die mechanische Arbeit lohnt und beruhigt am meisten, denn man kann sich's allemal bis auf einen verschwindend kleinen Dezimalbrucb ausrechnen, wie weit man seine Schuldigkeit erfüllte!"
Der Kanzleigehülfe schaute nieder zu dem zufriedenen alten Manne und dann ringsumher in dem stolzen Saale, dessen freie, große Räume jetzt so demüthigend eingeengt waren durch die Aktcn-Unendlichkeit des Muckersdorfer Amtes. Dort ragten noch massiv verzierte Eisenhaken aus den Steinsäulen, einst bestimmt, die Rüstungen der reichsfreien Grafen und ihrer ritterlichen Gäste zu tragen — jetzt waren ellenlange Erbrechts- Tabellen daran aufgehängt! Durch das kühngewölbte Portal ging nur noch der Amtmann ein, der Pedell und — wenn's hoch kam der Kanzleigehülfe. Und doch bäuchte ihm dieser kleine Amtmann bencidenswerth, war er doch Alleinherrscher in dem großen Muckersdorfer Aktenreiche, in welchem für ihn die Sonne nicht unterging!
„Ich hätte nimmer gedacht, so tiefe Poesie in dem verrufenen Amthause zu finden!" sprach der Kanzleigehülfe zu sich selber.
Der Kanzleigehülfe? ist es nicht seltsam, daß ein Kanzleigehülfe also spricht?
Z w e i t e s K a p i t c l.
Der Flecken Reichenborn ist nur zwei redliche Wegstunden von Muckersdorf entfernt, aber zwischen beiden Orten geht ein hoher Bergzug her, die Fluß- und Wetterscheide für das ganze Land, und mächtige Waldungen lagern sich zwischen der Feldmark der beiden Gemeinden; obendrein gehört der Flecken schon nicht mehr in's Muckersdorfer Amt; daher kommt es, daß gar- selten ein Mann aus dem einen Ort den andern besucht. Vielleicht mag auch ein uralter Haß, der seit undenklichen Zeiten zwischen den Bewohnern der Amtsstadt und des Fleckens erblich ist — kein Mensch weiß, worauf er sich eigentlich gründet — zu solcher Absperrung das Seine beitragen.
Reichenborn liegt am Flusse, hat flaches Land und viel Ackerbau, Muckersdorf steckt schon tiefer in den Bergen d'rein und kann fast nur Waldung in sein Flurbuch verzeichnen. Die Reichenborner nennen daher seit Ururgroßvaters Tagen einen jeden Insassen des Amtsstädtchens im Walde einen „Muckersdorfer Kukuk", und die Kukuke geben cs zurück, indem sie ihre bösen Nachbarn am Flusse die „Reichenborner Naßkittel" heißen. Schon auf mancher Kirmes, wo sich ein Kukuk zu den Naßkitteln, oder ein Naßkittel zu den Kukuks wagte, hat es blutige Prügel gesetzt über diese historischen Ehrentitel. Wollen aber die Muckersdorfer den Reichenborner« einen rechten Trumpf d'rauf setzen, dann halten sie ihnen in einem Spottvers den großen Gelberüben-Bau vor, den die Naßkittel von jeher auf ihren fetten Feldern betrieben haben. Sie trinken gebrannte Möhren statt des Kaffees, mischen Möhrensaft unter ihren Obstmost, kochen Latwerge aus den Möhren und essen
sie unter allen Gestalten. Wenn man einen altrömischen Se- I nator am Bart zupfte, konnte man ihm keinen größeren Schimpf anthun, als den Reichenborner», wenn man ihnen das „Möhrenlied" vorsingt. Es lautet
„Wir esse' Möhren
Und trinke' Möhren
Und Han auch Möhren
Auf's Brod zu feineren
Und könne' nnS gar der Möhren Nit erwehren !"
--Im Garten des Hirschwirths zu Reichenborn war heute Morgen eine große Bauernversammlung. Es sollte eine Versteigerung abgehalten werden. Des Bürgermeisters neuer Schreiber, Herr Strauch, war schon da, aber der Bürgermeister selber bleibt gar lange aus. Da spricht ein kleiner, blond- hariger Bursche — Man nennt ihn im Orte nur das ge- scheidte Niklaschen — „es wird noch eine geschlagene halbe Stunde währen bis der Bürgermeister kommt^ Ikttd hier neben ist die Kegelbahn. Wer hilft eine halbe Maaß Apfelwein herauskegeln?"
(Fortsetzung folgt.)
O Eine kleine Probe ans der jüngsten wissenschaftlichen Kritik^ —-
Nicht jeder Kritiker hat Lessing'schen Geist und Leffing'sche Wahrheits- und Gerechtigkeitsliebe, um Freund wië^Feind, ohne Unterschied der Person, mit gleich cdelm Muthe zu beurtheilen, zu schätzen oder zu tadeln, je nachdem cs der Gegenstand mit sich bringt.
Keine kritische Verhandlung darf aber auf den Tummelplatz der Leidenschaft kommen, und aus Neid, Bitterkeit, Eifersucht u. trgL entspringen, sondern muß mit Ruhe und Klarheit des Geistes vom reinen Standpunkt der Wissenschaft und Kunst aus sich entwickeln, will anders die Kritik sich nicht selbst aufgeben und in gemeine Schimpferei ausarten, Min' wenn die Kritik in grundlosen persönlichen Verdächtigungen und losen Schimpfworten bestünde: so wären wohl die Sachsenhnuser Höckerinnen und ihre anderwärts wohnenden Standesgenossen die größten Kritiker.
Das Buch: „Literarische Charakteristiken uiw Kritiken von Konrad Schwenk; Frankfurt a. M., I. D. Sauerländers Verlag 1847", kennt nur höchstes, unantastbares, übertriebenes Lob und ungerechten, abgeschmackten Tadel, gleichviel ob Letzterer aus Unkenntniß der Sache oder aus Aerger gegen die Personen entstanden ist. Nur Ertreme der Beurtheilung finden sich daselbst zusammengestellt, aber die rechte und gerechte richtige Mitte fehlt. Was hat nun die Literatur durch diese Arbeit gewonnen, die den „genialen Klinger" mehr hervorgeholt wissen will, und A. Grün, R. Lenau, Geibel, Freiligrath, Hoffmann von Fallersleben, Zedlitz und Andere in die