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Beiblätter

.;ur Nassauischen Allgemeinen Leitung

für Literatur, Kunst und gemeinnützige Interessen.

IN 9. Sonntag den 9. April 1828.

* Oeffentliebe Charaktere.

I. Mittermaier.

Mittermaier ist eine zwiegetheilte Natur: ein Mann des Lebens und ein Mann der Bücher. Zuerst gehörte er der Ge­lehrsamkeit an; nachgehends erst trat er in einen öffentlichen, in^eincn staatsmännischen Wirkungskreis. Der Ernst und die Gründlichkeit seiner früheren Studien hat ihn fest und streng gemacht, hat seiner ganzen Persönlichkeit eine imponirende Haltung gegeben.

Seht Euch den Mann an, wie er in der badischen Kam­mer auf dem Präsidentenstuhle sitzt; wie er in der Frankfurter Paulskirche den Vorsitz führte; er ist, wie kaum ein Zweiter, fähig, die widerstreitenden Kräfte einer bewegten politischen Versammlung zu zügeln, und das ganze schwanke Gebäude der parlamentarischen Diskussion sogleich in'ö Blei und Win- fetmaTlu legen.

Die Fülle der weißen Locken strebt pyramidalisch hoch hin­auf über der starken Stirn, die Augen scharf und durchdrin­gend, die Nasenwurzel zwischen den Augen sehr tief eingesenkt, was dem ganzen Gesicht einen eigenthümlichen Ausdruck gibt. Aber Mittermaier muß sitzen, auf dem Präsidentenstuhle sitzen, wenn er imponireu soll. Steht er aufrecht, so macht er den gleichen Eindruck nicht: seine Beine sind die eines Gelehrten, der den ganzen Tag auf dem Stuhle sitzt, kurz und etwas verkrümmt.

Mittermaier drängt; er kann die langen Reden nicht lei­den; er sucht hier und da zu kürzen, den Umschwcif abzu­schneiden, die Verhandlung kurz und geschlossen zu machen. Und dies ist in der That die Kardinaltugend eines Präsidenten. Man kann wohl sagen, Mittermaier ist manchmal parlamen­tarisch grob, wenn ihn die Versammlung zu ungeduldig macht. Er schulmeistert dann tüchtig und in sehr derbem Ton. Das i aber Recht; thäte er's nicht, so wär' er eben ein schlechter Präsident.

Mittermaier als Präsident ist ein geschworener Feind von allzulange» Reden; wenn er selber aber von seinem Stuhle

steigt und als einfacher Abgeordneter spricht, dann spricht er allzulang. Gründlich geistvoll; man hört ihm gerne zu, und wenn'S auch über eine halbe Stunde dauert; aber könnte er sich verdoppeln und in derselben Zeit sich selber zugleich als Präsident gegenüber stehen, dann würde gewiß der Präsident Mittermaier sagen: Der Herr Abgeordnete Mittermaier spricht zu lang !

Viele gewichtige Stimmen haben gewünscht, daß Mitter­maier Justizminister in Baden werden möchte. Andere be­fürchteten, er würde dann zu viel schöne Gesetze machen. Denn Mittermaier soll Meister seyn in der Kunst, einen tüchtigen Gesetzentwurf aufzustellen. Es wäre da frei­lich leicht denkbar, daß die künstlerische Freude über das ge­lungene Schaffen neuer Gesetzesbildungen über den praktischen Sinn des Staatsmanns Herr geworden wäre, der karg ist mit neuen Gesetzen, weil der Staat am besten ist, welcher mit den wenigsten Gesetzen gut regiert werden kann.

In jenen Tagen, wo die vielen neuen Minister über Nacht aus der Erve gewachsen sind, ging in Karlsruhe die ziemlich verbürgte Rede, man habe Mittermaier das Portefeuille des Justizministeriums angeboten, er habe es aber abgelehnt. Er hat klug 'daran gethan. Wer im Besitze einer so seltenen politischen Wirksamkeit ist, wie Mittermaier, der soll kein Mi­nister werden in dieser gegenwärtigen Zeit, wo man schlechte Geschäfte im Ministerium macht.

Mittermaier's politisches GlaubenSbekenntniß ist bekannt. Sein Vorbild einer Monarchie ist Belgien, sein Vorbild eines Parlamentes der nordamerikanische Kongreß. So vereinigt er die beiden großen bewegenden Urprinzipien der Gegenwart, das demokratisch-monarchische und das republikanische. Gerade dieser Standpunkt innerhalb der Parteien und doch zugleich über denselben machte ihn vorzugsweise befähigt, in einer so in sich getheilten Versammlung, wie die Frankfurter, den Vorsitz zu führen.

Den vielen redlichen Männern, welchen es jetzt so schwer fällt, einen festen Boden und Widerhall ihres politischen Strebens zu finden, wäre wohl zu wünschen, daß sie an der