Mann, der die Fremden schweigend gegrüßt hatte, eine lange, hagere Gestalt, von Gesicht trübselig; statt der landesüblichen Tracht war er in einen langen weißen Rock gekleidet.
Der Doktor fragte den Bergmann: ob ihm Hütte und Feld eigen gehöre: „Hab's nie so weit bringen können," erwiederte er kopfschüttelnd, „wir Aeide bauen es für unsere Herrn. Ich bin drüben im Hessenland zu Hause."
„Der Bergmann kann Euch viel schöne Stückchen von seinem Vaterlande erzählen, wenn Ihr ihm gerne zuhört," sagte sein Genosse.
Von Allen aufgefordert, sprach der Bergmann:
„Ich will Euch lauter Familienschicksale erzählen. Soll ich mit meinem Urururgroßvater anfangen? Gut. Denkt Euch, er habe vor vielen, vielen hundert Jahren gelebt. Er war ein Steinmetzenmeister in Marburg. Hatten zur selbigen Zeit die Pfaffen und Ritter die große Marburger Elisabethen- kirche mit zwei stattlichen Thürmen gebaut. Darüber wurden die Bürger neidisch und sprachen: Wir wollen auch eine Kirche bauen, und die soll noch viel schöner und größer werden. Wie aber diese Kirche erst zur Hälfte fertig ist, geht den Bürgern das Geld aus, und wie mein Urururgroßvater den Thurm aufstellt, stellt er ihn schief auf, und da selbiger drei Jahre gestanden, bekommt er einen großen Riß, wie beides heute noch zu sehen."
„Und was weiter?" fragt fürwitzig der Baron Beisele.
„Weiter nichts, als daß dazumal die Pfaffen und Ritter fest gebaut haben, die Bürger schief und mit Rissen; heutzutage aber bauen die Bürger fest und die Pfaffen und Ritter schief und mit Rissen."
Darauf nahm der Bergmann einen guten Schluck aus dem Bierkrug und sagte: „Eine andere Geschichte!"
Mein Ururgroßvater war Eselstreiber und Gemeindemann in einem oberhessischen Dorfe. Es war zur Zeit des Doktor Luther, und die ganze Gemeinde wird lutherisch. Als sie zum erstenmale das Abendmahl unter beiden Gestalten halten und den bisher entzogenen Kelch trinken will, wird mein Ururgroßvater nach Marburg geschickt, den Wein zu holen. Er soll aber auch Essig für den Pfarrer mitbringen. Der Pfarrer verwechselt die Krüge. Da schreien die Bauern, und mein Ururgroßvater am lautesten — lieber als daß wir so sauern Wein trinken, trinken wir gar keinen, wie bisher! Und die Gemeinde ist zur Stunde wieder katholisch geworden und ge- geblieben bis auf diesen Tag." —
„Kurz darauf wird aber mein Ururgroßvater mit seinem Esel die Lahn hinunter beschieden nach Weilburg. Dort hatten die trierischen Pfaffen die Kirchen visitirt, und wo sich ein lutherischer Pfarrer fand, denselben abgesetzt und einen großen Kasten mit gravirenden Beweis-Akten angefüllt. Den luden sie auf meines Ururgroßvaters Esel, daß er ihn nach Trier führte und der Haupt-Pfaffe, der faul zu Fuße war, setzte sich auch auf den Esel. Das ärgert meinen Ururgroßvater. Da paßt
er auf, bis sic an einen Felsen kamen, der weit gegen die Lahn vorsprang, daß der Pfad sehr schmal wurde: dort gibt er dem Esel heimlich einen Ruck, — plumps purzelte der Pfaffe mit dem Protokoll-Kasten in's Wasser. Den Pfaffen haben sie wieder herausgezogen, den Kasten aber nicht. Und weil die Visitation ohne Bewcisakten nach Trier kam, blieben die Pfarrer in ihrer Stelle, und das ganze Land ist lutherisch geblieben bis auf diesen Tag."
„Aber Freund," fragte Baron Beisele, „wie konnte Euer Ururgroßvater also gegen die trierischen Pfaffen handeln, da er selber doch eben erst wieder katholisch geworden war?
„Lieber Baron," belehrte der Hofmeister, „wenn Einer auch noch so gründlich zum Bischof oder zum Konsistorium bekehrt ist, kann er's doch nicht lassen, demselben bei Gelegenheit einen heimlichen Ruck zu geben. Dieses verstohlene Gelüsten treibt die Klerisei den Leuten nimmer aus, darum nennt sie's
— die Erbsünde. (Schluß folgt.)
Historisches über die deutsche Reichssahne.
Nachdem die deutschen Farben nach langen Jahren der Vergessenheit wieder zu den alten Ehren gelangt, auf allen deutschen Thürmen wehen, möchte es nicht unpassend sein^ etwas Geschichtliches über ihre Entstehung beizutragen, um damit vielleicht kleine Differenzen zu schlichten, welche sich über die Anordnung und Folge der einzelnen Farben fast allgemein erhoben haben.
Schon seit den Hohenstaufen, also seit der Mitte des zwölften Jahrhunderts, wahrscheinlich auch schon früher, zierte der einköpfige schwarze Adler mit ausgebreiteten Flügeln, unzweifelhaft eine Reminiscenz an den Legions-Adler der alten römischen Cäsaren, als deren Nachfolger sich die deutschen Könige ansahen, Hecrschild und Panier des Reiches deutscher Nation; cs waren also Schwarz und Gold die Ursarben des Volkes.
Diese golvene Fahne mit dem einfachen schwarzen Adler führten sämmtliche Kaiser aus den Häusern Hohenstaufen, Habsburg und Lurenburg; namentlich erscheint sie so auf den nächstens erscheinenden Abbildungen des Coder Balduini im Koblenzer Archiv, einer Biderhandschrift, welche bekanntlich den Römerzug Kaiser Hcinrich's VII. und seines Bruders Balduin, Kurfürsten von Trier, in den Jahren 1310—13EV darstellt.
Schon um die Mitte des vierzehnten Jahrhunderts erscheint neben diesem ursprünglichen Reichspanier noch ein zweites, die so genannte St. Georgenfahne, ein rothes Feld mit einem weißen Kreuze, wahrscheinlich das Symbol des Christenthums