Nassauische
Allgemeine Zeitung.
^ SS Samstag den 6 Mai L8L8.
Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. — Der vierteljährige PränumerationSpreis ist in Wiesbaden 8 fl., für den Umfang des Herzogthums Nassau, des Großherzogthums und Kurfürstenthums Hessen, der ^andgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 8 fl. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 8 fl. 40 fr. — Inserate werden die drei- svaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Politische Rundschau.
Eine wohlfeile Regierung.
Die bevorstehende Pariser Rational-Dersammlung.
Deutschland, (Adresse ans Offenbach an den Fünfzigerausschuß). — Vom Rhein (DieZentral-Rheinschifffahrtskommisston). —Offenburg (Die nassauischen Truppen). — Leipz-ig (Arbeiterzeitung). —Breslau (Die Emigranten). — Pvsen (Die Demarkationslinie. Vom Kriegs-
■. schauplatze,. Die russische Intervention), — Altona (Die weitere Verfolgung der Dänen. FriedenSverhandlungeu. Graf Moltke). — Prag (Die Abgeordneten des FünfzigerauSschuffes). — W i en (Aufstand in Lemberg). — Triest (Palma nuova).
Donaufürstenthttnrer. Bukarest (Ein russisches Armeekorps gegen die Moldau).
Sprechsaal für Stadt und Land.
* Politische Rundschau.
Während wir in Deutschland alles Empörende des Bürgerkrieges bereits wieder kennen gelernt haben, scheint auch in Frankreich ein überall hervorbrechender, blutiger innerer Zwist den Beweis zu führen, wie wenig die Leute mit der neugewonnenen Freiheit umzugehen wissen. Ueberalt in den Departementen brechen Unruhen aus, die nur mit der Gewalt der Waffen gedämpft werden können, und die französischen Blätter selber beginnen dieselben mit dem badischen Bürgerkriege zu vergleichen, aber sie brechen auch entschieden genug den Stab über diese Unruhen, während der liberale deutsche Michel erst dann den Rebellen und Anarchisten die Wahrheit zu sagen wagte, als ihm das Messer an der Kehle saß. „So lange Wahlrecht und Wählbarkeit" — so sprechen die freisinnigen Franzosen — „Privilegien sind, kann man auch mit Barrikaden die Wahlen umstoßen, ist aber allgemeine Wahlfreiheit, dann ist es ein politischer Wahnsinn, auf die Namen, welche aus den Wahlurnen ausgerufen werden, mit Flintenschüssen zu antworten." Wir sehen,' bei diesen Wahlunruhen kam dieselbe Geschichte, wie wir sie schon vor der Frankfurter Paulskirche gesehen haben: die Minderheit will sich eben der Mehrheit nicht fügen; — da sind also die französischen Republikaner in den Provinzialstädten um kein Haar breit besser als die Deutschen.
Indeß jedoch in den Departementen der Bürgerkrieg droht, haben sich die Pariser Zustände gefestigt, die gemäßigte Partei hat bei den Wahlen gesiegt. Das Vertrauen kehrt zurück und sofern Paris der eigentliche Herr und König von Frankreich ist, haben jene Provinzialumtriebe nur wenig zu sagen, sv lange die Hauptstadt ruhig bleibt.
Jeniehr es aber den Franzosen gelingt, mit ihrer inneren Politik ein wenig in'S Reine zu kommen, um so aufmerksamer blicken sie auf die auswärtigen Zustände. Italien, Polen, Irland, — an die Verhältnisse dieser drei Länder beginnt sich bereits manche ehrgeizige Hoffnung in Paris zu knüpfen; die schlaue Art, wie die Zeitungen diese Themen behandeln, bürgt dafür. Man spricht auch offen aus, daß hier in nächster Zukunft der casus belli sich ergeben werde.
Vielleicht ist diese Erwartung in Bezug auf Irland am meisten trügerisch. So wild und unordentlich es dort aussieht,
scheint doch diese unglückliche Insel gerade wegen ihrer Anarchie die Kraft zu einem entschiedenen Ausraffen gar nicht mehr zu besitzen. Man wird dort so lange mit der Erringung der Freiheit temporisiren, wie man bis jetzt mit der Entfernung des Elendes hat temporisiren müssen, bis zuletzt das ganze Land unter den eigenen Trümmern sich begraben hat. Eine Erhebung Irlands wäre nur dann möglich, wenn sie von den Reformisten Englands emgeleitct und zur Hälfte durchgeführt würde. Bis jetzt haben dieselben freilich noch schlechten Erfolg gehabt, sollte ihnen aber ein besserer bcschieden seyn, dann werden sie wohl bedenken, daß Irland gemeinsame Sache mit ihnen machen wirb, und daß diese im Elende verzweifelnden Inselbewohner furchtbare Revolutionskämfer seyn müssen.
Die polnische Frage in Posen ist durch die „Demokra- tionslinie" ihrer Entscheidung um hundert Schritte näher gerückt, die Czechen in Böhmen haben ihre bestimmten Enderklärungen abgegeben, die schwebenden Fragen in Ungarn, Galizien und den Donaufürstenthümern, auf welche wir in einer der nächsten Nummern ausführlich zurückkommen werde», beginnen eine festere Gestalt anzunehmen. Aber während Preußen sich mehr und mehr kräftigt und zusammenrafft und durch die Siege in Schleswig bereits eine große moralische Macht wiedergewonnen hat, macht Oesterreich, das nach dem Sturze Metternich'S ei» so großes Gewicht in die Wagschale warf, trotz aller Siege in Tyrol und Italien, bedeutende Rückschritte. Separatistische Bestrebungen dem übrigen Deutschland gegenüber treten immer entschiedener hervor und wir glauben, je nachdrücklicher die kon- stituirende Versammlung in Frankfurt ihre Aufgabe, sey es in welcher Richtung es wolle, erfüllen wird, um so störrischer wird Oesterreich sich abzuschließen beginnen. Es sitzt noch viel zu viel vom alten Sauerteig in den höheren Staats- ämtern in Wien. Die oktroyirte Verfaffungsurkundc läßt sich in vielen Stücken mit der französischen Charte von 1830 vergleichen — so Gott will, wird dieser Vergleich für die weiteren Entwickelungen und Konsequenzen ein unrichtiger seyn.
** Cine wohlfeile Regierung.
Von der Dill. Die Begriffe über den Staa werden mit jedem Tage toller und bedürfen nothwendig einer kräftigen Aufklärung, wenn nicht der Staat selbst zu Grunde gehen soll.
Trotz dem, daß die Staatsgewalt auf ein kleinstes Restchen zurückgeführt werden soll und dieses schon zum Theil thatsächlich ist, soll doch der Staat Alles. Er soll für die Armen und Proletarier auf's Glänzendste sorgen, die Arbeit soll er organi- siren, und außer der Uebernahme aller öffentlichen Bauten, wie Wege, Uferbau ic., noch der Industrie im Großen und Kleinen zu Hülfe kommen. Neben den gewöhnlichen Regierungsausgaben soll er für Ausrüstung der Bürgerwehr, die Bedürfnisse der Sicherheits-Komite'ö und für Gott weiß Alles sorgen; dagegen soll aber der Staat weniger Steuern ausschreiben, alle Grundlasten und Frohnen aufhebcn, die lästigen Stempel-, Konfirma- tions- und Gerichtstaren abschaffen, die Zahl seiner Beamten vermindern und denselben wo möglich nichts bezahlen.
Einen größeren Wirrwar und verdrehteren Meiimngs- Tumult hat es vielleicht noch nie gegeben. Es wird kein Mensch mehr seines Lebens und der errungenen Freiheit froh, — dre aus die schamloseste Weise zu allen mögliche» eigensüchtigen