viele gute Freunde in unserer nächsten Landsmannschaft, und wenn td> auch schon in jungen Jahren 5 Jahre lang in oranisch- niederländischen Diensten im Kabinet des Königs Wilhelm I. und als freiwilliger Soldat eine fremde Schule durchgemacht habe (1829—1833), so habe ich mich nachher um so entschiedener den Interessen des deutschen Vaterlandes zugewendet.
Die Jahre 1833—1836 studirte ich, obgleich schon verhei- rathet, auf dem Lande zu Hornau, um mich zur Stelle eines öffentlichen Lehrers an deutschen Hochschulen vorzubereiten. Ich trat an der Universität zu Bonn auf und hielt vom Herbste 1837 bis zum Herbste 1840 an dieser Hochschule Vorlesungen über deutsche Reichsgeschichte und über Politik.
Ich gab also schon damals offene Gelegenheit, meine Gesinnungen kennen zu lernen und kann mich auf lebendige Zeugen sowohl, als auf die noch vorhandenen nachgeschriebenen Vorträge berufen, daß ich Recht, Freiheit und Nationaleinheit nicht erst seit gestern im Munde führe.
In jene Jahre fällt der Anfang der kirchlichen Streitigkeiten, und in der preußischen Rheinprovinz erhielt der Kampf für die Freiheit vorherrschend die Gestalt und den Charakter der Vertheidigung der Kirche gegen die Willkür der Beamten. In diesem Kampfe habe ich mich offen gegen die preußische Regierung ausgesprochen und deshalb niemals irgend eine Anstellung noch Gunst von ihr empfangen.
Im Jahr 1840 wurde ich in die nassauische Heimath berufen und am Staatsministerium vorzüglich für die auswärtigen Angelegenheiten angestcllt, später auch zum Gesandten bei dem niederländischen, sdwie beim belgischen Hofe ernannt, und hatte jährlich einmal in Haag und in Brüssel einen kurzen Aufenthalt zu nehmen.
Aus dieser ganzen Zeit von acht Jahren ist mir keine politische Handlung bekannt, wegen deren ich die Verantwortung mach irgend einer Seite hin zu fürchten hätte. Ich weiß auch sehr wohl, daß meine Gegner mich auf einem andern Gebiete, dem kirchlichen, angreifen, weil ich in meinem 33. Lebensjahre noch meiner religiösen Ueberzeugung und der Kirche meiner Mutter gefolgt bin. Darüber bin ich Gott, aber auch nur Gott allein Rechenschaft schuldig. Weit entfernt, mich zu entschuldigen, spreche ich einfach die Ueberzeugung aus, daß zwischen Freiheit und Kirche kein Widerspruch ist und daß ich als treuer Katholik des Lebens höchstes Ziel, wie die höchsten Güter des Vaterlandes gleich pflichttreu zu erringen im Stande bin.
Zu allen Zeiten habe ich es mißbilligt, daß man religiöse Mittel zum Vorwand und Hebel politischer Bewegungen machte, von welcher Seite dies auch geschehen mochte.
Meinen Gegnern von dieser Seite könnte ich mit demselben Rechte sagen, was so eben auf der entgegengesetzten Seite der berühmte Strauß in Würtemberg den seinigen zugerufen:
„Bringt jeden Mangel an Tüchtigkeit und an Kenntnissen gegen mich vor, aber nur eines nicht, die Religion; denn wahrlich um eine Kirchenversammlung handelt es sich in Frankfurt nicht."
Aber ich kann noch mehr sagen: Unsere neuen nassauischen Freiheiten sind jetzt schon zu Freiheiten für alle Deutsche geworden und werden in sich schließen:
„Freiheit des Glaubens und der privaten und öffentlichen Religionsübung; Gleichheit aller Religionsparteien in bürgerlichen und politischen Rechten."
Das ist also Freiheit für Jeden, gründliche, gleiche, ehrliche Freiheit für Alle. — Es ist einer der glücklichsten Erfolge, welche die große nationale Erhebung Deutschlands bis jetzt gehabt hat, daß der kirchliche Streit aus dem Vordergründe verdrängt ist, daß man sich über dem Altar des Vaterlandes offen die Hände bietet.
Ich berufe mich auf meine Mitbürger von Wiesbaden, daß ich dies in den entscheidenden Märztagen treulich gethan. Sie wissen auch, daß ich bei der Regierung zuerst auf die sofortige Bewaffnung der Bürger gedrungen, daß ich nicht allein mit ihnen klar gesprochen und für sie geschrieben, sondern, so viel in meinen Kräften war, auch für sie gehandelt habe.
Ihr wißt, liebe Mitbürger, daß unser Landesherr der erste unter allen deutschen Fürsten war, der das kaum gegebene Versprechen : zur Berufung eines deutschen Parlaments das Seinige zu thun, aus freien Stücken sofort erfüllte. Am 7. März hat er mir diese wichtige Sendung anvertraut, um mit den andern deutschen Regierungen und zugleich überall auch mit den bewährtesten Patrioten jenes große Werk der Einheit Deutschlands herbeizuführen. Ich würde es für eine niederträchtige Feigheit halten, wenn ich nicht hier offen anerkennen wollte, daß der Herzog während dieser schwierigen Sendung mich mit der edelsten Vaterlandsliebe, mit der größten Offenheit wie ein Freund den
Freund unterrichtet, unterstützt und anerkannt hat. Ja, unser Herzog hat für die Rettung der Nation aus den Gefahren der Spaltung, für die Einheit Deutschlands im Innern und nach Außen großmüthigere Opfer gebracht und zugesagt, als ihr selbst von ihm verlangt habt. — Welchen Erfolg jene Sendung nach Hessen, Baden, Württemberg, Bayern, Sachsen und Preußen gehabt hat, davon kann ich hier noch kein Zeugniß ablegen. Aber ich könnte int Herzen wohl wünschen, daß "meine WahL- männer und Mitbürger Zeugen dessen gewesen wärm, was ich vor den Thronen der Regenten zu Karlsruhe, Stuttgart, München und Berlin gesagt und auch geschrieben übergeben habe; ich hoffe> sie würden mit mir zufrieden gewesen seyn.
Am 28. März nach Hause zurückgekehrt, wohnte ich sogleich den Berathungen des Vorparlaments bei und habe seit dem 30ten die Stelle eines Vertrauensmannes für Nassau und Braunschweig unter den Beigeordneten in der Bundesversammlung eingenommen.
Die öffentlichen Protokolle geben Rechenschaft über meine Wirksamkeit im Rathe der Siebzehner, die mich, wie ich glaube, zur Anerkennung für meine Thätigkeit bei jener Reise zu ihrem Vorsitzer erwählt haben.
Die allerschwerste Aufgabe ist unserem Nath der Siebzehner zu Theil geworden: eine neue Verfassung für ganz Deutschland zu entwerfen. Diese Arbeit haben wir vorgestern nach treuer Ueberzeugung vollendet, und ich überschicke den Entwurf meinen Wahlmännern zu allererst und so frühe es mir nur erlaubt ist. —
Die deutsche Nation zunächst und ihre Vertreter in der kon- stituirenden Versainmlung werden darüber richten. Heftige Gegner werden sich von beiden Seiten dawider erheben. Aber wir müssen bedenken, daß die Stimmung, daß die Wünsche in allen Theilen Deutschlands, die sich gegenseitig nachgeben und vereinigen sollen, nicht gleich sind. Deutschland ist groß und hat überall zahlreiche und mächtige Feinde. Also, da die Freiheit-Irrungen und sicher ist, rufen wir: Einheit, Einigung, Einigkeit über Alles!
In der Hoffnung, daß dieses offene Bekenntniß mir Euer Vertrauen, liebe Mitbürger, gewinnen möge, sage ich Euch scho» jetzt meinen herzlichsten Dank für die Ehre, die Ihr mir durch Eure Wahl geschenkt habt.
Obgleich die gewählten Volksvertreter nach eigener Ueberzeugung für ganz Deutschland einstehen sollen, halte ich es doch für meine Pflicht, noch persönlich in die Hauptorte meiner Wahlmänner zu reisen, um ihnen auf jede Frage noch weiter Rede und Antwort zu stehen. Ich gedenke dieß, mit eE^-gvbßeren Anzahl Abdrücke der Reichsverfassung versehen, in den nächsten Tagen auszuführen, und hoffe dann unter ihnen nicht mehr als unbekannt und unwillkommen ausgenommen zu werden.
Frankfurt a. M., den 27. April 1848.
Mar von G«gern.
* Wiesbaden, 30. April. In der neuesten Nummer der Weserzeitung lesen wir zu unserm großen Erstaunen, daß ein Korrespondent aus Baden die dort stehenden nassauischen, Trupp en für „ unz uverlässig " erklärt. Obgleich nun die Thatsachen hier bereits die beste Widerlegung gegeben haben, so glauben wir doch, daß es eine Ehrensachewer nassauischen Presse sey, gegen eine solche Verleumdung förmlich zu protestiren, und zwar nach dieser Seite hin ebensogut, wie gegen die Anschuldigungen einiger Mannheimer Skandalblätter, welche unsern Soldaten im Gegentheil „Brutalität" vorgeworfen haben. Wenn die Mannheimer Anarchisten unsere Soldaten durch Schmeichelei oder Grobheit eidbrüchig zu machen suchten, dann haben die Soldaten ganz Recht daran gethan, jene Herren nicht gerade mit Glacehandschuhen anzugreifen.
G Diez, 28. April. Auch in unserer Stadt hat heute eine Volksversammlung von cirka 140 Personen stattgefunden, welche zusammenberufen worden war, um ein Ansuchen an den Fünfziger-Ausschuß zu stellen, daß er die Nassauer aus Baden zurückberufen möge.
Sie ging natürlich von der anarchistischen Partei aus, an deren Spitze Acc. Oppermann von hier, ein großer Verehrer von Struve und Hecker, und fast alleiniger öffentlicher Redner, steht.
Nachdem er geschildert, wie schlecht die Nassauer in Baden | ausgenommen worden und hinzugefügt, die große Mehrzahl der Badener wolle die Republik und unsere Soldaten dienten dort i nur der Reaktion, wären indessen über ihr Vorhaben nicht auf- I geklärt, wurde eine Kommission zur Fertigung der erwähnten | Adresse ernannt.
Sie besteht aus Oppermann, dem Bergmeister Horstmann und einem Dritten, dessen Name mir augenblicklich entfallen ist.