Nassauische
Allgemeine Zeitung.
M 27. Freitag den 28. April 1848.
Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. — Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden Ä fL, für W Umfang des Herzogthums Nassau, des Großherzogthunis und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrasschaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt 2 fl. 30 kr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und Tarisschen Verwaltungsgebietes 2 fl. 40 fr.— Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schelleuberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Paris und Frankreich.
Das deutsche Postwesen.
Deutschland. Wiesbaden (Versammlung der Gewerbsfreunde. Schwurgericht). — Aus dem Amte Langenschwalbach (Die Sicherheits- komiteS). — Wetzlar (Die Untersuchung gegen die Bauern). — Frankfurt (Der Fünfjigerausschuß über die böhmischen und badischen Fragen).
— Heidelberg (Unruhen). — Karlsruhe (Die Republik Konstanz). Frankreich. Paris (Die Parteien. Diäten für die Nationalversammlung).
Sprechsaal für Stadt und Land.
* Paris und Frankreich.
Paris ist schon oft von frommen Leuten das „neue Babel" genannt worden; diesen Namen verdiente es jetzt wenigstens wegen der dort herrschenden babylonischen Verwirrung. Und doch bedurfte es nur eines glänzenden „Verbrüderungsfestes", eMeS^SprktakelS, daß die Franzosen auch ihren politischen und sozialen Wirrwar, jetzt, wo so viel suspendirt wird, sofort auf drei Tage suspendirt haben, und im Augenblicke, am Vorabend neuer Nevolutionskämpfe, von nichts Anderem zu reden wissen, als von der Pracht des Festes und von der Komödie der Eintracht!
Vor einer monarchistischen Reaktion herrscht zwar einige Furcht in Paris, ack der Ledru-Rollin selbst Schuld ist durch die unvernünftige Art, wie er die Provinzen behandelt hat, allein die Furcht vor einer Schreckensherrschaft der sozialen Jakobiner ist eine viel tiefer begründete. Die Szenen aus den neunziger Jahren beginnen sich bereits zu wiederholen. Jene Spionirerei nach Meinungsverschiedenheiten, jene Verdächtigung der Parteien und zahllose Absetzungen und neue Ernennungen, die damit Hand in Hand gehen, das Alles zeigt, daß man auf dem Wege ist, sich gegenseitig aufzureiben, und daß Lord Brougham nicht Unrecht hatte, wenn er meinte, jetzt schon könne ein entschlossener General in Paris an der Spitze von 10,000 Mann leicht auf's Neue Kaiser werden. Die Wahlkämpfe liefern das anschauliche Abbild dieses gewaltigen Zwiespaltes; durch sie zeigt sich's erst, wie tief die Kluft zwischen Lamartine und Ledru- Rollin geworden ist.
Die jüngst beabsichtigte Demonstration der Kommunisten hat dem gemäßigteren Theil der provisorischen Regierung die Augen geöffnet und die gute Haltung der Bürgerwehr bei jener Gelegenheit hat sie nicht wieder in Sicherheit gewiegt. Es datirt sich ein merkwürdiger Umschwung von jenem Tage. Die Regierung fängt auf einmal au, praktisch zu werden. Statt der bisherigen theoretischen Experimente sehen wir plötzlich ein sehr praktisches Beginnen zu Tage treten. Man hat das Steuerwesen tüchtig angegriffen und die Regierung ist nach dem heilsamen Schrecken ungeheuer fleißig geworden. Eine ganze Schaar der phantastischsten sozialen Theoretiker hat beschlossen, nach Amerika zu gehen. Dies wäre ein Gewinn für Deutschland, denn die sozialen Hirngespinste in Paris müssen uns über kurz oder lang einen Krieg bringen.
Die Republik hat außerordentlich viel dadurch gewonnen, baß L. Blanc und Ledrü-Rollin Männer der bloßen Partei
geworden sind; die Republik ist dadurch auf die Dauer erst eine Möglichkeit geworden. Denn die sozialen Erperimente drohten die Republik zu erwürgen, so lange sie mit ihr gleichsam untrennbar eins waren.
Jene Sendlinge, welche Ledrü-Rollin in die Provinzen geschickt hat, um Arbeiter und Bürger gegen einander zu hetzen, und die in sehr unerwarteter Weise durch die Bauern an der Vollführung ihres Auftrages gehindert wurden, lieferten den Beweis, daß auch die Grundpfeiler des Zentralisationswesens in den Februartagen erschüttert worden sind. Ja die ganze Verwirrung im Lande zeigt, daß sich von Paris aus die Provinzen nicht mehr so bequem kommandiren lassen, wie ehedem. Und in der That wäre dann die Revolution erst eine gründliche gewesen, wenn die schmachvolle politische Abhängigkeit des ganzen Landes von der Hauptstadt durch sie gebrochen worden wäre. Es könnte leicht, wenn alle Nachrichten aus dem Innern Frankreichs nicht trügen, eine zweite Revolution bevorstehen, in welcher das Volk der Provinzen gegen den König, die Hauptstadt, sich erhebt, um das Joch desselben abzuschütteln. Denn bis jetzt kann man eigentlich nicht von einer „Republik Frankreich" reden, sondern nur von einer Republik Paris, die dem übrigen Lande gegenüber die Rolle eines sehr willkürlich herrschenden Monarchen spielt.
O Das deutsche Postwesen
(Erster Artikel.)
Daß unter den mancherlei wichtigen, ihrer befriedigenden Lösung harrenden Angelegenheiten unsers Vaterlandes das Postwesen eine Hauptstelle einnimmt, ist bereits allgemein erkannt; und von welchem Umfange sich die Nothwendigkeit einer durchgreifenden Reform desselben darstellt, ergeben selbst die Verhandlungen der Dresdener Postkonferenz, welche wahrscheinlich demnächst wieder zusammen treten wird, um das angefangene Werk eines „gegenseitigen Postverkehrs nach gleichmäßigen Grundsätzen und Normen" zu vollenden.
Es sind aber die zur Oeffentlichkeit gekommenen Verhandlungen dieser Konferenz weit entfernt, den gerechten Forderungen und Wünschen des Publikums zu entsprechen. Insbesondere ist es die vereinsländische Brief-Portotare, die nicht befriedigen kann. Jetzt, wo ihre Einführung noch vorbehalten ist, dürste eine Einsprache nicht wirkungslos verloren gehen, zumal wenn dieselbe mit Gründen belegt wird, mit Gründen, welche überzeugen.
Einsender dieses, keiner Postbehörde verpflichtet, hat es daher im Interesse des korrespondirenden Publikums übernommen, in diesen Blättern in einer Reihe von Aufsätzen die Beschlüsse der Dresdener Postkonferenz, soweit solche sich auf eine gleichmäßig zu erhebende billigere Briefportotare für den Verkehr zwischen den deutschen Bundesstaaten beziehen, zu beleuchten.— Wir beginnen übrigens mit einer kurzen Einleitung, und zwar mit der Entstehung des Postkongresses.
Die Ueberzeugung, daß da, wo freie Konkurrenz gewährt wird, auch die Industrie sich ausdehnc, sich neue Bahn breche und ein Wettkampf entstehe, der nur wohlthätig auf die Belebung des Verkehrs wirken kann, hat den deutschen Zollverein bervvr- gerufen. Durch ihn ist ein bedeutender Schritt zu dem ersehnten Ziele der gemeinsamen Handelsförderung und der Erreichung