Deutschland.
* Wiesb ad cn, 24. April. Durch gütige Privatmitthei- lung gehen uns einige Einzelheiten über die nassauischen Truppen in Mannheim und Heidelberg zu. Das zuerst abgezogene Bataillon liegt in Mannheim, die Gemeinen im Zeughause, welches zur Kaserne hergerichtet ist, die Offiziere im Pariser Hof, das am zweiten Tage abgegangene Bataillon in Heidelberg. Auf dem Durchzuge wurden sie in Frankfurt jubelnd begrüßt und empfangen, ebenso in den hessischen Stationsorten der Mainneckarbahn, dagegen soll sich auf den badischen Stationen kein Mensch zum Gruße haben blicken lassen. Wie vorauszusehen war, hat die anarchistische Partei in Heidelberg und ihre Zwischenhändler kein Mittel unversucht gelassen, um unsere Soldaten für ihre Zwecke zu stimmen. Man soll es versucht haben, ihnen Geld, Flugzettel u. dgl. in die Hand zu drücken, oder ihnen bei Wein und Bier republikanische Begeisterung beizubringen. Allein die Haltung der Nassauer war, wie man gleichfalls voraussehen konnte, musterhaft, ja sie sollen unter sich selber Justiz geübt haben gegen wenige Einzelne, die den Anarchisten zu geneigtes Ohr schenkten. Am Samstag wurde die in Heidelberg einquartirte Mannschaft gleichfalls nach Mannheim gezogen, nur eine Kompagnie ist noch in Heidelberg zurückgeblieben.
Als ein unverbürgtes und auch etwas unwahrscheinlich klingendes Gerücht theilen wir noch mit, daß am Samstag von der großh. badischen Regierung den Nassauern der Auftrag zugekommen sey, die Mannheimer Sensenmänner zu entwaffnen. Diese Sensenmänner sind die von Hecker selbst gebildete eigentliche Leibgarde Heckers.
Ein Brief/ den Hecker auf der Flucht an seine Frau geschrieben, soll ihr anempfehlen, sofort alles bewegliche Besitzthum zu verkaufen und zu ihm in die Schweiz zu kommen.
0 Berlin, 20. April. Mehrere hiesige Klubbs hatten mit einer Demonstration gedroht, welche sie heute zu Gunsten der direkten Wahlen ausführen wollten. Sie hatten zu diesem Ende namentlich eine ganze Schaar von Arbeitern in Bewegung gesetzt, die mit Aerten u. dgl. bewaffnet, vor die Thore zogen und einige Verhaftete befreien wollten. Unter diesen Umständen hatte sich die Bürgerwehr unter die Waffen gestellt, die Behörden beschlossen zum erstenmale wieder fest und entschieden einzugreifen.
Durch diese Anstalten wurden die Demonstranten vorweg unsicher gemacht in ihrem Beginnen, sie verloren den Muth der ganzen Bürgerschaft gegenüber, welche sich aufgestellt hatte zur Wahrung der Ordnung und die großartig vorbereitete Demonstration lief zuletzt auf einige Umzüge durch die Straßen, kleine Zusammenrottungen u. dgl. hinaus, ohne daß die Ruhe im Wesentlichen gestört worden wäre.
Handelsamts-Präsident v. Rönne ist zum Gesandten und bevollmächtigten Minister bei den Vereinigten Staaten von Nordamerika ernannt worden.
^ Aus Niedersachsen, 21. April. Gestern hat die Bremer Bürgerschaft ihre erste große Versammlung gehalten, um mit dem neuen Verfassungswerke des Freistaates zu beginnen.
In den Nachrichten aus Schleswig-Holstein, die unsere Gegner namentlich auch in kaufmännischer Beziehung so nahe und tief berühren, ist eine gewisse Stille eingetreten. Doch stehen wir am Vorabende der Entscheidung, wenn dieselben nicht abermals durch das diplomatische Eingreifen Englands hinausgeschoben wird. Denn die Nachricht bestätigt sich, daß England als Gewährleisterin des Gottorpischen Friedens gegen die Theilnahme Deutschlands an dem Dänenkrieg Protest einlegen will. Wir fragen aber: wie viele Verträge sind seitdem nicht auch schon gebrochen worden, welche England gleichfalls mit gewährleistet hatte und doch krähte in London kein Hahn darnach; aber hier gibt es eine Lebensfrage des englischen Nordseehandels, und darum muß Palmerston wenigstens vorerst reden. Ob den Worten auch eine That folgen wird, ist eine andere Frage.
Während die Dänen unsere Gefangenen sehr schlecht behandeln und ihnen kaum so viel zum täglichen Unterhalte geben (etwa 7 Kreuzer für Verköstigung !), daß sich Einer vor dem Hungertvde sichern kann, werden die dänischen Gefangenen in Kiel ausgezeichnet behandelt. Ein Offizier bekommt täglich mehr als 3 Mark, wofür ihnen von einem Speisewirth Frühstück, Mittagessen nebst einen Schoppen Wein und ein reichliches Abendbrod gereicht wird.
Verantwortlicher Redakteur: W. H. Riebt. — Druck und Verlag
Aus Niedersachsen, 22. April. Wenn nicht bald ein anderes System der Kriegsführung in Schleswig von deutscher Seite angenommen wird, dann ist Alles verloren und Deutschland hat sich in dieser Zeit, wo es gilt, daß jedes Volk seine volle Kriegstüchtigkeit zeige, eine ungeheure moralische Blöße gegeben.
Die Preußen hatten bereits Marschordre gegen die Stadt Schleswig; nun ist dieselbe plötzlich wieder zurückgenommen worden, kein Mensch weiß weßhalb. Die Soldaten liegen zähneknirschend im Quartier, indeß der Däne unsere Vorposten neckt und angreift. Den Landbewohnern fällt die große Kriegsmannschaft, welche müßig in Städten und Dörfern kam- pirt, sehr zur Last. Bisher war die Frage, wer Oberfeldherr werden sollte, mit ein Grund der Zögerung, nun ist auch dies erledigt, indem der hannover'sche Generallieutenant Halkett zum Oberbefehlshaber, auch über die preußischen Truppen ernannt ist, und doch zögert man immer noch! Ist das nicht eine rechte Schmach? Man hätte die ganze Sache abmachen können, ehe England sich den diplomatischen Punkt nur recht überlegt hatte, und dann wäre es eine „vollendete Thatsach e'" gewesen, jetzt wird die Angelegenheit täglich verwickelter. Geht es hier nicht zu ganz wie weiland bei der alten Reichs- armee.
„Und ist es gut Wetter und regnet's nicht heut Und wenn es auch morgen nicht hagelt und schneit Und wenn der Gevatter die Würst' fertig hält, Dann rücken wir nunmehr» — mit Nächstem in'S Feld."
Es hat in der That den Anschein, als ob der Gevatter in England bereits „die Würst' fertig" hielte.
Frankreich.
Paris, 20. April. (K. Z.) Heute früh um 7 Uhr wurde in allen Theilen von Paris Generalmarsch geschlagen-und zwischen 8 und 9 Uhr nahmen die Nationalgarde des Seinedepartements, die mobile Nationalgarde, die unbewaffneten Bataillone der Arbeiter der Nationalwerkstätten, 40,000 Mann stark, und die in der Umgegend untergebrachten Truppen aller Waffen, welche jetzt in die Stadt einzogen, die ihnen angewiesenen Stellungen ein. Die eine gewaltige Kolonne zog über die Boulevards, die andere über die Quai's. Um halb 11 Uhr nahmen die Mitglieder der Regierung unter Kanonendonner auf der vor dem Triumphbogen errichteten und mit 400 bis 500 Fahnen geschmückten Estrade ihre Plätze ein. Hinter der Estrade war ein mit Damen und Bürgern dicht besetztes Amphitheater,, auf zwei anderen Amphitheatern zu beiden Seiten befanden sich die Beamten und sonst eingeladenen Personen. Sämmtliche Stabsoffiziere waren vor der Estrade versammelt. Die Fahnen- vertheilung, welche unter Kanonenschüssen und Militärmusik sofort begann, dauerte zwei Stunden.
Gestern Morgen ging Blanqui zu Ledru-Rollin und sagte zu ihm: „Antworten Sie mir gerade heraus: Sind Sie für oder gegen uns (Kommunisten)? Sagen Sie ja oder nein!" Der Minister, der einer bestimmten Antwort ausweichen wollte, fing an: „In diesem Augenblicke sollten wir einig seyn." Blanqui unterbrach ihn: „Ja oder Nein? Sie antworten nicht. ^Das heißt Nein. Adieu." Lamartine tadelte, als er den Vorgang erfuhr, Ledru-Rollin wegen seines Benehmens und sagte: „Sie haben Ihre Pflicht nicht gethan, Sie hätten ihn verhaften lassen sollen." r
Nachschrift.
Im Wiesenthal hat ein zweites Gefecht stattgefunden. Es wurde, wie ich höre, von Major Zimmermann kommandirt. Auch dort konnten sich die Freischaaren nicht halten. Sie sollen sich jetzt im obern Wiesenthal sammeln.
Nach offizieller Anzeige des großh. Bezirksamts Säckingen von gestern ist Struve mit zwei zur Zeit noch unbekannten Begleitern durch die Gensd'armerie und das Zollaufsichtspersonal in dem Augenblick verhaftet worden, als sie über die Rhein- i brücke bei Säckingen sich in die Schweiz flüchten wollten. Später , angelangte Privâtnachrichten ziehen die Identität der Person des ' Verhafteten mit jener Struve's in Zweifel.
•H M annheim, 23. April. Die Sensenmänner haben ; ihre Waffen gutwillig abgegeben. Ein Regiment Nassauer ist nach Offenburg ahtzezogen. Die Kompagnie des Hauptmann Stahl, welche in Heidelberg zurückgeblieben war, ist von den Studenten gegen die Anarchisten unterstützt worden.
der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung in Wiesbaden.