pel nach dem Abendessen noch einen Amtsgenossen, um mit ihm über dieses und jenes zu sprechen. Aber kaum hat das Gespräch begonnen, so fängt auch der Kanarienvogel in seinem Käfig an der Stubendecke an, darein zu schreien, und machts so arg, dass die beiden Kollegen lieber in einer gehenden Sägmühle als unter diesem Schreier mit einander reden möchten. „Der unverschämte Kerl!" ruft die Hausfrau an dem Nähtisch, „wüßte ich nur Jemanden, der ihn geschenkt möchte!" — „Der bin ich," erwidert Zizmann, „wenn der Käfig darein gegeben und diesem lauten Stück Fleisch zugewogen wird." „Mit Vergnügen," antworten Frau und Mann zugleich, und -der Rentmeister, der immer das Eisen, so lange es warm ist, zu schmieden Pflegt, nimmt den Vogel herab, steckt die lange Seidenschnur, an welcher der Käfig hing, in seine Tasche und empfiehlt sich unter den lebhaftesten Dankbezeugungen. Im Schleier der Nacht begibt er sich geradewegs in die Abendgesellschaft. Die Thüre öffnet sich weit und Aller Augen richten sich auf den Mann mit dem Vogelhaus. Der Rentmeister benützt die gespannte Aufmerksamkeit der Versammelten, und spricht: „Eine milde Gabe, meine hochgeehrtesten Herrn, ein Geschenk für die armen Wittwen. Aber es ist ein fressendes Pfand dabei, und darum werden Sie mir gütigst erlauben, daß ich es versteigere, ehe ich mich in Ihrer mir so schätzens- werthen Mitte niederlasse, um von des Tages Last und Hitze zu ruhen. Eilf und einen halben Kreuzer zum Ersten!" ■— Die heiter gestimmten Herren steigern nun eine Weile und der Vogel sammt seinem Hause und der seidenen Schnur wird zuletzt einem jungen Manne zugeschlagen. Aber in dem Augenblick, wo er sein erstandenes Eigenthum aus der Hand des Rentmeisters in Empfang nehmen will, fällt es ihm ein, dass er in seinen Geschäften oft wochenlang verreist sev, und in solchen Fällen, da er noch nicht verheirathet wäre, den Kanarier in die Kost geben müßte. Er legt also einen Thaler in die Hand des Auktionators und ruft: „Ich schenke den Vogel unserer Wittwenkasse noch einmal zur Versteigerung. Also mit Gunst, meine Herren! Sechs Kreuzer zum Ersten!" Und diesmal fällt der gelbe Prinz sammt seinem Schloß einem jungen Lehrer gegen 51 Kreuzer zu. — „Wird er Sie nicht in ihren Studien stören?" fragt nun der schlaue Rentmeister der armen Wittwen. „Nein," antwortet der Käufer, „ich will sehen, wer es länger aushält, seine Kehle oder meine Violine."
Oder der liebe Zizmann tritt in die Stube eines seiner alten Bekannten. Dle Mutter darin ist gerade im Begriffe, ihrem Hugo ein dickes Buch an den Lockenkopf zu schlagen. „Halt!" ruft der Eintretende, „was in aller Welt gibt eS denn, verehrteste Frau Base?" „O, der Schlingel!" antwortete diese, „kommt auf dem Schulweg in ein Treffen, und im Handgemenge reißt ihm ein Vorstädter fünf Blätter aus dem Gesangbuch. Und er weiß nicht, wer es gethan hat, noch wo die Blätter sind. Nun ist daö Buch nicht mehr zu brauchen,
und ich darf auf der Stelle ein anderes kaufen." — „Sechs Kreuzer," versetzte der liebe Zizmann, „gebe ich doch noch dafür." — „Sie können es umsonst mitnehmen, nur damit eS mir aus den Augen kommt," erwidert die Mutter, durch die ansteckende Freundlichkeit ihres Vetters schon ganz besänftigt, und denkt nicht mehr daran, es in eine unsanfte Berührung mit den Gliedmaßen ihres Hugo zu bringen. Der Rentmeister aber warnt seinen kleinen Vetter vor ähnlichen Landfriedens- brüchcn, und geht dann mit seinem Buch in der Tasche in die Rumpelkammer der Wittwenanstalt. Dort liegt auch ein Gesangbuch, das zwar ebenfalls defekt ist, aber glücklicherweise die Blätter noch hat, die in dem zuletzt empfangenen fehlen.! Mit beiden Büchern unter dem Arme erscheint er nun in der nächsten Versammlung des Gewerbvereins, und bittet den Hofbuchbindermeister, aus dem einen Buche den Mangel deS andern zu ersetzen. Dieser erfüllt seine Bitte umsonst, und in der nächsten Auktion wird Hugos Gesang und Schlacht- Buch aufgeworfen, und zum Besten der Wittwenkasse um einen halben Gulden verkauft an einen Vater, der gerade für seinen Knaben eins braucht.
Ist der liebe Rentmeister des Herzogs und der armen Wittwen nicht der christlichste Trödler, den es gibt?
Miszellen.
— Paderborn, 2. April. Das Schloß Fürstenberg ist mit wahrhaft vandalischer Wuth von bewaffneten Rotten zerstört worden. Ein unersetzlicher Verlust für die Wissenschaft ist die gänzliche Vernichtung der an Prachtwerken und Seltenheiten reichen Bibliothek und des Archivs. Letzteres, reich an Urkunden aus den 13.—15. Jahrhunderten, war -früher von tüchtigen Geschichtsforschern, einem KoSmann, Spanten, Philippi, geordnet und vervollständigt, leider aber niemals für die vaterländische Geschichte benutzt, so daß die Flammen eine wichtige Quelle derselben für immer austrockneten. Abgesehen von dem unschätzbaren Werthe, der zerstört wurde, soll sich der dem Grafen zugefügte Schaden auf 30—50,000 Rthlr. belaufen.
Sonntag, den 16. April: Vierte Abendunterhaltung deâOnartett- Vereins im Gasthaus zur Rose zum Besten der deutschen Brüder in Schleswig-Holstein.
Karten sind in der Ritter'schen und Schellenberg'schen Hofbuchhandlung â 30 fr. und Abends an der Kaffe è 42 kr. zu haben.
- - —' -..... - ■ -......... ..IM-....... '..., „ —.
Theater zu Wiesbaden.
Samstag den 15. April: Der Postillon von Lonjumeau. Komische Oper in 3 Abtheilungen. Musik von Adam.
Sonntag den 16. April: Wilhelrn Tell. Schauspiel in 5 Akten von Schiller.
Die nächste Vorstellung findet den 24. April statt.
Verantwortlicher Redakteur: W. H. Riehl. — Druck und Verlag der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung in Wiesbaden.