Beiblätter
zur Nassauischen Allgemeinen Leitung
für Literatur, Kunst und gemeinnützige Interessen.
â 23.
Mittwoch den 26. April
1848.
* Der Sehreiberkönig.
Ein politischer Roman aus den letzten Tagen des Polizeistaates, von W. H. Riehl.
(Fortsetzung.)
So sprach der Amtmann wohl manchmal zu seiner Frau, wenn er krächzte und hustete und die baumwollene Zipfelmütze tief herab über die Ohren gezogen hatte und den ganzen Körper mit Flanellen umwickelt, aber er lstchelte dann gewöhnlich in sich hinein, als ob er selbst nicht recht an die Stichhaltigkeit seiner Tröstung glaube. ~
— Der Amtmann hatte es vor Betty verheimlichen wollen, daß Martin es gewesen, der ihn aus der Hand der gespenstigen Kollegen im Walde errettet und nach Hause gebracht hatte, denn er sah wohl voraus, dâß die schlaue Kleine den Liebesdienst zur gehörigen Zeit gar hoch auf der Rechnung an- schreiben werde. Allein Betty hatte schon am andern Tage daö Siegel des Geheimnisses zu lösen gewußt. Recht wie ein zuthunlicheS Kätzchen schlich sie von Stund' an um den kran- ken Oheim herum, schmeichelte jeder Laune des Alten und lauschte ihm so emsig alle Wünsche ab, daß die liebevolle Pflege der Frau Philippine und Fräulein Susette dadurch tief in Hintergrund gedrückt wurde. In der That, es erheiterte den grämlichen Amtmann recht, wenn er je zuweilen von den Protokollen, dem frevelhaften dreieckigen Hut und den Arzneigläsern den Blick wegwandte und auf dem freundlichen, geschäftigen Wesen ruhen ließ, das mit Aug' und Hand und Mund nur für ihn zu leben schien. Freilich er ahnte nicht, wie hart es dem armen Mädchen ankam, auch jetzt noch die Rolle ihrer natürlichen Munterkeit fortzuspielen.
Wenn Betty so da saß im fahlen Dämmerlichte der Krankenstube, welches ihre Wangen, die wirklich bleicher zu werden begannen, ganz todtenblaß erscheinen ließ, kummervoll in Gedanken und heiter in Wort und Mienen, dann sprach sie wohl zu sich selber: „Als neulich dem Stadtmusikanten die Frau gestorben war, und er doch am selben Tage noch zum Tanz aufspielen mußte um des lieben Brodes willen, da fragte
ich den Mann, dem sichtbarlich bei jedem Bogenstrich dâ§ Weinen hervorbrechen wollte, wie er's fertig brächte, dennoch so lustig aufzuspielen? Und er antwortete mir: Jüngferchen, das ist so schwer nicht. Seht, allezeit lustig seyn müssen, ist an sich schon das traurigste Geschäft! O es verträgt sich recht gut mit dem schwarzen Flore! — Nun muß ich immer denken, ich seye der Stadtmusikant. Weiß Gott, es gibt kein traurigeres Geschäft, als allzeit lustig seyn müssen!"
— Es war zur selben Stunde, wo Gertrud und Susette nebenan über ihren geheimnißvollen Robert behaglich schwatzten, da hatte sich die arme Bettv ein Herz gefaßt und angefangen von ihrem Martin zu sprechen. „Sie ahnen nicht," lieber Onkel, „was der Bursche für eine Kernnatur ist! Wenn ich mit den feinen jungen Herrn spreche, dann muß ich i^nen immer in's Gesicht lachen; vor dem Martin habe ich allein Respekt. Wir sind mit einander ausgewachsen, mit einander in die Schule gegangen, auf den Spielplatz, hinaus in den Wald. Mein Herz hängt an Martin, weil es an den heimath- licken Beraen banal, und an diesen, weil es an Marti» hängt. Versuchen Sie einmal das Kunststück und machen Dle, daß ich vergesse, wie es daheim auf dem Westerwald aussteht, vergesse, was ich als Kind schon geschaut, gewollt, gefühlt, gethan habe — und ich will auch den Martin vergessen. Der Martin ist kurz angebunden in seiner Rede, aber was er spricht ist wahr und lauter wie die Worte des Evangeliums. Will sein Gefühl überströmen, dann drängt er's zurück und legt nicht prahlerisch des Herzens Allerheiligstes aus, wie der Krämer seine Waare. Wenn es aber die That gilt, kann geht er durch's Feuer für das, was ihm an'ö Herz gewachst» ist, und wenn man's ihm mit Gewalt wehrt, mich lieb zu haben, dann grämt er sich im Stillen zu Tode ohne ein Wort zu sagen, wo die Anderen ihren Schmerz itt'ö Jntelligenzblatt drucken ließen. Machte er's wie die, dann müßte ich ihn auch auslachen, so aber kann ich ihn ja doch nur immer herzlicher — lieben."
Der Amtmann blickte sehr ernst auf das liebliche Kind, das mit gar wunderbarem Wohlttange der Stimme du Halb-