Nassauische
Allgemeine Zeitung.
^. 28. Samstag den 29. April L8L8.
Die Nass. Allg, Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. — Der vierteljährige PränumerationSpreis ist in Wiesbaden 2 fl., für den Umfang des Herzogthums Staffau, des Großherzogthums und Kurfürstenthiims Hessen, der Landgrafschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S fl. 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltuiigsgebietes Ä fl. 40 fr. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Die fremden Nationalitäten in den deutschen Ostländern. Sollen Staatsdiener in die Kammer oder nicht?
Deutschland. Vom Rhein (Provisorische Regierungen). — Frankfurt (Der Fünfzigerausschuß über die Polenfrage). — Karlsruhe (Unruhen). — Freiburg (Die Gebliebenen). — Von der Schweizergränze (Die Freischaaren aus bent Elsaß wahrscheinlich im Kampf mit den badischen Truppen). — Erlangen (Juden - Emanzipation). — Nürnberg (Die Ultramontanen. Ludw. Feuerbach). — Bonn (Reform der Universitäten). — Ko l n (Unruhen). — Berlin (Die Urwahlen) — Posen (Besorgniß vor Mordszenen. Russische Emissäre). — Oldenburg (Verein für „religiöse Freiheit"). — Hamburg (Der Kampf in Schleswig. Gottorf erobert). — Rendsburg (Verfolgung der geschlagenen Dänen).
Frankreich. Paris („Die Verschwörung". Der steigende Kredit).
Sprechsaal für Stadt und Land.
Nachschrift.
* Die fremden Nationalitäten in den deutschen Ostländern.
Nirgends sind die Verhältnisse verwickelter, unklarer, nirgends ist der Ausgang verhüllter, als im deutschen Osten und namentlich im Südosten. Dort sitzt eine Gruppe von Völkerschaften, die Polen, Czechen, Magyaren, die nicht sowohl an das deutsche Gebiet gränzen, als vielmehr eingesprengt sind in dasselbe, während anderntheils wieder deutsche Stammesgenossen tief im Osten mitten unter diesen fremdartigen Nachbarn sitzen. So haben die deutschen Sachsen in Siebenbürgen bis auf diesen Tag ihre volle Nationalität bewahrt, ihre alten Rechte und Freiheiten, ihre urgermanische Verfassung sich gerettet, während zum Gegenstück wendische Stämme mitten im deutschen Lande, in der Lausitz, sich erhalten haben, ganz der alten Sprache, den alten Sitten getreu. Posen, Böhmen, Mähren, Tyrol, Ungarn sind sämmtlich in mehr oder minder buntscheckiger Mischung des Volksthums bevölkert, und wenn diese Nationalitäten schon niemals recht Freund werden konnten, dann scheiden sie sich jetzt vollends wie Wasser und Oel ab.
Die Wiederherstellung und Wahrung des ureigenen Volksthums aber ist die große bewegende Kraft in dem gegenwärtigen Aufeinanderstoßen der Völker, sie hat im Süden, Norden und Osten bereits den Krieg entfacht, der gerade um dieses tiefgreifenden Anlasses willen gar leicht ein europäischer werden könnte. Das aber ist in Böhmen, Mähren, Posen und Ungarn das dreifach Unheilvolle, daß im wechselvollen Spiel von Jahrhunderten die scharfen äußeren Grenzmarken der Nationalitäten längst verwischt sind — und dadurch muß der Nationalitätenkampf zugleich zum Bürgerkriege werden. Wer zieht die Linie, welche in Posen das polnische und deutsche, in Böhmen das czechische und deutsche Element abschneidet? — Sie kann Erst auf blutigen Schlachtfeldern gezogen werden.
Mehr noch: in den Czechen, den Slaven, Magyaren ist der unverhaltbare Drang erwacht, sich als Völker abzuschließen, erue eigene, selbständige Mission in dem europäischen Völkerbünde A erfüllen. Aber reicht die Kraft auch an diesen ungestümen Willen? Ist es nicht etwas Unfertiges, Halbreifes, was
diese Nationalitäten allesammt charakterisirt? Werden diese Völker, die halb Kinder und halb Greise sind, sofort jene frische Spannkraft gewinnen, um den Gegendruck Rußlands, ja Asiens auf der einen, Deutschlands auf der anderen Seite aushalten zu können? Ist es wirklich an dem, daß die Polen, die Ungarn ein edles Volk sind, oder muß man nicht vielmehr richtiger sagen, sie sind ein schwaches Volk, durch den Druck der Zeiten eines wahrhaft großen Volksgeistes baar und ledig geworden, und nur die Einzelnen blenden uns, reißen uns hin durch stolze Tugenden neben — erniedrigenden Schwächen, — nicht das Volk ist's, welchem solches eignet? Weiter: Bietet dieser Länderkompler der Ungarn, Polen, Czechen, je unter einander und von Deutschland losgerissen, auch nur durch geographisches Lage, die Gewähr, eine wahrhaft starke Mauer gegen den Orient seyn zu können? Oder werden diese halbreifen, halb ausgelebten Völkerschaften nicht gerade dadurch, daß sie sich von ihrem natürlichen Stützpunkte, von Deutschland, losreißen, die Möglichkeit der Erfüllung ihres weltgeschichtlichen Berufes ganz und gar verlieren?
Das sind schwierige Fragen, und doch steckt in jeder derselben ein dunkles Verhängniß für Deutschland, für das ganze zivilisirte Europa. Es ist einer der schwersten Flüche, welche auf dem hart beladenen Metternich lasten, daß er mit seinem diplomatischen Maulwurfsscharfblick den verhaltenen Zorn dieser unterdrückten Völker für minder bedrohlich hielt, als ihre gute Freundschaft, wären sie freier gewesen.
Und wie zeigt sich jetzt das neue Oesterreich, hier, wo es Entschiedenheit gilt, wo schon der Eigennutz Gerechtigkeit lehren. sollte? Das neue Oesterreich zaudert, fragt, untersucht — und unterdessen bricht die Hälftedes stolzen Kaiserreichs in Trümmer. Stände den fremden Völkebstämmen in unsern Ostländern das deutsche Wesen kräftig, schlagfertig vertreten gegenüber, dann würde diese Bewegung vielleicht zum Segen für beide Theile zu Ende gehen. Jetzt aber bei der tiefen Ohnmacht Oesterreichs werden wahrscheinlich die Deutschen die Zeche bezahlen müssen und die Magyaren und Czechen — werden auch nichts dabei gewinnen.
§§§ Sollen Staatsdiener in die Kammer oder nicht?
Es verlautet, unsere Wahlmänner wollten keine Staalsdke- ner in die Ständekammcr wähle«. Wir fragen: warum nicht? Eine vernünftige, gerechte und politisch-kluge Antwort können wir darauf nicht finden.
Sind fie etwa darin nicht nöthig? Die Ständekammer mußj wenn sie ist, was sie seyn soll, alle Elemente und Interessen des zu einem Staatsleben vereinigten Volkskörpers vertreten. Zu dem Volkskörper gehören aber nicht blos Bauern, Handwerker, Künstler, Kaufleute, Advokaten und Rentner, sondern auch Forstleute, Aerzte, Lehrer, Geistlichen, Juristen, kurz alle Staatsbeamten bis zu dem Landesherrn herauf; sie alle zusammen sind Männer desselben Volkes, deren Gestimmt- und Son- bevinteveffen in der Ständekammer zur Sprache kommen. Nothwendig ist es nun zweifelsohne, daß dieselben von Sachverständigen besprochen werden, welche nicht bloß von Hörensagen Etwas davon wissen oder eine bloß äußerliche und oberflächliche