lauten Worte gesprochen und bis an's, Ende daS Köpfchen niedergesenkt hatte. Und als sie nun mit einem Male wieder- frei ausschaute, ja, und so heiter, als ob ihr jetzt eine schwere Last von der Brust genommen sey, da rückte er eine Weile verlegen hin und her an der weißen baumwollenen Zipfelkappe. Aber schnell steckte er wieder in seiner vollen hauSväterlichen Würde und wußte, was er zu sagen hatte.
Er deutete aus ein großes altes Brustbild, welches gegenüber an der Wand hing, einen Mann mit Puderkops und Haarbeutel, breitschößigem Rock und langen gestickten Manschetten darstellend. „Schau' Dir dieses Bild an. Das ist mein Urgroßvater. Was er gethan hat, weiß ich nicht, ich weiß nur, was er gewesen ist, er war — fürstlicher Kanzleidirektor. Und unter dem großen Bilde siehst Du ein kleineres Hängen, einen etwaS grämlichen Mann mit hochfrisirtemTitus- kopf — das ist mein Großvater, er war sürstlicher Oberschul- rath. Er war der Letzte in unserer Familie, welcher noch einen Zopf trug, die gravitätische Sitte ist leider abgekommen, aber weil wir den Zopf unserer Vorfahren nicht mehr am Kopfe tragen dürfen, wollen wir ihn wenigstens als ein Heiligthum im Kopfe bewahren. Mein Vater war, wie Du weißt, gleich mir, Amtmann in Muckersdorf, Deines Vaters ältester Bruder ist Medizinalrath, der jüngere Ober-Rechnungsrath, Dein Vater- leider nur ein einfacher Kammerrath gewesen. Sieh, ich hasse den eigentlichen Adel, den guten, alten Adel, den grundbesitzen- den Adel, weil er der natürliche Feind des Beamtenregimentes ist, aber es gibt einen besseren Adel, zu dem gehören auch wir, — der Beamtenadel. Ich habe ein ausschließliches Kasino für Beamte in Muckersdorf gegründet, ich habe in allen Verhältnissen ein dichtes Pfahlwerk gezogen um unsere ganze Genossenschaft, auf daß wir jedwede enge Berührung mit gewöhnlichen Bürgersleuten vermeiden möchten. Und wenn ich uns mühsam einen ^r^vtti tvotier ßpfnVhPrt 1\hHp Auf Zipfer rmthpn 93flfUY imh trnt des Abends in dies traute Stübchen und blickte dort zu den Ahnenbildern auf, dann lächelten mir die grämlichen Gesichter gar freundlich zu. Jetzt aber müßte ich sie schwarz verhängen lassen, denn ich konnte die stechenden Blicke des Kanzleidirektors und des Oberschulrathes nimmer ertragen, dächte ich, daß meiner Schwester einziges Kind sich verheirathen würde mit einem--"
„Halten Sie ein, Onkel!" rief das Mädchen glühenden Angesichts und wild funkelnden Auges —
mit einem Schlossermeister, der nicht einmal wenigstens Hofschlosser ist," vollendete der Amtmann und sank erschöpft in die Kissen zurück.
Achtes Kapitel.
Robert Stauss saß in stiller Morgenfrühe in dem Akterr- saale und kramte geschäftig müßig, zwecklos in den alten Urkunden. „Das Spiel ist weit genug getrieben," spricht er zu sich selber, „bald wird mir die eigene Rolle widerwärtig,"
und er wirft sich lässig, als ob er in der frühen Stunde schon ermüdet sey, in einen Sessel. Wer Robert Stauss kennt, den rüstigen Volksvertreter, den unternehmenden Fabrikbesitzer, der seinen Stolz darein setzt mit dem großen Pfunde seines Ver- , mögens zu Ehren und Frommen des deutschen Gewerbfleißes zu wuchern, und ein großartiges Ma'schinenwerk um das andere anzulegen, tausend Arbeitern Brod zu geben und mit keckem Selbstvertrauen den Fehdehandschuh aufzuheben, welchen ihm die übermächtige Industrie des britischen Jnselreiches hinwirft, — der wird den Mann nicht wieder herausfinden aus dieser gedrückten äußeren Erscheinung des Muckersdorfer ^crft^eige# hülfen. Das wirkt die unheimliche Macht unserer Umgebung, unserer Stellung. Wenn sich der genialste Jüngling zum Spaß vier Wochen lang eine Bedientenlivre anzieht, die Kleider ausklopft und bei Tische servirt und recht als ein guter Schauspieler stets im Geiste seines bordirten Frackes zu spielen sucht, dann wird ihm nach vier Wochen das Zeichen der Genialität aus Rede und Mienen entschwinden, wenn es ihm auch in hundert Jahren nicht aus Kopf und Herz zu tilgen wäre.
Robert Stauss führte das Wort gewaltiglich im Stände-, Hause. Er war kein Oppositionsteusel, wie der Amtmann gesagt hatte; wo ein Minister als Volksmann handelte, da sprach er ihm kräftig zu, aber wo ein bürokratisches Gelüsten hervorschlüpfte und an die heiligen Rechte des Volkes zu tasten wagte, da fuhr er hinwiederum drein als ein-wilder Haudegen, der keine Gnade gibt.
So hatte er's auf dem letzten Landtage gemacht, da er von den Mißbräuchen im Amte Muckerödorf redete, daß der alte Stöpseliuö vom Anhören dreier Worte das Fieber beka.pt.. Freilich kannte er die Verwaltung dieses Amts, die im ganzen Lande sprüchwörtlich berufen war, nur vom Hörensagen, darum tauchte der abenteuerliche Entschluß in ihm auf, einmal ungekannt recht in die tiefsten Geheimnisse des Muckersdorfer Amthauses einzudringen. Robert Stauss war einer von jenen Männern, die sich vor lebhaften Wünschen zu hüten haben; denn gewohnt Alles durchzusetzen, alles Begonnene mit eiserner Folgerichtigkeit an's Ende zu führen, konnte er sich's niemals versagen, zur That zu schreiten, wenn ein Begehren einmal recht lebhaft seinen Geist beschäftigte. Dies ging so weit, daß es ihm oft bangte darob und er zu sich sprach: der Himmel bewahre mich vor allen tollen Einfällen, mit denen jeder Andere nur ein ergötzliches Spiel treiben würde; ich müßte sofort Ernst machen aus solcher Narrethei und sollte ich darüber zu Grunde gehen. (Forts. folgt.)
Der Naturdichter»
(Fortsetzung.)
„Ach, Käthe!" rief Franz wehmüthig ; „Du weißt nicht, wie das ist. Lieg' ich so unter dem Baum — dann kommt mir oft ein Lied, weiß nicht woher. Ich pfeif' mit dem Vogel,