schauer ist, wie man weiß, in unserm Lande vielleicht weiter verbreitet, als verhältnismäßig in irgend einem andern. Namentlich wird er vom Bürgerstande stark gelesen. Als die Schreibcrherrschaft und der Polizeistaat bei uns obenauf war, als man nirgeneS ein offenes und scharfes Wort über nassauische Zustände schreiben durfte, da war cs recht heilsam, daß der Zuschauer einmal beißende, verneinende Artikel in's Land brachte. Das Volk mußte einmal aufgerüttelt werden. Jetzt aber braucht man sich nicht mehr nach Mannheim zu flüchten, um die nackte Wahrheit zu sagen. Die nöthige Aufregung und Bewegung erzeugt sich auch im Lande, und wer aus der Verbreitung des republikanischen Zuschauers auf große republikanische Sympathien in Nassau schließen wollte, der wäre sehr im Irrthum. Die Preßfreiheit ist der größte Feind der Mannheimer Blätter, wie des Struve'schen Systems geworden. Das Lockende einer verbotenen Frucht gewinnt der äußersten Richtung keine Anhänger mehr. Darum haben sie auch in freien Staaten, wie Nordamerika und England, keinen so gewaltigen, wenn auch halb versteckten Anhang, wie bisher in Deutschland.
Ich habe Struve nur Einmal gesehen, aber in einem entscheidenden Augenblick — den Agitator Struve. Es war in jener denkwürdigen Sitzung der badischen Kammer, wo das Volk seine Forderungen vor die Minister brachte. Noch war in andern deutschen Ländern kein ähnlicher Schritt geschehen, noch galt eS, den Anfang zu machen. Die Gallerien des Ständesaales, die Hofräume waren von einer wogenden Menschenmaffe, Kopf an Kopf, erfüllt. Da drang der Strom auch, dem parlamentischen Gesetze zum Trotze, fast gewaltsam durch die Thüren ein in das Innere des Saales, Struve voran, im schlichten grauen Oberrock, den Stock in der Hand und den grauen Jägerhut, eine starke, breitschulterige Gestalt, in gravitätischer Stellung, als im Bewußtseyn eines großen historischen Moments. Die Minister wollten sich von ihren Platzen entfernen, denn durch das Eindringen der Masse war die Freiheit der Versammlung beeinträchtigt. Auch in den freiesten Staaten, auch in Nordamerika ist dergleichen nicht gestattet. Mittermaier umfaßte den Staatsrath Bekk, beschwor ihn und führte ihn fast mit Gewalt zu seinem Stuhle zurück. Struve überreichte die große Rolle der Volksforderungen seinem Freunde Hecker. Dann begab er sich in den Hof des Ständehauses zurück und theilte der dort versammelten Menge die Ergebnisse der einzelnen Verhandlungen im Innern des Saales mit, die wie durch eine telegraphische Linie durch die in den Gängen zusammengedrângten Leute weitergesprochen wurden.
Dies war Struve, der Volksagitator. Seine Erscheinung in jenem für ganz Deutschland entscheidenden Augenblick hat einen fast dämonischen Eindruck auf mich gemacht.
Der Trödler*). §
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In Koburg, der herzoglich sächsischen Residenzstadt, wurde t vor mehreren Jahren ein guter Baum gepflanzt, der seitdem I immer tiefere Wurzeln geschlagen und erfreuliche Früchte man- * cherlei Art, zum Theil ganz unvorhergesehene und unerwartete, getragen hat. Er gleicht dem Baume in meines Vaters j Garten, der an dem einen Arme schnell reisende und vorüber- j gehende Sommerbirnen trug, während die Früchte an dem 6 anderen Aste langsam reiften und sich lange hielten. z
Dieser Baum, den ich meine, ist der Kunst-, Industrie- (
und Gewerbeverein, und in den gedruckten Berichten, die er f an seinem zwölften und dreizehnten Stiftungsfeste ausgab, i hat er einige seiner Früchte auch für das Ausland zur Schau ( hingestellt. Da sehen wir einen Sparofcn, durch welchen mit z zehn Pfund weichen Holzes in einem Raum von 2800 Qua- z dratfuß und binnen einer Stunde die Wärme von sechs auf s sieben Grade und unter gewissen Umstanden noch schneller I und höher gesteigert werden kann. Da finden wir einen run- s den Männerhut, der durch einen ganz einfachen Mechanismus l die besonders für Reisende so angenehme Einrichtung erhal- - ten hat, daß man ihn in dem einen Augenblick aus einem l kaum zwei Zoll hohen Futteral nehmen, und in dem andern s ganz unverkrüppelt aufsetzen kann, als wäre er erst von < der Form und aus den Händen seines Meisters gekommen, i Da bemerken wir einen elastischen Hornkamm, derbei einem l schönen Aussehen nicht zerbricht, wenn man auch daranff'tri^ i und nach solchen und ähnlichen Probedrücken immer der- I selbe bleibt wie Salomonö Narr, wenn er auch in den Mörser s geworfen und mit dem Stempel zerstoßen wird wie Grütze. s
Doch diese Früchte, so viel Ehre sie auch ihren Zweigen < machen, sind nicht viel bleibender, als es die Sommerbirnen waren, die auf meines Vaters Baume wuchsen, und ich führe ' daher meine freundlichen Leser um so schneller zu zwei andern, t welche den mechanischen Hut und den unzerbrechlichen Kamm eben so weit dahinten lassen, als die Kokusnuß ihre kleine ■ Base an der Haselstaude. Kl
In der Vereinsversammlung vom 15. Januar 1838 trat 1 der biedere Gerbermeister Adam Dietz auf und sprach: „Mit Gunst! Hochgeehrteste Herren! Wenn sich der Tag mit seinen Arbeiten, Mühen und Sorgen geneigt hat und es ist Feierabend geworden, dann eilt beinahe jeder in unserem lieben Koburg der gesellschaftlichen Unterhaltung zu, und findet sie in dem Gespräche mit seinem Mitbürger, bis er zur gewohnten Stunde nach Hause eilt, um sich durch die nächtliche Ruhe auf's Neue zur morgenden Arbeit zu stärken. Diese Abende sind gewiß eine wahre Würze unseres Lebens, und unter ihnen stehen gewiß die, welche wir in unserem Vereine verleben, mit obenan. Mit Vergnügen erinnert man sich oft die ganze
*) Aus den Erzählungen von Karl Stüber. Dresden 1843.