Der Naturdichter» (Fortsetzung.)
Ein neues Blatt ward umgeschlagen, ein neues Lied gelesen und die junge Frau entwarf Pläne für den Dichter. Sie interessirte sich für ihn. — Was die glühenden Blicke des Burschen angedeutet, das schienen die Lieder aussprechen zu wollen. Sie fühlte sich geschmeichelt — und die stumme und doch so beredte Huldigung dieses Kindes der Natur that ihrem Herzen wohl. Es war eine grüne Oase in dem Sandmeer der Alltäglichkeit. Sie war die Muse eines Naturdichters geworden. Wieder und wieder las sie die Klänge; die Reim- zel, wie die Käthe sie nannte.
Die aber stand drunten im Garten hinter d(r Laube. Ihr Auge blinzelte nach dem Herrn, der nach dem Garten gekommen, seine Gattin aufzusuchen — und bei deren Abwesenheit cs nicht verschmähte mit der Magd auf zweideutige Weise zu scherzen. Er kniff die Dirne in das Kinn, klopfte die Backen derselben und schäkerte und scherzte auf eine Art, die deutlich merken ließ, daß nicht zum ersten Mal dies Spiel getrieben wurde. Eben war der Herr im Begriff der Dirne einen Kuß zu rauben, als nicht fern sich Tritte hören ließen — und der Herr Stadtrichter schnell das Weite suchte. Noch war die Gartenthür nicht zugefallen, als auch schon der Franz mit zornigem Gesicht und einem trocknen Baumast in der Hand vor der Käthe stand.
„Pfui, pfui," rief er und stampfte mit dem Fuß. „Bist ein schlechtes Weibsbild — mag Dich nicht sehen."
„Was will der Narr?" fuhr Käthe auf.
„Ich will nichts," rief Franz; „Du aber sollst auch nichts wollen — und am wenigsten mit dem Herrn schon thun."
„Was kümmert's Dich, wenn dem Herrn die Magd besser gefällt als die Herrin?"
„O, Du ehrvergcßne Dirne," schrie Franz und hob den Ast. „Die Herrin ist eine Heilige--"
„Die Du wohl anbetest!" spottete die Dirne und lachte gellend auf.
Doch Franz zitterte vor Wuth, er hob höher den Ast und schien nicht abgeneigt denselben auf das Haupt des Mädchens fallen zu lassen. Die Käthe schrie. In diesem Augenblick sprang ein Mann über die Zaunhecke — und ließ einen.Stock mit gewichtigem Hieb auf das Haupt des nichts ahnenden Franz fallen, so daß der sofort zur Erde taumelte. Es war der Mühlhauser, der der Käthe, seinem Schatz, war zu Hülfe gekommen. Der rohe Mensch war gesonnen, noch einige Mal feinen Knotenstock auf das Haupt des Gefallenen zu senken. Käthe hielt ihn zurück. „Laß mich," rief er und drängte die Arme der Liebsten zurück; „er hat Dich angefaßt, das darf er nicht — ich hörte Dein Schreien — ich schlag' ihn todt."
Käthe weinte; doch würden die Thränen vielleicht den Wüthenden nicht besänftigt haben, wenn nicht die Gartenthür sich geöffnet hätte — und Helene eingetreten wäre.
Käthe lief sogleich der Herrin schreiend entgegen: „Der Franz wollte mich schlagen — da hat der Mühlhauser, der eben am Garten vorüberging, mich gerettet. Es war Nothwehr. Dort liegt noch der Ast."
Helene beachtete die Worte nicht, sie schaute nur nach dem Liegenden. Aus einer tiefen Kopfwunde strömte das Blut. Sie hieß Wasser holen, hieß die Wunde waschen, nothdürftig verbinden, schickte zum Arzt — und als der kam und der Getroffene aus seiner Ohnmacht erwacht, ließ sie ihn hinüberbringen zu der Mutter und ging selbst voraus, um die arme, alte Frau auf das Unglück vorzubereiten.
Nun hatten die Kleinstädter wieder einen Stoff zur Unterhaltung und die Klatschzungen ermangelten nicht ihn nach Kräften auszubeuten.
Eine Untersuchung wider den Thäter ward nicht eingeleitet — er hatte seine That für Nothwehr erklärt — und die Käthe hatte es bezeugt. Nun war es gut. Der Franz konnte und mochte nicht klagen. Die Frau Stadtrichterin that an dem Kranken, was sie vermochte; sie schickte den Arzt und kühlende Getränke; ja sie ging wohl selbst zuweilen hinüber in daS kleine dumpfe Zimmer, wo der Kranke lag — und plauderte mit ihm. Wie lobte man die junge Frau — bis man auch an diesem Thun und Handeln Flecken und Schattenseiten fand. Die Käthe ließ hin und wieder ein zweideutiges Wort fallen — und bald verkündete eine Gevatterin der andern unter dem Siegel der Verschwiegenheit: „Der Franz, der Narr — ist in die Frau verhert — und die, nur die, sonst immer spröde und kalt, läßt sich die Huldigungen des ungehobelten Menschen gefallen."
Helene blieb dieselbe, immer ruhig, gemessen freundlich gegen jeden. Sie ahnte, sie merkte nichts von dem, was die Leute sich erzählte«.
Franz siechte dahin. Die Kopfwunde war geheilt — aber ein Brustleiden hatte sich eingefunden.
Eines Tages gedachte Helene wieder hinüber zu gehen nach dem Kranken, der sich ja stets so freute, wenn sie erschien, als die Thür ihres Gemachs geöffnet wurde und ihr Gemahl unerwartet eintrat. Den Hut der Gattin bemerkend fragte er: „Du willst ausgehen? "
„Ja," sagte Helene ruhig, freundlich — „ich will sehen wie's dem Kranken geht."
(Schluß folgt.)
â Ueber Arbeitsnachweifungsanftalten
(Schluß.)
Das Zweite, was uns Bedenken erregt, ist die Person des jetzigen Geschäftsführers der Anstalt. Obwohl derselbe nur vorübergebend mit dieser Funktion beauftragt ist, so glauben wir doch darauf aufmerksam machen zu sollen, daß zur Leitung einer derartigen Anstalt vorzugsweise eine Kommission von