und muß sich allmählich mehr dem Meere zuwenden, darauf scheint Alles hinzudeuten. Bis jetzt freilich sehen wir nur deutsche Auswanderer auf meist fremden Schiffen den Ozean befahren, um nicht — wiederzukehren; das ist aber noch kein Verkehr, der ja ein Gehen und Wiederkommen verlangt. Allein auch darin läßt sich, so schmerzlich- es uns auch berühren mag, für die ganze Menschheit nur etwas Wohlthätiges erkennen; denn wer sollte nicht wünschen, daß deutsche Sitte, ja deutsche Bildung überall hinzutragen, überhaupt die allgemeine werden möchte? Für die Völker, die sich nicht direkt am Ozean betheiligen können, gibt es aber auch einen Trost. Mit dem Ozcan ist nämlich noch nicht das höchste und letzte Verkehrsmittel gegeben. Er ist sogar als solches noch unvollkommen; er strömt nur bis an die Küsten der Länder; dort wird seine Kraft gebrochen, und er muß zurück oder um sie herum. Seine Wege müssen durch Landwege fortgesetzt und ergänzt werden. Allein bewegt sich nicht um die Erde frei und ungehindert über Land und Meer ein anderes Element, die Luft? Und sind nicht alle Anzeichen vorhanden, daß der Mensch auch diese in seinen Dienst bringen und als Verkehrsmittel benutzen werde? Welche Aussichten eröffnen sich bei diesem Gedanken! Mag die Luft auch nicht zum Transport schwerer Lasten geeignet seyn : Gedanken, auf der Wage der Körper nicht schwer wiegend, wird sie doch tragen können und somit auch noch in einem andern als dem physikalischen Sinne Lebenselement werden. Möglich, daß wir Deutschen dann auch zur Geltung kommen; denn nach einem Ausspruche Jean Paul's gehört den Franzosen die Erde, den Britten das Wasser, den Deutschen die Luft; aber wir dürften leicht auch hier wieder zu spät kommen. Wenigstens ist es jedenfalls nicht ohne Bedeutung, daß gerade die Nation, welche in unsern Tagen den Ozean beherrscht, bis jetzt auch die meisten Versuche mit der Luftschifffahrt macht, und es steht darum zu sürchten, daß sie einst Andern nicht mehr Luft als jetzt Seewasser überläßt, d. h. so viel als ihr gut dünkt.
Mit der völligen Beherrschung des Ozeans, mit der Dienst- barmachung der Luft, um sie als Verkehrsmittel und namentlich zum Austausche der Ideen zu gebrauchen, wird auch die Unterwerfung der übrigen Kräfte unseres Erdkörpers allmählich erreicht werden, und es wird sich erfüllen, was geschrieben steht, „daß der Mensch herrsche über die ganze Erde." Die Erde wird sich dann zur ganzen Menschheit verhalten, wie der Körper zum Geist, d. h. wie bei einem wahrhaft gesunden Menschen dem Geiste vollkommen unterworfen, dienstbar seyn. Die Menschen werden auf der großen, zum bequemen Wohnsitze gestalteten Erde eine große in Liebe vereinigte Familie bilden. Die durch geographische Verhältnisse bedingten Nationalitäten der Völker können und werden fortdauern; und wenn die nationalen Verschiedenheiten in unsrer Zeit wieder stärker als je hervortraten, so läßt sich auch darin eher
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eine Annäherung zu der großen Vereinigung der Menschheit, als eine Entfernung von diesem Ziele erkennen. Denn wie ein mehrstimmiger Gesang nur dann zu einer reinen Harmonie wird, tvenn die einzelnen Stimmen möglichst scharf und rein ausgebildet sind, so werden auch die rein ausgebildeten Stimmen der einzelnen Völker der Erde sich zu der vollkommensten Harmonie verschmelzen. Die Menschheit wird ein Reich bilden, wie es der Dichter schildert:*)
„Ein Reich, um welches sie noch heute
Von Thränen und von Blute trieft;
Doch dessen Throne nach dem Streite
Ein inneres Ahnen ihr verbrieft!
Ein Reich, von dem ich oft gestammelt,
Und es gesehen auch im Traum:
Die Völker hatten sich versammelt
Um einen einzigen Lebensbaum.
Da war kein Schalten und kein Toben
Und keiner eitlen Rede Brunst;
Ich sah ein Band, das war gewoben
Ans Glaube, Freiheit, Wissen, Kunst.
Sie brachten Alle, was sie hatten,
Voll Eintracht Einen Weihaltar;
Wie Brüder sah ich auf den Matten
Gelagert diese große Schaar.
Und wie die Taube über Lämmern
Sich wiegt in Lüften, also schier
Sah milde durch der Zeiten Dämmern
Die Lieb' ich schweben über ihr.
DaS ist das Reich, nach dem wir streben;
Und ist auch unser Häuffein schwach:
Wir haben Kämpfer vor und neben,
Und immer neue wachsen nach!
Die ganze Menschheit Eine Heerde —
O, nur gerungen und geglaubt!
Es frommt ihr jede Handbreit Erde,
Die der Gemeinheit wir geraubt!"
*) Kapp, a. a. O. Schluß der Einleitung. D. V.
Miszellen.
Wien, 2. April Nachmittags 2 Uhr. (A. 3.) Soeben hat der Kaiser die Kaiserin zu seiner Seite, unter unermeßlichem Volksjnbel, das deutsche Panier eigenhändig auf dem Deutschland zugekehrten Balkon der Hofburg aufgepflanzt. Voran ging, vom Männergesangverein angestiinmt, Arndts „Was ist des Deutschen Vaterland." Die Studentenlegion und ein Theil der Nationalgarde paradirten.
— In der „Aufforderung zur Neubegründung der Rheinischen Zeitung" (Beil. zu No. 98 der Kölnischen Zeitung) wird als Zweck angegeben, auch der gemüthlichen Anarchie, in der wir uns gegenwärtig befinden, entgegenzuarbcitcn. Wir danken für eine solche Gemüthlichkeit!
Theater zu Wiesbaden.
Sonntag, den !). April. (Zum ersten Male.) Die Karlsschüler, Schauspiel in 5 Akten von Laube.
der L. Schellend er g'schen Hof-Buchhandlung in Wiesbaden.