Beiblätter
jur Nassauischen Allgemeinen Leitung
für Literatur, Kunst und gemeinnützige Interessen.
J^ 12
Mittwoch den 12. April
1848.
EU
* Der Schreiberkönig
Ein politischer Roman ans den letzten Tagen deS Polizeistaates, von W. H. Riehl.
Erstes Kapitel.
„Pensionirt!" seufzte der Amtmann Fürchtegott Stöpselius, als er gefolgt von seinem neuen Kanzleigehülfen in das Familienzimmer trat---„pensionirt! " —
„Heiliger Gott! was soll das heißen?" schrie die Frau Amtmännin starr vor Schrecken.
„Pen—sio—nirt! " wiederholte der Amtmann.
„Mutter, nimm die Pistolen weg, die über des Vaters Bett hängen!" flüsterte Fräulein Susette, die einzige Tochter.
„Laßt sie nur hängen," beruhigte der Amtmann; „sie sind schon seit zwanzig Jahren ganz verrostet. Und meint Ihr, ein Staatsdiener dächte gleich an's Erschießen? Wer hat Euch denn gesagt, daß ich pensionirt sey? Das verhüt' der liebe Herrgott! Ihr Gänse, der Rentmeister ist pensionirt, pensionirt mit halbem Gehalt! "
„O mein Fürchtegott, welche Angst hast Du mir eingejagt !"
„Laßt's Euch zur Warnung geschehen seyn, Kinder, oder vielmehr Sie, Herr Kanzleigehülfe. Heb' immer Treu' und Redlichkeit! — Susette — die Pantoffeln und den Schlafrock ! — Der Rentmeister schrieb jezuweilen in Zeitungen; was er geschrieben — ich hab's nicht gelesen — ich lese nur das Fahndungsblatt. Genug, er hat —geschrieben! Da kam die Regierung und schrieb auch, und was die schreibt, das weiß ich: sie hat geschrieben — pensionirt mit halbem Gehalt!"
Der Amtmann machte sich's bequem. Er durfte sich jetzt wohl einiges Behagen gönnen. Den ganzen langen Tag hatte er im staatsdienerlichen Frack bei den Akten gesessen, darum schlüpfte er nun in den dick wattirten Schlafrock, um — weiter zu sitzen. Der kurze, runde Mann mit den ganz kurzen Beinchen nahm sich im Schlafrock wo möglich noch kürzer und runder aus als im Frack. Wenn er manchmal vor den Spiegel trat und sich die Haare über der Stirn in die Höhe strich,
sprach er zu sich selbst: Das ist die Jupiterslocke, wie sie einem höheren Beamten ziemt! Und wenn er dann das tief durchfurchte Gesicht anschaute, dessen Runzeln und Falten in sehr lesbarer Hieroglyphik von so viel tausend staatsdienstlichen Mühe- und Angststundkn erzählten, dann sprach er wohl auch: Dein gelbes Gesicht ist nicht mehr schön, Stöpselius, aber wenn es gleich mit jedem Tage häßlicher würde, so wird es doch auch täglich — standesmâßiger.
Der Kanzleigehülfe unterhielt sich mit Fräulein Sufette, oder richtiger, sie unterhielt sich mit ihm. „Helfen Sie mir mit Ihrem Urtheile , Herr Baum, sprach die etwas magere dreißigjährige Schönheit und schlang einen Kranz von weißen Rosen kokett in ihre Locken — „wie steht mir das weiße Gewinde zu Gesicht? Denken Sie, ich sitze im Ballsaale — nun! Ihr Urtheil ? Wie sehe ich aus?"
Der Kanzleigehülfe sprach wie im Traume: — „Pen- —sio—nirt! "
„Der gute Mensch!" flüsterte die Frau Amtmännin. „Er kann sich des gewaltigen Eindrucks nicht wieder erwehren, den meines Fürchtegotts Lehre bei ihm zurückgelassen! Ein höchst solider Mann, Susette, der noch fühlt, was für ein ganzes Strafgericht in dem einzigen Worte liegt — pensionirt!"
O hättet Ihr gewußt, mit welch boshaften Gedanken der Kanzleigehülfe das Wort ausgesprochen!
„Jch will Ihnen nun das ganze Amthaus zeigen," sprach ju ihm der Amtmann in würdevollem Ernst. „Folgen Sie mir, Herr Kanzleigehülfe. Sie sind mir sehr gut empfohlen. Nicht Jeden führe ich zu den Heiligthümern meines kleinen Aktenreiches."
Das Amthaus zu Muckersdorf war wirklich sehenswerth. Es lag am obersten Ende der Stadt auf mäßiger Anhöhe; bis tief in's siebzehnte Jahrhundert hinein als Stammschloß der Reichsgrafen von Muckersdorf von diesem alten Geschlechte bewohnt, wurde es nach deren Erlöschen zuerst in einen herrschaftlichen Fruchtboden, dann nacheinander in eine Kellerei, ein Rentamt und zuletzt in's Amthaus verwandelt. Die zwei stattllchen Thürme , welche zu Seiten der Hauptfront ehedem