Beilage zur Nassauischen Allgemeinen Zeitung.
M 16. Sonntag den 16. April 18^8.
Der große Andrang des Stoffes bestimmt uns, eine regelmäßige Politische Beilage Nachmittags um 4 Uhr auszugeben. Wir sind dadurch in den Stand gesetzt, für Wiesbaden und den größten Theil des Herzog- thums die Nachrichten aus Schleswig-Holstein, Preußen re. um 6—12 Stunden früher zu liefern als die Frankfurter Blätter; die Nachrichten aus dem Süden wenigstens gleichzeitig.
Wie Redaktion der Nass. Mg. Zeitung.
Uebersicht.
Die Gefechte vor Flensburg.
Deutschland. Wiesbaden (Die Gerüchte aus London). — Vom
Bödensee (Die „fremden Truppen". Struve und Hecker). — Köln
(Die Schleppschiffe). — Berlin (Geschwornengerichte für die alten Provinzen). — Posen (Polen und Deutsche. Entwaffnung). — Rendsburg (Rückzug der Truppen. Verrâtherei der Bürger in Flensburg.
Die preußische Artillerie).
Aus Tyrol. (Drohender Anmarsch italienischer Freischaaren).
Frankreich. Paris (Der National).
Donaufürstenthnmer. Belgrad (Die Türken sollen daselbst verjagt,
Fürst Bibesko abgesetzt seyn).
Sprechsaal für Stadt und Land.
Die Gefechte vor Flensburg.
Nach mündlichen Berichten einzelner vom Kriegsschauplätze zurückgekehrter Mitglieder des Studenten- und anderer Freikorps findet sich im Altonaer Merkur folgende Schilderung der Gefechte, welche zur Uebergabe der Stadt Flensburg führten, zusammengestellt. Natürlich bedürfen einzelne Punkte weiterer Bestätigung.
Am 9. früh standen unsere Truppen theils in, theils in einem ziemlich weiten Kreise nördlich um Flensburg, theils gegen die bei Holnis gelandeten Dänen bei Glücksburg. Der dänische Angriff erfolgte zunächst in der Linie um Flensburg, wo unser rechter Flügel an den Hafen bei Krusau fich lehnte, (das 5. Jägerkorps mit dem Studenten- und Kieler Turnerkorps), das Zentrum bei Bau eine feste Position hatte, der linke Flügel, welcher fast nur aus den Freiwilligen unter Bracklow und Rantzau- Rohlstorf mit einem Theile des 16. Bataillons bestand, von Harrislev gegen Walsbüll und Handewitt sich erstreckte. Diese Truppen waren alle unter dem Oberbefehl des Brigadegenerals von Krohn. Die Dänen griffen zuerst Morgens zeitig bei Bau mit überlegenen Streitkräften, namentlich starker Artillerie, an und erlitten durch günstige Stellung unserer Kanonen und heldcn- müthigen Widerstand der Unsrigen sehr große Verluste, namentlich sollen die Kartätschen unter den fühnenschen Dragonern schreckliche Verwüstung angerichtet haben. Indessen wurden die Unsrigen nach heftigem Kampfe und nicht ohne Verlust aus ihrer Stellung verdrängt. Der Chef des 16. Bataillons, Graf O. v. Baudissin, wird unter den Verwundeten genannt.
Ein neuer heftiger Kampf wartete jedoch der Dänen bei Harrisley, wo Kapitain Schmidt (welcher später selbst fiel) ihr Vordringen nach Flensburg länger aufhielt, und durch seinen heldenmüthigen Widerstand wahrscheinlich größeres Unheil von dem noch in Flensburg stehenden Theile des Heeres äbwendete. Doch auch die Reste dieses kleinen Korps wurden geworfen, und eben so soll es den Bracklow'schen Scharfschützen und einer Kompagnie des Rantzau'schen Korps nach tapferer Gegenwehr ergangen seyn, worüber man das Detail nicht kennt, weil diese die Armee bei Flensburg nicht haben erreichen können, und wahrscheinlich westwärts gezogen sind, während die Schmidt'sche Kompagnie mit einem Theile der Rantzau'schen Freiwilligen sich diesseits Flensburg den anderen Truppen wieder anschloß.
Am verderblichsten war leider der Kampf bei Krusau, wo dle Unserigen um Mittag zwischen das Feuer der im Flensburger Hafen erschienenen Kriegsschiffe und der von Norden andrängenden dänischen S ch a r fsch ü tz e n gc-
riethen. Das 5. Jägerbataillon mit den Studenten und Turnern fand, als es endlich der Uebermacht erlag, Flensburg schon von den Dänen besetzt, und so scheinen nur wenige einzelne Trupps dem Tode oder der Gefangenschaft entgangen zu seyn. Einzelne der hier Angekommenen sind aus der Gefangenschaft wieder entwischt. Die Offiziere der Jäger und Studenten sind fast alle geblieben oder verwundet; der kommandirende Major von Mlchelfen, wahrscheinlich auch verwundet und gefangen, während er jedoch nach Einigen mit einem kleinen Detaschement sich westwärts durchgeschlagen hätte. Auch sollen die Lieutenants Aller und Dachau mit einem anderen Detaschement entkommen seyn. Unter den gefallenen Studenten werden viele Namen aus angesehenen Familien genannt.
Inzwischen war am Vormittage der Prinz Oberbefehlshaber angekommen. Derselbe soll sofort die ganze Stellung der Unserigen als unhaltbar erkannt und daher um Mittag den Befehl zum allgemeinen Rückzüge, welcher nur auf dem rechten Flügel nicht mehr ausgeführt werden konnte, ertheilt haben. Dieser dürfte auch namentlich an der Seite von Holnis, wo das 4. Jägerkorps und das 14. oder 17. Jnfanteriebataillon mit einigen Kanonen und einem Theile der Freiwilligen den vordringenden Dänen Widerstand leistete, ein nothwendiger gewesen seyn. Hierüber konnte ich keine Details erfahren.
Der Rückzug selbst, welcher gestern noch nach Schleswig stattfand, soll in ziemlicher Ordnung vor sich gegangen seyn, nur waren einzelne Abtheilungen der Freiwilligen in Auflösung begriffen. Der anfängliche Plan, bei Idstedt in Angeln sich wieder festzusetzen, soll als unausführbar wieder aufgegeben seyn, und auch Schleswig, von wo man heute Nachmittag Kanonendonner gehört haben will, hat wohl keinen Haltpunkt dargeboten.
Ein näheres Urtheil lassen die angeführten Ereignisse des 9. April noch nicht zu. Gewiß ist es nach allen Nachrichten nur, daß man sich unserer Scits fast überall mit vorzüglicher Bravour geschlagen und dem Feinde empfindliche Verluste zugesügt hat, dagegen aber auch, daß fast das ganze Herzogthum Schleswig in diesem Augenblicke demselben offen steht und daß ohne Intervention der Bundestruppen die Aussichten (für den Augenblick) sehr trübe sein würden. Man spricht von vielen Einverständnissen, welche die Danen in Flensburg unterhielten und durch welche sie von allen Stellungen genaue Kenntniß hatten, während man unserer Seits über die gegnerischen Verhältnisse nicht viel gewußt zu haben scheint.
D e u t f ch l a n d.
* Wiesbaden, 14. April. Die französischen Blätter sind mit Gerüchten aus London ungefüllt, welche von blutigem Aufruhr sprechen; allein die englischen Zeitungen bringen nichts davon. Die Chartisten hatten allerdings gedroht, Piken und Barrikaden den Bajonnetten entgegenzustellen, allein wenige Worte ihres Führers O'Connor reichten hin, den Gedanken an jede Gewaltthat zu verbannen, und ihre Angelegenheit auf friedlichem Wege durch eine Petition an das Parlament abzumachen.
O'Connor hat darauf im Parlament seine Sache mit glänzendem Erfolg verfochten, und die Regierung wird sich genöthigt sehen, den Chartisten bedeutende Zugeständnisse zu machen.
Vom Bodensee, 10. April. (A. Z.) Eine Deputation sollte nach Karlsruhe gehen, um, wenn nicht die Proklamation der badischen Republik, doch die Entlassung des Markgrafen und des Ministers Bekk zu fordern. Die Bewohner des östlichen