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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

^N 8. Samstag den 8. April L8L8.

Die Raff. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. Der vierteljährige Prânumerationspreis ist in Wiesbaden 2 ff., wo;n bei auswärtigen Postämtern noch der Postaufschlag kommt. Inserate werden die dreispaltige Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schellenberg'schen Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

Uebersicht.

An die Anwohner der Tannuseisenbahn.

Die neuen Deputirteuwahlen (Zweiter Artikel).

Erklärung der preußischen Minister über die Proklamation des Königs von Preußen.

Deutschland. Wiesbaden (Der kostspielige Hofstaat der Fürsten.

Vater Jahn. Dte Verwüstungen an der Taunusbahn). Vom Tau- Nus (EmS und Wiesbaden). Kassel (Der Kurfürst). Köln (Verein der Rheinschiffer. Bank zur Unterstützung der Handwerker). ___ Berlin (Praktischer Vorschlag Hansemann's. Das preußische und deutsche Banner. Der russische Heeresbestand iu Polen. Erklärung des britischen Kabinets. Russische Kriegsdampfschiffe in der Ostsee. Die Erhaltung deS allgemeinen Friedens. Widerlegung i» Betreff der Freigebung Polens durch den Kaiser von Rußland). Posen (Die polnische Legion). Stralsund (Der Hafen armirt). W i en (Preßgesetz. Verbot der Ausfuhr des baaren Geldes).

Frankreich. Paris (Die Freiheit der Presse. Angriffe auf Lamartine. Emil von Girardin). Lyon (Aufruhr unter den Soldaten).

Sprechsaal für Stadt und Land.

* An die Anwohner der Tanttusetfenbahn.

Der alte Groll gegen die Eisenbahn ist zur That geschritten. Man hat die Schienen aufgerissen, die Bahnhäuschen zerstört.

Als die Bahn gebaut wurde, rief dieß eine gänzliche Ver­änderung in den Erwerbsverhältniffcn eines großen Theiles der Anwohner hervor. Die Einen haben eine dauernde Existenz gesunden, die Andern sind verarmt; denn nicht Jeder hat die Kunst gelernt, sich ein neues Brod zu suchen, wenn das alte zlOsMäl wird.

Allein der Bürger eines Staates, eines Gemeinwesens, muß auf das Wohl der Gesammtheit blicken, er muß dieß selbst mit Aufopferung seiner eigenen Interessen. Wenn die Eisenbahnen überhaupt die Verarmung herbeiführte, wenn sie etwa blos zum Vortheil der Reichen gebaut wären, dagegen dem armen Manne schadeten, dann müßte man sie als ein schädliches Insti­tut wieder eingehen lassen. Allein die Eisenbahnen sind vom größten Nutzen für den armen Mann. Man stelle nur einmal die Fahrpreise der letzten Klasse auf der Taunusbahn niedriger, dann wird man sich davon überzeugen. Auf der badischen Staats­bahn, wo die billigen Stehwagenpreise sind, fahren die Arbeiter und Taglöhner, wenn in der Nähe der Erwerb stockt, Meilen weit, um dort an ihr Tagewerk zu gehen, die Bauern haben für ihre Erzeugnisse einen dreifach ausgedehnteren Markt gewon­nen. Eine billigere Eisenbahn kann den Verdienst der ärmeren Klasse außerordentlich fördern.

Die Eisenbahn mag wenigen Einzelnen geschadet habeir; sie nützt aber der Gesammtheit und also doch wiederum auch jedem Einzelnen. Die Taunuseisenbahn zahlt jährlich dreißigtausend Gulden Staatssteuern, davon zieht Nassau allein vierzehntausend. Man vernichte die Eisenbahn und lasse also diese Steuer verloren gehen, dann müssen wir aÜesammt den Beutel ziehen, um diese 14,000 Gulden in die Staatskasse zu zahlen, welche jetzt zum größten Theil blos von reichen Leuten und gewiß zur Hälfte von durchreisenden Fremden bezahlt werden.

Die Eisenbahn ist ein gesichertes Eigenthum, sie ist sogar ein Eigenthum, welches dem Gemeinen Nutzen dient. Es ist eine schmachvolle Entweihung der ncuerrungenen Freiheit, wenn wir sie dazu benutzen, das Eigenthum anzutasten. Wir wollen den Gegnern, die neidisch und voll verbissenen Zornes auf unsere kostbare Errungenschaft blicken, eine solche Waffe nicht in die Hand geben. Möchten doch endlich einmal besonders die Landleute von allen Denen, die ihnen nahe stehen, über die Begriffe des Eigenthums, über die Heiligkeit fremder Rechte aufgeklärt werden!

Und glaubt man denn, wenn die Schienen der Eisenbahn von Wiesbaden bis Frankfurt ausgehoben und alle Bahnhäuschen in Brand gesteckt würden , dann wäre damit die Eisenbahn zer­stört^ Die Eisenbahn wird wieder ganz werden, Ihr müßtet den Geist des Fortschrittes, auf den Ihr pocht, zerstören können, den großartigen Geist der Erfindungen, Ihr müßtet zerstören können, was wir in Gewerb und Industrie Wunderähnliches errungen haben, wenn Ihr die Eisenbahn zerstören wolltet.

Die Eisenbahn ist nicht blos ein todter Maschinenkörper; es spuckt ein Geist darinnen, der Geist des Fortschrittes, der y Freiheit. Man hat vor Zeiten oft gesagt, die Preßfreiheit werde uns durch die Eisenbahnen erobert werden. Wahrlich! die Eisen­bahnen haben kein geringes Theil an den großen Errungenschaften dieser Tage! Glaubt nicht, daß Ihr die Eisenbahnen zerstören könntet, Ihr müßtet-den Geist dieser Zeit mit der Wurzel ausreißen, ehe Ihr die Schienenwege für immer aus dem Boden zu reißen vermögt.

t t Die neuen Deputirtenwahlen.

(Zweiter Artikel.)

Es liegt in der Natur der Sache, daß in konstitutionellen Staaten die politischen Meinungen und Ansichten sich nach ver­schiedenen Schattirungen abgrenzen, daß sich die Gleichgesinnten zusammen schaaren und sich Geltung zu verschaffen suchen, mit Einem Worte, daß sich Parteien bilden. Ganz besonders ist dies eine unabweisbare Nothwendigkeit in einer Zeit, die in dem Gange ihrer Entwickelung die gewöhnlich eintretenden Ruhe­punkte nicht zu finden weiß, die von einer unwiderstehlichen Ge­walt sortgerissen wird und sich zu überstürzen Gefahr läuft. Nur die naive Unerfahrenheit, der an rasche Beurtheilung der nahe­liegenden Verhältnisse nicht gewöhnte Blick kann dies verkennen und auf ein Vermengen und Vermischen der aus einander lau­fenden Bestrebungen hinarbeiten. Der gestrige Tag wird die Wahrheit der oben ausgesprochenen Worte auch dem gutmüthig­sten Träumer klar gemacht haben, er wird sie darauf hingewiesen haben, daß es durchaus unpolitisch und verkehrt ist, widerstrebende Kräfte zu derselben Wirksamkeit vereinigen zu wollen. Es wird ja, wenn nicht das Ganze, doch ein Theil der aufgewcndetcn Kraft durch die ihr entgegcn- wirkende Kraft ausgehoben, und was noch schlimmer ist, die Gemüther werden zu einer fieberhaften Aufregung gebracht, die eine gemessene und ruhige Ueberlegung bei entscheidenden Maß­regeln unmöglich macht. Oder wiegt ihr euch wirklich in dem Traume, ihr vermöchtet es zu versöhnen und in dieselben Bah­nen einzulenken das, was nach verschiedenen Richtungen aus einander läuft und aus einander laufen muß? Glaubt ihr in der That, durch oie Bildung eines allgemeinen WahlkomtteS