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waren, wie ich einmal las, an jedem HofePrügelbuben" an­gestellt; wenn der Prinz einen bösen Streich verübt oder nichts gelernt hatte, dann bekam der Prügelbube statt seiner die Schläge; denn Strafe muß seyn, aber ein gesalbtes Haupt darf man doch nicht prügeln. Aha, dachte ich, das war ge­wiß erimirter Gerichtsstand! Du glaubst, ehrlicher Damian, Du müssest jetzt für Nichts und wieder Nichts bei Wasser und Brod im feuchten Loche sitzen? O nein! die Beamten sündi­gen doch auch und werden doch niemals bestraft. Aber Strafe muß seyn. Seht, wenn der Amtmann gesündigt hat, dann faßt er den Proletarier beim Ohr und läßt ihn statt seiner ein­sperren, als seinen Prügelbuben das Recht muß doch ge­sühnt, es muß doch überhaupt irgendwie gestraft werden. Die Beamten aber sind heutzutage lauter gesalbte Häupter und die armen Teufel lauter Prügelbuben: das ist das Geheimniß des crimirten Gerichtsstandes. Also fürchtet Euch nicht, Herr Kanzleigehülfe" bei diesen Worten war Damian, der mit seiner Geschichte nur Stauffs Aufmerksamkeit hatte ablenken wollen, demselben ganz nahe gerücktfürchtet Euch nicht, ich werde Euer Prügelbube seyn" hier faßte er ihn kräftig beim Armund gebt mir ohne Zagen die elenden Akten her!" Indeß er das Letzte sprach, riß er Robert das ganze Faszikel aus der Hand, versetzte ihm einen mächtigen Stoß auf die Brust, daß er rücklings taumelte, und sprang davon.

Aber Stauff holte ihn an der Thüre des Saales ein, und unter wildem Fluchen und Schelten begann hier ein verzwei­feltes Balgen um den Besitz des Aktenbündels.

Damian, der wohl wußte, daß Alles aus dem Spiele stand, hielt immer noch fest an dem Glauben, Stauff werde eS nicht wagen, ihn zu verrathen, auch wenn er ihm die Ak­ten mit Gewalt entreißen würde. Allein er schlug in der That die Furcht seines Gegners vor persönlicher Kompromit- tirung hier zu hoch an, weil er das Eine vergaß, daß Stauss trotz der zweideutigen Rolle, die er eben in Muckersdorf spielte, doch ein grundehrlicher Mann von strengem Charakter war, der um aller Welt Güter dem Amtmanne nichts veruntreut hatte.

Stauss vermag dem starken und gewandten Burschen im Ringen nicht lange die Widerpart zu halten. Damian weiß ihm ein Bein unterzuschlagen, und der Besiegte stürzt dröh­nend zu Boden. Der glückliche Gegner rafft mit raschem Griffe die entrissenen Papiere wieder zusammen

Da tritt eine wahre Schreckensgestalt von der anderen Seite her in den Saal. Nur einen Blick auf sie und Damian läßt entsetzt die Papiere fallen und eilt zur Thüre hinaus als hatte er den Teufel selber gesehen.

Stauff erhebt sich wieder von seinem Sturze der Amt­mann steht vor ihm, die große baumwollene Züpfelkappe auf dem Kopfe, den Hals mit Flanellen umwickelt, den weitfalti­gen Schlafrock gleich einem Mantel über den Schultern hän­gend; denn er hatte keine Zeit gehabt, in die Aermel zu

schlüpfen, die Füße ohne Strümpfe in den Pantoffeln. Der höllische Lärm im Aktensaale hatte den Armen aus dem Bette geschreckt, wenn er jetzt einen Krankheitsrückfall bekommt, der nur drei Wochen dauert, dann kann er Gott danken, daß er so gelind davon gekommen ist.

Der Kanzleigchülfe lies't rasch die zerstreuten Aktenstücke auf. Der Anblick eines Tisches, der in der Hitze des Zwei­kampfes umgestürzt worden war, gibt ihm sogleich den guten Gedanken ein, die Geschichte eines Sturzes zu improvisiren. Er hatte sich auf den Tisch gestellt, um in den höchsten Ge- fächern der Repositorien einige Papiere auszusuchen, da schlägt der Tisch unter seinen Füßen um--

Der Amtmann hatte glücklicherweise den schnell entschlüpf­ten Damian gar nicht mehr erblickt, und Stauff kam dies­mal mit einem herzlichen Bedauern davon.

Damian hatte unterdessen zähneknirrschend das AmthauS verlassenO, ich war wieder einmal ein Esel!" rief er aus und gab sich selber eine Ohrfeige.Ich dachte Alles so klug eingerichtet zu haben, daß der Rentmeister bereits an die Vernichtung seines verdammten Absetzungsdekretes wie an'S Evangelium glaubt--es geht Nichts über eine gute Ueberlegung, sagte die Frau: da setzte sie den Lappen neben das Loch!"

Neuntes Kapitel.

Es war nicht möglich, daß Martin und Elisabeth ein Wort miteinander reden konnten, und das Schreiben ist ein so armer Ersatz für die lebendige Rede! namentlich dem Schloffergesellen, der wohl schon viel gethan und geschaut, viel gelebt, allein desto weniger gelesen und geschrieben hat. Aber kann man nicht auch wirklich mit dem Mund zum Auge reden? Der Mund sprich^ in doppelter Weise. Innen bildet er die Tonformen des Wortes aus, aber zugleich spiegelt sich in dem fein abgestuften Gestalten­wechsel der bewegten Lippen auch außen sichtbarlich die Tonform ab. Wer halb taub ist, der sieht's den Leuten am Mund an, was sie sprechen. Und meint Ihr, die Leidenschaft, welche un­sere Sinne nicht nur wunderbarlich verwirren und trüben, son­dern auch ebenso wunderbar schärfen kann, vermögte einem liebenden Auge nicht die Kraft zu geben, daß es, auch ohne einen Laut zu hören, dem Geliebten dennoch jedes Wort am Munde absieht?

In dieser geisterhaften Weise sprachen Martin und Elisa­beth fast täglich mit einander. Lustwandelte das Mädchen im Garten des Amthauses, dann stand der Schlossergeselle gewiß jenseit der Hecken, weitab, so weit als nur das scharfe Auge eines liebenden Mädchens blicken konnte; stand Betty am Fenster und schaute in die anmuthige Herbstlandschaft hinaus, dann hatte sich Martin gewiß in unverdächtiger Entfernung an einem alten Baumstamme aufgepflanzt, und die Unterredung begann sofort. Die Sprechenden sprachen jedes Wort lautlos blos mit den Lippen und bewegten dieselben so langsam und deutlich als