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Da kam schon ein dritter Amtmann an den Schlag. Er war etwas feiner und kleiner als sein Vormann und sprach mit hellerer Stimme, aber die Kleider hatte er ganz eben so wie der andere alte Kauz.Mit Verlaub Herr Kollega," sagte er zu dem armen Stöpselius,ich war der Vorletzte vor Euch, gönnt auch mir eine Bitte. Tag und Nacht habe ich geschrieben und meine Kanzlei beispiellos in Ordnung gehalten. Ich ließ jedes Aktenstück zwiefach registriren, zwiefach kopiren, damit ja kein Fehler unterlaufen möge. Zwölf überzählige Schreiber waren zu meiner Zeit tagtäglich im Muckersdorfer Amthause beschäftigt und doch habe ich noch nicht einmal genug gethan! Ein Mann war unschuldig eingesperrt worden, und als sich Das erwies, schickte ich den schriftlichen Befehl in's Gefängniß, daß Arrestant sofort auf freien Fuß gesetzt werden solle. Nach langen Wochen erhalte ich vom Gefängniß­diener die Anfrage, ob denn dem Gefangenen immer noch der Eine Fuß in die Höhe geschnallt werden solle? Denkt Euch, der Zettel war undeutlich geschrieben gewesen, und ich ahnte nichts davon, weil ich ihn vor der Absendung nicht, wie sonst der Brauch, viermal hatte revidiren lassen: im Gefängniß laS man, daß der Gefangene auf Einen Fuß gesetzt werden solle, und hatte nun dem armen Teufel Reih' um bald den rechten, bald den linken Fuß hinten in die Höhe geschnallt! Jetzt muß ich meine Ungenauigkeit büßen, bis ein Amtmann kommt, der die Schreibereien noch weiter ausdehnt, damit jedes Wörtlein noch skrupulöser kontrollirt werden könne. O, bean­tragt um Gotteswillen auf dem bevorstehenden Landtag, daß zu den Kanzelisten noch Vizekanzelisten, zu den Diurnisten Vize­diurnisten, zu den Registratoren Vizeregistratrorcn, zu den über­zähligen Akzessisten Vize-überzählige-Akzessisten angestellt wer­den, beantragt, daß man lieber gleich das ganze Land unter's Lineal lege, das ganze Land in Faszikel hefte, das ganze Land--"

Da kam f$on. der vierte Amtmann, gewiß der älteste von Allen, ohne Umstände, ja ohne Gruß in das Wägelchen gesprungen. Ich füge mein Begehren bei," rief er grob und kurz angebunden. Als ich im Amthause zu Muckersdorf saß, regierte ich das Bauernvolk mit Ohrfeigen. Da kam ein höchster Erlaß, daß fürderhin keine Ohrfeigen mehr vor Amt gegeben werden soll­ten. Das trieb mir die Galle unmäßig in's Blut und brach mir endlich das Herz. Amtmann! Ihr seyd auf gutem Wege! Bis zu den Ohrfeigen werdet Jhr's freilich nicht wieder brin­gen können in der matten Zeit. Aber thut mir zu Lieb' we- nigstens das Mögliche und beantragt bei den Ständen, daß die amtliche Grobheit und Rechthaberei zur Gesetzeskraft möge erhoben werden, daß man jeden neu eintretenden Beam­ten auf die offizielle Grobheit verpflichte, und wollt Ihr nicht, daß man diesen Eid aus's Evangelium ablege, dann könnt Ihr ihn füglich auf die Allgemeine Preußische Zeitung schwören lassen."

Dem Amtmann war es fast, als habe er des Rentmeisters

Stimme erkannt, er raffte sich zusammen und faßte den Sprecher an dem weit ausragenden Jabot-Hemde, aber die drei alten Amtleute verstanden den Spaß übel; mit kräftigen Fäusten packten sie flugs den unglücklichen Kollegen und warfen ihn aus dem Wagen, und dann nahm ihn der Damian das war der Mann mit derKindersteuer" und das gescheite Nicklaschen, der daS Land unter's Lineal gelegt haben wollte beim Arm, um ihn in den Wald zu ziehen.

Dort aber donnerte ihnen eine kräftige Mannsstimme ent­gegen:Haltet ein! So weit treibt man einen Spaß nicht!" Und ehe sich's die Dreie versahen, tanzte der westerwälder Knotenstock des Schlossergesellen gar unbarmherzig auf ihren Rücken. Als ob ein Wirbelwind unter sie gefahren wäre, so flogen die alten Amtleute auseinander, und Jeder suchte nach einer andern Richtung das Weite zu gewinnen.

Der Geselle erbarmte sich des wirklichen Amtmanns und hob ihn wieder in sein Wägelchen. Aber wenn gkelch- die Todesangst dem Herrn Fürchtegott Stöpselius in der Kehle saß, er blieb doch auch in diesem Augenblick der Beamte, welcher mit der Verwaltung zugleich die Justiz zu handhaben hat.Dort hinübergesprungen, Freund, nach dem Föhren­stamme," stöhnte er,dort ist dem einen Räuber der Hut ge­fallen; bringt ihn her: habe ich nur erst den Hut, dann fange ich auf den alten Filz hin eine Untersuchung an, die minde­stens vier Jahre dauern soll."

Martin brachte den Hut herbei, und da der Andreas nirgends zu sehen war, setzte er sich selber auf den Bock und lenkte besser als sein Vorgänger das Wägelchen nach MuckerS- dorf hinüber.

SiebentesKapitel.

Je reifer SusettenS Schönheit wurde, je entschiedener die Amtmannstochter in die Dreißige und das Fach der alten Jungfern einrückte, um so traulicher und unmuthiger schmückte sich ihr Schlaf- und Toilettenzimmer. Wenn eine Dame fühlt, daß sie in die Herzen der Männer nicht mehr einkehren kann, dann beginnt sie gewöhnlich bei sich selber einzukehren.

Susette bewohnte ein Stübchen im alten Amthause, um welches sie ein Dichter hätte beneiden können. Ehedem viel­leicht das Gemach der Reichsgräfinnen, war es zwar klein und eng, denn ein altes, größeres Geschlecht begnügte sich mit bescheideneren Räumen, als wir, die wir für uns kleine Per­sönchen nimmer Platz genug finden können; aber doch war es schon in der Bauart reich und sinnig angelegt. Schön geglie­derte Kreuzgurtungen schmückten die gewölbte Decke, und in der Mitte der Wölbung, wo die einzelnen Bänder in einer Rosette zusammenliefen, prangte das reichsgräfliche Wappen mit der Jahreszahl 1461. Die hohen aber schmalen Fenster mit steinernen Kreuzstäben ließen einen prächtigen Blick hinaus in die stolze Berg- und Waldnatur werfen. Die Wände des Zimmerchens waren winkelig, wie man'ö vor Alters liebte,