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Beilage zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.

M 2a. Dienstag den 23. April isas.

Uebersicht.

Zur Wahlfrage.

Das Gefecht bei Kandern.

Deutschland. Wiesbaden (Unsere Truppen in Mannheim und Hei­delberg). Berlin (Befürchtete Unruhen). AuS Niedersachsen

(Die englische Intervention in der schleswig-holsteinischen Sache. DaS Zaudern der Preußen).

Frankreich. Paris (Das Fahnenfest. Blanqui und Ledru-Rottin).

O Zur Wahlfrage.

Die Nass. Zeitung Nr. 36 scheint es als sich von selbst verstehend darstellen zu wollen, daß Hergenhahn, nachdem er in das Ministerium berufen ist, nicht mehr in die konstituirende Nationalversammlung gewählt werden könne. Wir wollen es dahin gestellt seyn lassen, auf welchen Motiven diese mit so gro­ßer Sicherheit ausgesprochene Ansicht beruht. So viel ist aber gewiß, daß derselben weder ein Gesetz, noch eine in der Natur der Sache beruhende Kollision von Pflich­ten zur Seite steht. In die nassauische Deputirtenversamm- lung kann Hergenhahn nicht gewählt werden, weil es das Wahl­gesetz verbietet, in die konstituirend e Nationalversamm­lung zu Frankfurt kann er aber gewählt werden, weil jeder volljährige deutsche Staatsbürger in dieselbe wählbar ist, und auch die Nass. Zeitung wird es nicht in Abrede stellen, daß Hergenhahn trotz seiner Berufung in das Ministerium deut­scher Staatsbürger geblieben ist.

Man könnte also höchstens einwenden, es sey nicht zweck­mäßig, ihn zu wählen, weil seine gegenwärtige Stellung in un­serm Lande seine ganze Thätigkeit in Anspruch nehme. Es bleibt daher nur die Schwierigkeit übrig, die Wirksamkeit eines Vor­standes des Ministeriums und diejenige eines Mitglieds der kon- stituirenden Nationalversammlung zu vereinigen.

Hierbei ist aber einerseits zu bemerken, daß in einer Ver­sammlung von G700 Männern die beständige Anwesenheit jedes Einzelnen nicht nothwendig ist, daß es genügt, wenn es bei den wichtigeren Fragen geschieht, daß die Verbindung zwi­schen Frankfurt und Wiesbaden so leicht ist, und andererseits ist es von größter Wichtigkeit, daß die Verwaltung der einzel­nen Staaten Deutschlands von dem Geiste der deutschen Natio­nalversammlung durchdrungen sey , cs ist nothwendig , daß ein volkstümlicher Minister von dem Vertrauen des Volks getragen werde, daß dem Volke selbst eine Garantie dadurch gewährt werde, daß der Minister auch ein Mandat des Volkes habe, welches seine Verantwortlichkeit dem Volke gegenüber erhöht, daß er auch nach der andern Seite hin eine feste Stütze im Volke habe, welche ihm nicht besser gewährt werden kann, als durch die Wahl zum Vertreter im deutschen Parlament. Hierzu kommt noch, daß wohl derjenige, der an der Spitze der Staatsverwaltung steht, am besten im Stande ist, die speziellen Interessen der Einzelstaaten zu kennen und zu vertreten, so weit sie mit dem allgemeinen Wohl von Deutschland zu vereinigen sind. Blicke man doch auf die freiesten Länder der Erde, auf die Länder, wo die politische Freiheit, wo die politische Bildung schon seit lange ein gesichertes Bürgerrecht erworben hat, auf England, auf die Schweiz, auf Nordamerika, dort sitzen die Minister und Beamten mitten unter den Vertretern des Vol­kes, ja sie müssen dort sitzen. Auch sind nach öffentlichen Blät­tern Pfizer und Römer in Württemberg, und Gagern im Großherzogthum Hessen zu Vertretern bei der konstituirenden Nationalversammlung in Aussicht genommen.

Das Gefecht bei Kandern

Der, offizielle Bericht des ZivilkommissärS Stephani über das Gefecht lautet folgendermaßen:Wir sind Morgens 3

Uhr nach Kandern von , Schliengen aus aufgebrochen, 1 Bataillon Hessen, 1 Bataillon vom Leibregiment, 1 Bataillon vom 2. Regiment, zwei oder drei Schwadronen Dragoner und Geschütz. Vor Kandern erfuhren wir, daß die Re­bellen, das Städtchen noch besetzt hielten. Ich ging allein mit einem hessischen Hornisten hinein, obgleich man mich vor dem ersten Hause nicht durch die Vorposten lassen wollte. Ich ließ den Kommandirenden rufen, es war Literat Kaiser aus Konstanz. Er versprach, mich zu Hecker zu führen, wir gingen ihm fast durchs ganze Ort nach, wo es hieß, er sei mit 600 Mann bereits abgezogen. Dies, sowie die Wahrneh­mung, daß ihre zwei Kanonen (vielmehr Böller) mit der Kasse und dem Pulverwagen, alles schlechte Karren, noch unange- spannt waren, veranlaßte mich, vor dem Rest der Truppe, ungefähr 2U0 Mann, die Aufruhrakte zu verkünden, und sie aufzufordern, die Waffen niederzulegen. Ungefähr 1520 antworteten mit Nein, die andern waren still.

Zu unsern Truppen zurückgekehrt, erklärte ich dem General von Gagern, daß nun sein Amt beginne, theilte ihm aber die mir gewordene Nachricht mit, daß wir oben auf der Scheide des Berges durch Scharfschützen, die rechts und links im Walde aufgestellt seien, empfangen werden würden. Mit Eifer ging das ganze Korps vor, oben am Berge gegen Schlechtnau zu, ritt von Gagern und Major Kunz noch an der Spitze der Kolonne; da trat Hecker vor und meinte, man solle auf seine Leute nicht schießen lassen, v. Gagern erwiderte, daß Leute ohne Waffen geschont würden, andernfalls nicht. Hecker zog sich zurück, und in dem Augenblick begann der Kampf; der edle v. Gagern fiel sogleich, er ist todt, und wir führen die Leiche in einem Wagen mit. Wir werden ihm in Freiburg die letzte Ehre erzeigen.

Major Kunz ist ganz unbedeutend am Fuße verwundet. Beider Pferde blieben todt auf dem Platze; ein Dragonerpferd verloren wir durch einen Schuß in den Fuß. Ganz leicht ist noch ein hessischer Hauptmann Keim, von unsern Offizieren Dern und Sartori unbedeutend verwundet. Ein Offiziersbedien- ter blieb auf dem Platze. Kein Soldat ist geblieben, verwundet ungefähr 20 Hessen ^nd 15 Badener. Drei oder vier Pferde sah ich todt an der Straße; ein desertirter Soldat vom 2. und einer vom 4. Regiment wurden zusammengehauen.

Von da nahmen wir ungefähr 8 gefangene Rebellen mit, die ich kaum vor der Wuth unserer Leute schützen konnte. Hier fanden wir ungefähr 8001000 Mann in den Wald postirt uns gegenüber. Sie wurden ganz zersprengt; eine Menge Flinten, Sensen, Mistgabeln lag auf dem Kampfplatze. Von dort zogen wir nach Schlechtnau, wo leider ein Bauer/ der eine Mistgabel trug und fortlief, erschossen worden ist. Unsere Sol­daten waren in Wuth. Von Schlechtnau verfolgten wir die Rebellen weiter über das Kloster Weitenau gegen Steinen.

Am Ausgange des Thales (Ausmündung ins Wiesenthal) hatten sich Struve und Weißhaar aufgestellt; das Feuern begann von Neuem, aber mit Vorsicht, und auch diese Schaar von unge­fähr 1000 Mann wurde zersprengt. Dieser Kampf kostete uns ungefähr 6 bis 10 Verwundete. In Steinen und allen andern Orten wurden wir mit Jubel empfangen, Alles bewirthet. Struve und Weißhaar haben hier und in Steinen mit Mord und Brand gedroht, wenn nicht Alles von 18 bis 30 Jahren mitzöge oder 200 bis 500 fl. zahle; es ging aus dem Wiesen­thal kaum ein Mann mit. Unter unsern Gefangenen, vielleicht 15 an der Zahl, sind nur 4 oder 5 aus Schönau und Schopf­heim, die andern sind aus dem Seekreis. Soeben erfahre ich, daß die Zersprengten sich im Hintern Wiesenthal und in Wehr sammeln.

Hier in Lörrach ist man sehr aufgebracht über die Schimpf­reden, welche die hiesigen Freunde Struve's und Weißhaar's von ihnen erhielten. Unsere Truppen wetteifern mit den Hessen, die vorzüglich sind. Unsere Gefangenen hätte ich gerne hier ab­geliefert, allein die Ortsverhältnisse Lörrachs und der Wunsch der Offiziere, jene noch auf dem Transport mitzunchmen, sowie die Aeußerungen der hiesigen Beamten veranlaßten mich, auf meinem Verlangen nicht zu beharren."