Nassauische
Allgemeine Zeitung.
J^ LV Montag den LV April L8L8.
Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. — Der vierteljährige PränumerationSpreis ist in Wiesbaden 2 fl., wozu bei auswärtigen Postämtern noch der Postaufschlag kommt. — Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.
Uebersicht.
Eine französische Warnungsstimme für Deutschland.
Au die Frauen Wiesbadens.
Für SchleswichHolftei».
Deutschland. Wiesbaden (Die Parteien. Die Frage der Zehntablösung). — Wehen (Gesetzlosigkeit, Reinigung der unteren Beamtenstellen). — AuS d eni Rhein gan (Der allgemeine Kredit und die Weinproduzenten). — Dresden (Amnestie für alle politische Verbrecher). — Leipzig (Unruhen in Waldenburg). — Berlin (Truppensendungen. Zahlungseinstellung). — Aus Preußen (Preußen und Rußland).— Königsberg (Dänische Kriegsschiffe vor Pillau). Tilsit (Die Gerüchte über russische Truppenbewegungen). — Hamburg (Empfaug der preußischen Truppen). — Rendsburg (Kriegsvperationcn). — Aus Holstein (Die Pfarrer gegen die deutsche Sache. Die Turner und Studenten). — Wien (Das Preßgesetz. Neue Minister).
stellt freies). Paris (Die Tuilerien. Vermischtes). — St. Omer (Royalistische Umtriebe).
Italien. Bülletin aus Mailand. — Rom (Die Jesuiten vertrieben). Sprechsaal für Stadt und Land.
* Eine französische Warnungsstimme für Deutschland.
Die Franzosen nehmen seit den neuesten Ereignissen, wie bekannt, den lebhaftesten Antheil an unsern deutschen Zuständen. In demselben Maße scheint sich dann aber auch ihre sonst so mangelhafte Kenntniß Deutschlands zu vervollständigen, und während wir sonst die französischen Zeitungsberichte über die Heimath mehr von der Seite des Humors über fremde Unwissenheit ausahen, können wir jetzt schon Manches aus denselben lernen.
Einen solchen Artikel, der uns wie zur Lehre und Warnung geschrieben scheint, enthält die neueste Nummer des Siecle. Dort lesen wir: „Der Bundestag ist vernichtet und die öffentliche Macht ist in den einzelnen Staaten gleich null; die größte Verwirrung herrscht überall, man zerstört morgen, was man heute Abend gebaut hat, und wenn das deutsche Parlament, dessen baldiges Zusammentreten man hofft, nicht mit Entschiedenheit das Ruder ergreift, dann wird es ein erschreckliches Chaos geben ---" Die Ereignisse schreiten mit solcher Schnelligkeit vor, daß alle Voraussagungen unmöglich sind, oder alle möglich. Für den Augenblick aber ist es wichtig zu wissen, daß Deutschland von allen Seiten offen steht. Es gibt dort keine Autorität mehr, stark genug, um sich Achtung zu verschaffen; das Volk allein ist Herr und bewaffnet sich, und wenn ein Zusammenstoß mit dem Norden drohte, dann würden die Franzosen als Verbündete mit offenen Armen ausgenommen werden. Hier also hat man die aufrichtige Verwirklichung dieser deutschen Allianz, über welche man vor einem Monat noch so sehr lachte; sie ist gefestigt durch das gemeinsame Interesse. Man wußte wohl, daß die beiden Nachbarvölker sich endlich verstehen würden, wenn die reaktionären Negierungen einmal gestürzt seyen."
Wenn man in Paris bereits eine so gründliche Einsicht hat in unsere „gemüthliche Anarchie" und so schlaue Folgerungen daran knüpft, wäre cs da nicht Zeit, daß wir selber auch einmal zur Einsicht über die Verwirrung kämen?
* An die Frauen Wiesbadens.
Unsere Gewcrbleute sind hart.gedrückt von der schweren Noth der Zeit; die deutschen im Allgemeiuen und die Wiesbadener insbesondere. Wir müssen und wollen ihnen helfen. _ Wir Männer können das aber kaum in dem Maße wie die Frauen. Die Frauen kaufen ein für das Haus, cs sind das oft nur kleine Einkäufe, aber zählt man sie alle zusammen, dann ist Schutz und Förderung des vaterländischen Gewerbes zum größten Theil in die Hände der Frauen gegeben.
Darum möchten wir die Wiesbadener Hausfrauen bitten, gerade jetzt ihren patriotischen, Sinn, um deßwillen ja die deutschen Frauen zu allen Zeiten so hoch gepriesen wurden,^ walten zu lassen, und nur deutsches Gewebe, nur deutsche Stoffe, überhaupt nur deutsche Industrie-erzeugnisse zu kaufen, so weit dies der Natur der Sache nach möglich ist, ferner ihre Einkäufe nur bei hiesigen Häusern zu machen; ihre Bestellungen nur hiesigen Handwerksleuten zu geben. Es liegt darin keine spießbürgerliche Engherzigkeit; denn heutzutage hat jede Gemeinde für |td) alle Hände voll zu thun, wenn sie sich selbst helfen will. Sollen wir jetzt noch in Frankfurt, in Mainz unsre Einkäufe machen, um des blosen Aberglaubens willen, daß dort Alles besser sey, während der Wiesbadner Geschäftsmann darbt?
Zn Stuttgart und Karlsruhe sind die Frauen zusammengr- treten und haben erklärt, fortan, wo es angehe, nur einheimisches Erzeugniß kaufen zu wollen. Sie haben dann ans sich einen Ausschuß erwählt, an welchen sich diejenigen Kaufleute wenden sollen, welche deutsches Fabrikat führen.
Im ersten Augenblick wird nun freilich fast jeder Kaufmann hergehen und alle seine Waaren, gleichviel woher sie stammen, für deutsches Fabrikat erklären. Allein der moralische Eindruck ist der wichtigste. Der deutsche Produzent bekommt wieder Muth , der hiesige Gewerbsmaun spannt seine Kräfte aufs Neue an, und außerdem handelt sichs um eine patriotische Ehrensache.
Gewiß die edlen Frauen Wiesbadens werden nicht minder thatkräftig wirken wollen für das materielle Wohl des Vaterlandes und der Vaterstadt, als die Frauen anderer deutscher Städte!
* Für Schleswig-Holstein!
Als vor zwei Jahren Adressen ans allen Städten Deutschlands nach Schleswig-Holstein abgingen, da wurde in den Zeitungen Klage geführt, daß Wiesbaden, ich weiß nicht mehr, ob zu spät oder überhaupt gar nicht, an dieser nationalen'Kund- gebung Theil genommen habe.
Adressen machen ist eine leichte Arbeit, und eine versäumte Adresse fällt just nicht schwer in's Gewicht.
Zur That schreiten ist eine schwereres Ding, und wenn wir hier säumen oder gar ganz zurückstehen, dann wird dies gar schwer wiegen.
In Schleswig-Holstein steht es nicht zum Besten. Es fehlt an Geld, es fehlt an Mannschaft. Und nun kommen gar die Kabinette und legen sich in's Mittel; hier wo es sich blos um eine Sache des Volksthums handelt. Bei den auswärtigen Kabinetten , aber ist das deutsche Volksthum sein Leben lang noch nicht gut weggekommen.