Nassauische
Allgemeine Zeitung.
â 20» Donnerstag den 20 April L8L8.
Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. — Der vierteljährige PrânumerationSpreis ist in Wiesbaden S fL, für den Umfang des HerzagthumS Nassau, des GroßherzhgthÄms und Kurfürstenthums Hessen, der Landgrastchaft Hessen-Homburg und der freien Stadt Frankfurt S fL 30 fr., in den übrigen Ländern des fürstlich Thurn- und TariSschen Verwaltungsgebietes S fl. 40 fr. — Inserate werden die drei- svaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
■ Uebersicht.
Ein Besuch in Rendsburg.
Die praktische Kehrseite der theoretisch-politischen Streitfragen.
Deutschland. Wiesbaden (Neueste Nachrichten ans Baden). — Vom Rhein (Die Tyroler). — Mainz (Bürgerversammlung für die Republik.)— Wall m e r o d (Adresse an die Wiesbadener Bürger). — Aachen (Unruhen). — Berlin (Die Preußen sollen einen Sieg über die Dänen erfochten haben). — Posen (Verwirrung). —An S Oesterreich (Das deutsche Element). — Botzen (Einbruch pieMüntestscher Freischaaren in
Tyrol. Kriegsbericht ans Italien).
Italien. Venedig (Ein Kreuzzug gegen Oesterreich).
Schweden. Upsala (Die Studenten).
Sprechsaal für Stadt und Land.
Ein Besuch in Rendsburg.
^Hinter diesem Titel bringt die Weser-Zeitung folgende anschauliche Schilderung aus der Nähe des nordischen Kriegsschauplatzes:
Da, wo die Eider der langen von Neumünster heraus sich erstreckenden Heide ein Ende macht, liegt der gegenwärtige Mittelpunkt des norddeutschen Patriotismus, die kleine Festung Rendsburg, der noch täglich, und so auch heute, eine Menge kampflustiger Vaterlandssöhne Zuströmen. Das bunte Kriegsleben in ihren Wällen, die dem herannahenden Feinde leider nicht allzu viele Kanonenmündungen zukehren, mahnt an die Nähe des Feindes, der bereits eine Stunde diesseits der Stadt Schleswig steht und auch bei Eckernförde Truppen an's Land gesetzt hat. Das Hauptquartier der Holsteiner dagegen befindet sich bei Wittensee, während die äußersten Posten der Preußen bei Sorgbrück, s/4 Meilen hinter Rendsburg stehen. Andere Abtheilungen holsteinischer Truppen sind westlich von Rendsburg ausgesandt, wohl aus Furcht vor einer Landung der Dänen auch an der Eidermündung.
Bei einer so zerstreuten Stellung der in runder Summe auf 10-11,000 Mann anzuschlagenden Truppen ist man nicht ohne Besorgniß, daß der überlegenere Feind die Gunst des Augenblicks benutzen, die Unsern zurückdrängen und vor die Mauern von Rendsburg rücken wird, das an der nördlichen Seite von Landleuten und Soldaten rasch mit Pallisaden besetzt wird, während fliehende Weiber mit ihren Habseligkeiten in's Thor sich retten. Die Haltbarkeit der Festung, die übrigens Kornvorräthe auf 4 Wochen, einer bei der nahen Hülfe Deutschlands überflüssig langen Zeit, besitzen soll, vermag ich nicht zu beurtheilen. Der Mangel an Artillerie, der nebst dem an Schiffen sehr empfindlich alle Anariffspläne hemmt, muß aber auch dem Laien sogleich auffallen. Die Stimmung der Truppen, der Muth der Freischaaren sind anerkennenswerth; doch muß man gestehen, daß sie außer ihrer gerechten Sache augenblicklich wenig Grund zu frohen Siegeshoffnungen haben, und manchem Küstenbewohner blutet wohl das Herz, wenn er denkt, wie in jedem Augenblick die Seinigen zu Haus der Plünderung und Mißhandlung ausgesetzt sind. Nicht die moralische Kraft fehlt, sondern
die physische, und die Schuld davon liegt nur an den deutschen Regierungen.
Da hat man jetzt Jahrelang auf allen Straßen „Schleswig- Holstein meerumschlungen" georgelt, der schlaftrunkene Bundestag der Nedemtionsperiode hat sogar ein lallendes Wort von Unverletzlichkeit der Rechte deutscher Bundesglieder ausgestoßen, und jetzt, im Augenblick der That, nimmt der deutsche Michel doch so langsam die Schlafmütze vom Kopf, als wenn es nur ein behagliches Frühstück gälte. Wo bleibt das 10. Armeekorps? Diese Frage geht mit Entrüstung in Holstein von Mund zu Munde. Seit einer Woche marschfertig, und ohne Marschbefehl, ist die trostlose Antwort. Dänemark ist zwar nicht groß, aber sein Volk ist wie ein Mann für Schleswigs Erhaltung aufgestanden; alle Mannschaft bis zu 36 Jahren steckt in den Waffen, und mit nicht minderm Enthusiasmus, aber mit viel mehr Geschütz (denn sie führen gegen 60 Kanonen mit sich) und besser organi- sirten Truppen, als die Holsteiner, ziehen sie für ihre Sache ins Feld. Mit Holsteins eigenem Gelde, ja mit seinem eignen Blute bekämpfen sie es; denn gerade, daß viele holsteinische Offiziere auf dänische Seite getreten sind, macht den Kampf so ungleich. Die Freischaaren, die mit dem besten Willen nach Rendsburg eilen, irren dort unstet und verwaist umher; es fehlt ihnen an Führern. Auf 600 Mann ein Offizier, und dieser Offizier ohne Kunde, wo seine zerstreute Schaar weilt, das ist ein Faktum, welches treffend bezeichnet, woran es mangelt.
Bei dem blutigen Rückzüge am 6. und 10., erzählte mir mancher Freiwilliger, find sie ohne Kommando, ohne Kenntniß der Lokalitäten 36 _ Stunden lang in der Irre umhergelaufen, so daß Manche, erschöpft von den Strapatzen, und verzweifelnd an der Möglichkeit, dem Vaterland Dienste zu leisten, sich Urlaub erbeten haben. Der Rath möchte deshalb nicht unnütz sein, daß Alle, die noch Theil nehmen wollen an dem Kampfe und nicht sehr geübte Schützen sind (denn die sind auch einzeln verwendbar) sich einen tüchtigen Führer wählen. 8 Tage wird's noch dauern, wie mir ein preußischer Offizier versicherte, ehe die preußischen Truppen so stark sein werden, um einen Angriff zu machen und mit Erfolg die Dänen auf ihre Inseln zurückzutreiben. Wahrscheinlich werden sie erst aber ihren Eroberungszug fortsetzen und von Osten und Westen aus die grünenden Felder Holsteins und seine blühenden Städte überschwemmen. Dann wehe den armen Opfern, die vergeblich zur rechten Zeit auf die Hülfe ihrer Brüder rechneten, und Schmach den Regierungen, daß auch nur ein Fuß breit holsteinischen Bodens vom kleineren Feinde besetzt wurde, und daß auch hier wieder der grauenvolle Ruf sich erfüllt, zu spät! Also rasch, so weit es noch Zeit ist, Truppen, Offiziere, Kanonen!
Die praktische Kehrseite der theoretisch- politischen Tagessragen.
□ Voin Rhein. Ein jeder fühlt jetzt tief, daß dem armen Manne geholfen, daß der Arbeit Achtung und mit der Achtung Ehre und ausreichender Verdienst verschafft werden muß, ein Jeder fühlt tief, daß wir Alle danach trachten müssen, der Eine dem Andern das Leben erleichtern zu helfen, und daß dies in der Lösung der Aufgabe besteht, Kapital und Ar-