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Nassauische

Mgemcim Zeitung.

â 13» Donnerstag den 13 April 18â8.

Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden 2 fl., wozu bei auswärtigen Postämtern noch der Postansschlag kommt. Inserate werden die dreispaltige Pelitzeile oder deren Raum mit 3 fr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebe r s i ch t.

Wer regiert jetzt in den deutsche» Ländern?

Reform oder Revolution?

Deutschland. Wiesbaden (Proklamation des Herzogs. Verein der

1 Frauen und Jungfrauen zum Schutz der einheimischen Gewerbe. V o m

l Main (Das erledigte Portefeuille). We ilbu rg (Die Staatsdiener). Darmstadt (Die Republikaner). Göttingen (Die Studenten). Berlin (Telegraphische Depesche über den Wahlmodus. Blinder Lärm). Posen (Einschließung von Stadt und Festung). Rends- b n r g (Dänische Auslegung der preußischen Hülfe. Tondern von den Dänen geräumt. Das Aufbringen schleSwig-holsteiu'scher Schiffe). Schles- w i g (Stellung und Stärke der kriegführenden Parteien). H a m - bürg (Kaperei der Dänen). Wien (Die Ligorianer müssen die Stadt verlassen). Prag (Erzherzog Franz Joseph Statthalter von Böhmen.)

Sprechsaal für Stadt und Land.

schuhen stecken. Eine Regierung ist in jedem Staate nöthig, in der Republik, wie in der Monarchie. Za, je freier eine Staats­verfassung ist, um so stärker muß die Regierung seyn, und die Republik erfordert geradezu die aller stärkste.

Schließt die gegenwärtige nassauische Regierung noch Theile in sich, welche das öffentliche Vertrauen nicht besitzen, dann möge sich die öffentliche Stimme einmüthig erheben und in klaren Worten Reinigung fordern. Ist aber die Regierung gut zusam­mengesetzt, wohlan, so wollen wir ihr auch Vertrauen schenken! Wir wollen keine schwache Regierung, sondern eine starke, denn wir wollen ein freier Staat seyn und bleiben. Und wenn die Regierung glaubt, in solch schwankender Zeit dürfe sie nicht entschieden austreten, dann muß das Volk sagen: Wir wollen Alle zusammenstehen und die Regierung stark machen, sofern und so lange sie unser Vertrauen rechtfertigt.

Es könnte ein furchtbares Unheil für das Land werden, wenn man noch lange fragen müßte: Wer regiert denn eigent­lich im Lande?

* Wer regiert jetzt in den deutschen Ländern?

t Reform oder Revolution?

Diese naive Frage zu beantworten, ist ein großes Kunststück.

Regiert etwa das Volk? Nein! Denn seine alten Vertreter sind meist aufgelöst, die neuen noch nicht gewählt.

Regieren die neugeschaffenen Ministerien und Regierungen? Nein! Sie sehen blos zu, sie lassen geschehen, denn sie wissen noch nicht, welches die Vollmacht ihres Handelns ist. Regiert etwa der provisorische Ausschuß in Frankfurt, oder die siebzehn Männer des Vertrauens am Bundestage? Nein! und mit Recht nein, denn wenn sie es thäten, dann wäre dies eine Usurpation, gefährlicher noch, als wenn die Vorversammlung zum deutschen Par- lmneut sich für permanent erklärt hätte.

Ganz Deutschland ist ein ungeheures Proviso­rium, und wenn wir's recht erwägen, dann haben wir nicht blos im ganzen Gesammtvaterlande, nein in jedem einzelnen Lande und Ländchen hundert und eine provisorische Regierung.

Da sind öffentliche Behörden, die ein Stückchen regieren, Minister, die manchmal einen scheuen Versuch wagen, Sicher­heitsausschüsse, Bürgergarden, Klubbs und Vereine, Volkversamm­lungen, einzelne Volksagitatoren Alles regiert ein bischen, durcheinander, übereinander, nebeneinander, die Kreuz und Quer, wie es gerade kommt; und doch regiert eigentlich Niemand.

Es ist ein großes Zeugniß für die tiefe Sittlichkeit, welche im innersten Wesen des deutschen Volkes sitzt, daß bei diesen Verhältnissen noch ein Rechtszustand sich erhalten hat, daß nicht längst schon Alles drunter und drüber gegangen ist.

Aber wenn ein Land stark seyn soll, dann muß es auch eine starke Regierung haben.

Von dem Polizeistaate her steckt Vielen noch ein abergläu­bischer Schrecken vor dem WortRegierung^ in den Gliedern, ste meinen gegen jede Regierung müsse man opponiren, je6e Regierung müsse man schwächen, darum, weil sie Regierung scy. Und als man neuerdings Männer des öffentlichen Ver­trauens in die Regierungen berief, wurden diese sofort Männer des öffentlichen Mißtrauens, einzig darum, weil sie nun in der Oiegierung saßen. Darin liegt eine unglaubliche Verblendung, die recht deutlich zeigt, wie tief wir noch in den politischen Kinder­

Zn Zeiten einer allgemeinen Bewegung und Erschütterung aller Lebensverhältnisse ist es besonders wichtig, einen festen Standpunkt zu gewinnen, von welchem aus man die Bewegung zu beurtheilen und dann auch thätig in dieselbe einzugreifen ver­mag. Dieser Standpunkt wird wesentlich abhängen von der Beantwortung der Frage: Sind wir Deutsche gegenwärtig in einer Zeit der Revolution, d. h. der Zertrümmerung der alten Form unseres StaatSlebcns behufs eines Niubaues der- selben, oder sind wir in einer Zeit der Reform, d. h. einer gründlichen Umbildung unserer bisherigen Staatsform gemäß dem ihr zu Grunde liegenden Urbilde?

Dem gewaltigen Gange der Ereignisse gegenüber erscheint es fast lächerlich, das Letztere zu behaupten, und doch sind die Gründe dafür unseres Erachtens so überwiegend, daß wir die revolutionären Strebungen, welche offenbar neben den reforma­torischen Herlaufen , nur gering anzuschlagen vermögen. Eine konstitutionelle Monarchie mit allen ihren Folgerungen, Gerech­tigkeit gegen alle Klassen des Volkes, die alle gleichermaßen ihr Blut für das Vaterland vergossen hatten, kräftige Wiederherstel­lung der Einheit dieses großen Vaterlandes, war das nicht das Ziel aller wahren Vaterlandsfreunde in und nach den Freiheits­kriegen ? Und die ganze nationale Erhebung der Freiheitskriege, war sie denn etwas Anderes, als ein Bruch mit den bisherigen Verhältnissen und Gesinnungen namens und kraft des obersten Gesetzgebers und Richters aller StaatS- und RechtSeinrichtungen, des BolkSgcistes selber, des nämlichen Volksgeistes, der schon tausend Jahre früher unter einem der kräftigsten Alleinherrscher aller Zeiten, unter Karl dem Großen, den Grundsatz aufrecht erhalten und durch den Mund des großen Kaisers in dessen Ge­setzen und Verordnungen gar oft verkündet hatte:Ein Gesetz entsteht durch Zustimmung des Volkes zur Aufstellung des Königs."

Freilich war seit Einführung des Lehenswesens der Volks- geist in schwerfällige Formen gebannt und einer harten Zucht unterworfen worden ; er hatte zwar trotzdem die herrlichsten Blüthen getrieben, war aber endlich den nieverdrückenden Ge­walten gewichen und hatte sich fast ganz vom öffentlichen Leben entfernt und aus andere Gebiete zurückgezogen; namentlich war