Beilage zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
M 33. Donnerstag den 1. Sütai 18^8,
Uebersicht.
Einzelheiten vom Lchleswig'schen Kriegsschauplätze. Deutschland. Höchst (Ausfall der Wahlen). — Vom Main (Prof. Vogt in Gießen). — Mainz (Die Republikaner verzichten aus die Theilnahme an den Wahlen). — Karlsruhe (Hecker und Struve). — Köln (Willich und Annecke). —Altona (Dänische Kriegsschiffe abgeschnitten).— Rendsburg (Die Deutschen nach Jütland. Die Freischaaren. Dahlmann gewählt. Generallieutenant Halketts nach Alsen.) — Stralsunv (Küstenvertheidigung). — Berlin (Die Drucker und Setzer). — Posen (Die Demarkationslinie). — Wien (Judenverfolgung in Prcßbnrg). —
Triest (Venedig soll blotirr werden).
Frankreich. Aus dem Elsaß. (Die deutschen Arbeiter).
Galizien. Krakau (Verlust der Oestcrrcicher).
Einzelheiten vom Schleswig'schen Kriegsschauplätze.
Ein Augenzeuge der am 23. d. M. stattgehabten Bestattung der Gefallenen kann uns nicht genug das Entsetzliche des Eindrucks schildern, den sie hervorbrachte. Die Todten waren meistens gräßlich verstümmelt von den Kugeln, und einem dänischen Soldaten z. B. war der ganze Kops weggerissen worden, so daß nur der Rumpf des Mannes der Erde wiedergegeben wurde. Vielen Todten war nur ein spärlicher Ueberrest ihrer Kleidung von den scheußlichen Leichenplüuderern bei Schleswig gelassen worden; einem großen, bildschönen dänischen Offi- zier hatte man den Uniformrock gelassen, die Epauletts jedoch abgerissen; den linken Arm hatte ihm eine Kanonenkugel genommen, der Stummel desselben hing noch mit der Kleidung etwas zusammen. Dieser arme junge Mann, vielleicht kaum 25 Jahr- alt, hatte ein zartes, fast mädchenhaftes Gesicht, blondes Haar und einen kleinen Schnurrbart. Unser Gewährsmann sah diese interessante Leiche bei dem Spritzenhause, von wo sie mit andern zum Beerdigungsplatze gebracht wurde. — Den schönen blassen Kopf sanft etwas rückwärts gebogen, noch mit einem Lächeln in den regungslosen Zügen, so lag der Körper eines Jünglings da, dem vielleicht für viele Jahre eine unglückliche Mutter oder eine schöne Tochter Kopenhagens nachweint.
Unfern vom Beseler'schen Hause standen, kurz vor Beendigung des Kampfes, zwei preußische Offiziere; Kanonenkugeln schlugen in der Nähe ein. Ein Bewohner des Hauses beschwor die Offiziere, sich in das Innere zurückzuziehen. Sie weigerten sich und der Eine sagte: „Die Kugeln sind matt!" — Einen Augenblick später flog vom Schlosse herüber eine Kanonenkugel herbei, riß dem, welcher diese Aeußerung gethan, einen Schenkel und seinem hinter ihin stehenden Kameraden gleichfalls ein Bein weg. „Nun sind wir um einen Fuß kürzer!" sagte der eine Offizier, niedcrstürzend. Dieses, in einem solchen Momente gewiß merkwürdige Wort ist vielfach bestätigt worden. Einer von den heldenmüthigen Offizieren soll leider schon gestorben seyn.
Vierzehn jener nichtswürdigen Subjekte, welche die Gefallenen bei Schleswig plünderten und vielleicht die Verruchtheit begingen, manchen nur schwer Verwundeten ebenfalls der Kleidung zu berauben, waren bereits am 25. eingezogen worden. Bei Mehreren fand sich's , daß sie bereits von der Wäsche jener Todten an sich trugen.
In Schleswig forschten besonders die Freischaaren sehr ernstlich und in verdächtigen Häusern selbst bei nächtlicher Weile nach etwa zurückgebliebenen Dänen.
Man möchte im Kriege mitunter an kugelfeste Menschen glauben; die sich tollkühn allen Gefahren aussetzen können, ohne vom tödtlichen Geschoß berührt zu werden. Der Sohn des Po- lizcibeamten W — n, in Holstein als Freiwilliger dienend, ein junger Mann von äußerst kräftigem Wüchse , scheint einer dieser „Gefeiten" zu seyn. Man erzählt von ihm, daß er in den Scharmützeln der Freischärler ost nahe an die Reihen der Dänen geeilt und seinen Schuß abgefeuert habe, ohne von ihnen getrof
fen zu werden, daß er, einmal als Ordonnanz gebraucht, dänischen Vorposten entgegenritt, die Stellung des Feindes mit verwegener Tollkühnheit rekognoszirte und glücklich zu den Seinen zurückkehrte.
In ähnlicher Art scheint auch der Garde-Lieutenant von Goudy, vom Kaiser Franz Regiment, vom Geschick bevorzugt; dieser stürzte sich bei der Schleswigschen Affaire mit gezogenem Degen immer da hinein, wo das Gefecht am heißesten war; mehrere Male hieben seine Leute ihn mit großer Aufopferung heraus. Er selbst wurde nicht im Geringsten verletzt.
Die Schleswiger, wir müssen es nochmals sagen, haben sich kreuzbrav benommen, nicht nur für die deutsche Sache, sondern auch gegen die Dänen. Obwohl die feurigsten Patrioten in den Herzogthümern, übten sie auch noch gegen den fliehenden Feind edle Menschlichkeit, erquickten die dänischen Soldaten mit Speise und Trank, gaben ihnen selbst Nahrungsmittel aus den Weg.
Bewundernswerthes berichtet man aus Schleswig von dem Benehmen eines vierzehnjährigen Gymnasiasten Namens Schleemüller; dieser muthvolle Knabe trug den preußischen Offizieren, inmitten eines dichten Kugelregens, Lebensmittel und Getränk zu; die Soldaten bedeckten ihn mit Liebkosungen, Der tapfere Junge entkam jeder Gefahr.
Ein Hamburger Freischärler hat vom Eckernförder Strande aus einen Meisterschuß mit seiner Spitzbüchse gethan. In einer ganz enormen Entfernung beobachtete ein dänischer Offizier aus einem Fernglase das Ufer, wollte wahrscheinlich eine Kanone dorthin richten lassen. Unser Freischärler legte seine Büchse an; die Kameraden hielten es für unmöglich, daß sie überhaupt nur so weit tragen könne. Da knallte der Schuß — paff! Der Offizier stürzte in dem fernen Fahrzeuge nieder, tödtlich getroffen.
(Hamb. Freisch.)
Deutschland.
S Höchst, 2. Mai. In dem Wahlbezirk Höchß-Königßein wurden zu Abgeordneten in unsere Ständekammer gewählt: Pa- pierfabrikant Wehrfritz zu Kriftel, Prokurator Großmann zu Wiesbaden, Philipp Müller zu Eschborn (Mitglied der früheren Kammer) und Stadtschultheiß Kürtel zu Oberursel. Die Bemühungen, die Wahl des Pfarrers Härter zu Oberursel durchzusetzen, scheiterten.
Von Usingen hören wir, daß dort der ehemalige Stadtschultheiß Preiß und Prokurator von Eck gewählt wurden.
* In Rennerod sind zu Landtagsabgeordneten gewählt worden: Herr Amtssekretär Hehn er aus Rennerod und Herr J. H. Kremer aus Höhn Amts Marienberg.
Vom Main, 2. Mai. (F. I.) Seit einer Reihe von Tagen werden in einem großen Theil von Oberhessen Ta- bakspaketchen, ?/4 Pfund schwer, in großer Menge ausgegeben, deren äußere Seite das ganz gut getroffene Bild des bekannten Physiologen, Professors Vogt in Gießen mit der Unterschrift enthält: „Karl Vogt, Oberst der Bürgergarde in Gießen, Bewerber um die Abgeordnetenstelle für die konstituirende Nationalversammlung in Frankfurt am Main für den Wahlbezirk Gießen- Biedenkopf-Vöhl." Aus einer Nebenseite ist zu lesen: „In dem Paket befindet sich Vogt's politisches Glaubcnsbekenntniß." Oeffnet man das Paketchen, so liegt wirklich in demselben, oben auf dem Tabak, ein gedrucktes Exemplar des an die Oberhessen gerichteten politischen Glaubensbekenntnisses von Vogt. — Dieses Mittel einer Tabaksanstheilung, welches sehr Vielen als ein höchst unwürdiges erscheint, wird vermuthlich von Vogt's Gegnern angewandt, um ihn zu verdächtigen.
Mainz, t.Mai. (F. I.) Soeben (12 Uhr) wird durch Maueranschlag verkündet, daß die sog. republikanische Partei bei der indirekten'Wahl ihr politisches Recht, resp. Wahlrecht, nicht äusüben werde. Dieselbe hat, wie man vernimmt, beschlossen, lieber gar nicht, als indirekt wählen zu wollen.
Karlsruhe, 1. Mai. Die Herren Hecker und Struve sind von ihren Funktionen als Anwälte suspendirt und mit den