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aber gerade dadurch [war Susetten Anlaß gegeben, hier und dort ein kleines Tischchen oder ein zierliches Gestell anzubrin­gen, über und über mit jenen Modespielcreien, mit Töpfchen, Figürchen und Kästchen aller Art bedeckt, wie sich das im Lauf der Jahre angesammelt hatte, oder Stickereien (sie sind zum Theil schon sehr verblaßt) an den Vorsprüngen und Winkeln auszuhängen. Eines nur mißfiel der Bewohnerin in dem alt­modisch trauten Gemache, der großmächtige Ösen mit Wappen und Jahreszahl gleichfalls geschmückt, der fast ein Viertel der Stube einnahm, und in seinen plumpen Formen schlechterdings keine Verschönerung, keinen zierlichen Aufsatz zuließ.

An jedem Mittwoch Nachmittag kam des Bürgermeisters Gertrud von Reichenborn zum Besuche. Dann wurde es erst recht gemüthlich in dem alten malerischen Stübchen. Wenn der Kaffee auf dem Tisch dampfte, schloß Fräulein Susette die Thüre ab, um sich, wie sie es nannte, ihrenGefühlen" hin­zugeben. Die Beiden daSFräulein" und dieJungfer" lasen nämlich Jean Paul. Die Jungfer las vor und das Fräu­lein kommentirte. Fräulein Susette wußte bei diesen Zusam­menkünften wie überall, ihr vornehmes Wesen, ihre Ueberlegen- Heit geltend zu machen, und dazu besaß sie ganz das erforder­lichenoble" Selbstvertrauen, sie war jederzeit Herrin in dem Bewußtseyn, daß ihr Vater Cäsar in MuckerSdorf sey. Wäre sie einmal vier Wochen lang in der Hauptstadt gewesen, wo sich der Cäsar-Amtmann vor viel stolzeren Cäsares-RegierungS- direktoren oder gar Ministern hätte beugen müssen, sie würde wahrscheinlich sofort - alle noble Unverschämtheit und Noncha- lence verloren haben. In Fräulein SusettenS Jugendjahren waren die Damenpensionen, wo jetzt die Mädchen den Hoch­muth lernen, noch nicht eingebürgert in dortiger Gegend. Der Vater war selbiger Zeit darob in großer Noth gewesen, denn eine Schulbildung mußte das Kind doch haben, und die Amt- mannstochter in die Volksschule zu schicken, wo sie mit Bür­ger- und BauerSkindern auf Einer Bank hätte sitzen müssen das wäre doch nicht angegangen. Lange und reiflich erwog Fürchtegott mit seiner Ehefrau die häkliche Frage. Da war er endlich auf den Ausweg gekommen, ein kleines Tischchen in die Bürgerschule tragen zu lassen, welches weit ab von den Bänken der gewöhnlichen Schulkinder gestellt werden mußte; dort hatte die Amtmannstochter vier Jahre lang gesessen und solchergestalt gleich mit dem ABC die staatsdienerlichc Kardi­naltugend die Absonderung dem Geiste tief eingeprägt.

(Fortsetzung folgt.)

Der dtaturdichter» *)

Ein schwer bepackter Reisewagen fuhr chie enge, schlecht gepflasterte Straße des kleinen Landstädtchens hinunter. Die alten Frauen öffneten einen Finger breit das Fenster, steckten

*) AuS: Novellen von F. Brunold. 2. Band.

die Nase hinaus und schauten mit neugierigem Blicke dem rasselnden Wggen nach. Als derselbe um die Ecke der nahen Straße gebogen, schlossen sie das Fenster, eilten zur Hausthür hinaus, um dort, die Hände unter der Schürze, mit der Nach­barin, die zu gleichem Zwecke vor die Thür getreten, von dem unbekannten Wagen zu sprechen. Die Buben, die dem rollen­den Wagen mit lautem Jauchzen gefolgt, kehrten zurück und binnen wenigen Minuten wußte es die ganze Stadt: Unser Herr Stadtrichter ist so eben mit seiner neuen jungen Frau angekommen.

Für die nächsten Tage war Stoff zur Unterhaltung. Und als nun die Neuvermählten die nöthigen Anftandsvisiten zu machen anfingen, da gab es in den Häusern der Stadt ein Rennen und Laufen, ein Fragen und Sichärgern. Der hatte die erste Visite erwartet, dem war die Frau zu kalt, zu stolz; der fühlte sich durch die Art und Weise des Besuchs verletzt und nur die Wenigsten fühlten sich geehrt geschmeichelt, bis auch diese dies und jenes zu tadeln und zu bekritteln fan­den. Nun wurden geheime Sitzungen gehalten, die Fragen wurden erörtert: Ob und wann die Gegenvisite zu machen sey; wann man die erste Gesellschaft, der jungen Frau zu Ehren, zu geben gedenke und was dergleichen wichtige Angelegen­heiten des kleinstädtischen Lebens mehr waren. Neuigkeiten, im Betreff der jungen Frau, wurden sich gegenseitig unter dem Siegel der tiefsten Verschwiegenheit anvertraut um morgen als ein öffentliches Stadtgespräch zu kursiren. Was die Frauen und Mädchen nicht bemerkt, wußten die Männer, die, wie die Fama berichtet, die Zeitung ganz vergaßen und den Erst­genannten an Zungenfertigkeit nicht nachgestanden haben sollen.

Genug, die junge Frau mußte dies Fegefeuer kleinstädtischer Klatschzungen in seiner ganzen Größe durchlaufen. War sie doch eine Fremde, die unbewußt mancher Schönen des OrtS kühne Pläne und Hoffnungen zertrümmert hatte.

Wer aber aus diesem allem sich wenig zu machen schien, war Helene, die junge Frau, selbst. Unbekümmert der Ge­spräche, die sie durch geschäftige Zungen früh genug erfuhr, blieb sie sich Allen gegenüber gleich ernst, gleich kalt, gleich zurückhaltend. Und die jungen Männer des Orts schienen Recht mit ihrem Urtheilsspruche behalten zu sollen: Helene ist hübsch aber kalt wie Marmor.

War sie es?

Helene hatte geheirathet, weniger der eigenen Neigung deS Herzens, als vielmehr dem Wunsche ihrer Eltern folgend. Sie achtete, sie schätzte ihren Mann aber liebte ihn nicht. Daher die Ruhe, die Sicherheit ihres Auftretens. Sie erfreute sich an der Aufmerksamkeit, an den Geschenken ihres Gemahls aber innig befriedigt fühlte sie sich durch nichts. Das Liebste ihres ganzen Daseyns, ihrer ganzen Häuslichkeit, schie­nen ihr die Blumen zu seyn die in seltener Schönheit und Auswahl in dem Gärtchen hinter dem Hause blühten.