Halt ihm das „Attes beim Alten lassen" als Inbegriff politischer Weisheit, die er als „konservatives System" den übrigen Kabinetten anpries. Jene aber, welche so schwach oder so thöricht waren, dem Rathe des österreichischen Staatskanzlers zu folgen, haben in den letzten Monaten die Früchte ihrer Verblendung geerntet und das Vertrauen auf den Diplomaten mit ihrem eigenen Untergange bezahlt. Nun wollen die Klagen und Vorwürfe kein Ende nehmen gegen denselben Altmeister der unmoralischen Kabinetspolitik, in welchem seine kleinen Nachtreter einst ihren Hort und Erhalter sahen, dem sie blindlings folgten, während sie ihm jetzt Schimpf und Flüche in seine Verbannung nachrufen.
Das Volk dagegen hat immer gewußt, daß in Metternich kein Sinn für Moralität wohnte, daß er niemals Achtung vor dem Rechte gehabt, und daß ihm jedes Mittel, auch das verwerflichste, genehm war, wenn eS nur seine Absichten fördern konnte. Für Klugheit hielt er jene macchiavellistische Kabinetspolitik, die mit ihm zu Grunde gegangen, und welche die freien Staaten des neuen Europa nimmermehr dulden werden. Niemand hatte besseres Verständniß für Metternichs ganzes Wesen, als Kaiser Franz, über dessen angebliche Gutmüthigkeit noch heute tausend rührende Fabeln im Schwange -gehen, während jeder Unterrichtete weiß, daß diesem „guten Kaiser" eine Art von Heimtücke eben so wenig fremd war wie ein Hang zur Intrigue, den er mit seinem Metternich theilte, welcher für ihn zugleich Werkzeug und Leiter gewesen.
Metternich sah im Staate eine Maschine, die nur nach seinem Willen in Gang gesetzt werden sollte; das Volk galt ihm für eine willenlose Masse, deren höchste Aufgabe im unbedingten Gehorsam bestand. Jede Freiheitsregung war ihm gleichbedeutend mit Auflehnung und diese verfolgte er so weit sein Arm oder seine Intrigue reichte. Man wird einst erstau- uen über die lange Reihe von Metternichs politischen Bege- hungs- und Unterlassungssünden, welche doch bald zusammengestellt werden muß. Vielen erscheint eS als eine Art von himmlischer Gerechtigkeit, daß Fürst Metternich den schmachvollen Sturz seines verderblichen Systems noch selber erlebt, daß der Tod nicht so mitleidig oder gnädig war, ihn vor der großen Katastrophe hinwegzunehmen, und daß das von ihm so schwer geknechtete Volk gerade ihn mit Hohn vertrieb. Sie wünschen ihm zur Buße noch langes Leben!
Dieser rheinische Edelmann, welcher sich zum Herrn der österreichischen Monarchie emporgeschwungen, war nie ein Patriot; er trug kein deutsches Herz in der Brust. Von Anbeginn seiner Laufbahn hat er gegen die theuersten Interessen des Vaterlandes gearbeitet. Gleich nach Napoleons Fall, als eben unsere Nation den mächtigen Feind besiegt hatte, brachte er uns um Elsaß und Lothringen. Als er sie nicht für einen österreichischen Prinzen zu bekommen vermochte, wollte er die wichtigen Grenzprovinzen lieber in Frankreichs
Händen lassen, damit nur nicht Preußen, oder ein anderes deutsches Land sie erhielten. So ließ er aus Eifersüchtelei und Mangel an großartiger Auffassung einen Hauptpreis des Sieges verloren gehen und Deutschlands Grenze im Südwesten blieb offen. Man begreift den Zorn des alten Blücher gegen den „diplomatischen Federfuchser", welcher ihm später auch auf perfide Weise den Johannisberg wegkaperte, der eigentlich dem Marschall Vorwärts zu ged acht war. Galt doch Blücher bei Metternich und dem russischen Alexander (— dem „edeln Verbündeten" der „ctait plus Frangais qu’iin Frangais“ —) für einen Unruhstifter und Volksaufwiegler!
Sollen wir daran erinnern, wie Metternich seit dem Frieden als geschworner Feind aller edlen und freiheitlichen Regungen in Deutschland auftrat, wie er die böswilligen oder eingeschüchterten Regierungen zu Rechtsverletzungen anleitete oder zwang, wie er jede Staatsverbesserung als revolutionär brandmarkte , wie er auf den Kongressen Ketten für die Völker schmiedete, wie er die- neuen Verfassungen in seinem Sinne unschädlich zu machen suchte, jene berüchtigten Beschlüsse der geheimen Wiener Konferenz einleitete und durchführen half, den Mittelpunkt jener freiheitsmörderischen Bestrebungen bildete, den kleineren Kabinetten, welche etwa ehrlich verfuhren, drohete, dagegen Frevel offen aufmunterte und in Schutz nahm? Wie er unheilvollen Einfluß auf den unglaublich verblendeten Berliner Hof übte, die Jesuiten herbeirief, sie pflegte, selbst ihrem Orden dienstbar wurde, und wie er durch Abweisen all und jeder Verbesserung im Staate jene deutsche Revolution hervorrief, die gerade für ihn einen der ersten Vernich- tungsschläge hatte?
Mag also diesem Manne verzeihen, wer da wolle, wir mögen es ihm weder vergeben noch vergessen, daß er Deutschlands Interessen auch an Rußland in hochverrätherischer Weise preisgegeben. Seine freiheitsfeindliche innere Politik rächte sich zunächst an ihm selber, als der Krieg zwischen Rußland und der Türkeit ausbrach. AuS Furcht vor der Revolution und der öffentlichen Meinung wagte er nicht gegen dje Moskowiter marschiren zu lassen. Sie durften den Balkan überschreiten, nahmen Adrianopel und schlossen dort jenen unheilvollen Frieden, welcher den Sultan zum Vasallen des Czaren, das Land an der untern Donau von Rußland abhängig machte und diesem die Herrschaft über die Mündungen jenes Stromes gab. „Dafür hätte man", wie einst ein hochgestellter Ungar sich ausdrückte, „Metternich nach Bo- tanyba» oder Munkatsch transportiren müssen, wenn ihm doch einmal Kugel oder Galgen erspart bleiben sollte". Die unheibare Schwäche der österreichischen Monarchie bethätigte sich zuerst gegenüber diesem Adrianopler Frieden. Metternich aber blieb Staatskanzler des „guten" Kaisers Franz.