrumpfen und auch in Zukunft in vieler Hinsicht von Deutschland abhängig seyn. Denn das deutsche Element dringt unaufhaltsam sich verbreitend auch über die Königsau nach Jütland, wie über den Belt nach den Inseln. Wird der kleine Staat in seiner eigenthümlichen Lage zwischen Deutschland und Schweden sich isolirt halten, wrib er die Rolle spielen können, auf welche er es abgesehen hatte?
Wir glauben weder das eine noch das andere, sind vielmehr der Ueberzeugung, daß Dänemark sich an den südlichen oder den östlichen Nachbar enger anschlicßen müsse, um überhaupt nur fortbestehen zu können. Es möchte der dänischen Eitelkeit schmerzlich fallen, könnte aber Dänemarks Ehre so wenig wie sein Interesse schäbigen, wenn sich der kleine Inselstaat an das große festländische Deutschland anlchnte und uns auf der See zur Hand ginge. Es würde dabei mehr empfangen als gewähren. Aber für diese Erkenntniß scheint die Zeit noch nicht da. Eine Annäherung an Schweden findet in Kopenhagen mehr Gunst. Leichten Kaufes wird indeß die skandinavische Union nicht zu erringen seyn, da Rußland sowohl wie England alles aufbieten werden, um zu verhindern, daß die beiden Ufer des Sundes in ein und dieselbe Hand fallen. (Wes.-Ztg.)
D e « t f ch l a rr d.
* Wiesbaden, 5. Mai. Die eben ausgegebene Nummer 15. des Verordnungsblattes vom 4. Mai enthält ein Landesherrliches Edikt, wodurch die Zehntablösungskommission aufgelöst wird und ihre Geschäfte der Generalsteuerdirck- tion übertragen werden. Ferner lesen wir über die Aufhebung der hiesigen Militär schule folgende Verordnung: