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Nassauische

Allgemeine Zeitung.

â. 6. Donnerstag den 6» April L8L8.

Die Nass. Allg. Zeitung mit ihrem belletristischen Beiblatt erscheint täglich. Der vierteljährige Pränumerationspreis ist in Wiesbaden 2 ff., wozu bei auswärtigen Postämtern noch der.Postanfschlag kommt. Inserate werden die gespaltene Petitzeile oder deren Raum mit 3 kr. berechnet. Bestellungen beliebe man in Wiesbaden in der L. Schell ende rg' scheu Hof-Buchhandlung, auswärts bei den nächst gelegenen Postämtern zu machen.

u e b e r s i ch t.

Ein europäischer Krieg.

Der Krieg in Schleswig.

Die Mausefalle.

Deutschland. Wiesbaden (Staatsininister von Dungern tritt ab.

Wahlkomite und Parteien). Vom Taunus (Verein für religiöse Freiheit in Mainz). Weilburg (Friedrich Schulz).Vom Rhein

(Versammlung deutscher Demokraten in Straßburg). Darmstadt (Widerlegung). München (Wohlthätigkeit der Königin). Berlin (Rußlands Kriegsrustungen. Die Gefallenen vom 18. und 19. März.

Wahlgesetz. Eröffnung des Landtages). Von der Spree (Die militärische Stärke Preußens). Posen (Russisches Lager an der

- f, Grenze). MySkvwitz (Tscherkessen und Baschkiren). Hannover (Trnppenzug nach Schleswig-Holstein). >

Schweiz. Von der Aar (Schutz- und Trutzbündniß zwischen Frankreich und der Schweiz).

Frankreich Paris (Die Geldkrists). Lyon (Savoyarden bilden eine Schaar zum Republikanisiren ihres Landes).

Groffbrittanicn. London (Der Weltfriede).

Spanien. Madrid (Unruhen).

Sprechsaal für Stadt »nd Land.

* Ein europäischer Krieg.

Wiesbaden, 4. April.

Fast an feder Grenzseite unseres Vaterlandes stehen die Sachen so, daß es nur eines kleinen zündenden Funkens bedürfte, um sofort die helle Flamme des Krieges auflodern zu lassen. Allein die Kriege, welche dann entstehen würden, wären ganz eigener Art, daß sich für sie in der Weltgeschichte kaum irgend ein ganz schlagendes Beispiel finden ließe. Es wären lauter Befreiungskriege wenn man will Nevolutionskriege Be­freiungskriege unterdrückter Nationalitäten. Also im eigentlichsten Sinne Volkskriege. So steht es in Polen, so in Schleswig-Holstein, so in Italien, in Ungarn, so viel­leicht in Livland und Kurland.

Mit ungeheurer Schnelligkeit hat sich seit einem Monat das Glaubensbekenntniß durch das ganze zivilisirte Europa Bahn gebrochen, daß der Zeitpunkt gekommen sey, wo jeglichem Volks­thum sein ureigenes, unantastbares Recht wieder werden müsse, und die Völker sind aufgestanden, um sich das Recht, welches offene Gewaltthat oder diplomatische Schlauheit ihnen raubte und weigerte, mit dem Schwert in der Faust von den ewigen Sternen herunterzuholen.

Wir wollen, daß das zerrissene, erlahmte, mißhandelte Italien ein einiges und freies Land werde, daß Polen, der große Märtyrer unter den europäischen Nationen, sich erneuere und seinen natürlichen Beruf mit Macht erfasse, ein Schutzwall der zivilisirten Welt gegen Mongolen und Baschkiren zu seyn, wir wollen dieß, weil wir auf der anderen Seite verlangen, daß auch jeder Zoll breit deutscher Erde wieder deutsch werde und deutsch bleibe. Die ewigen Rechtsansprüche der freiend Völker müssen wieder zu Rechte werden! Der Drang, diesen ersten Grundsatz der neuenhohen Politik" zu verwirkli- chen, wird uns groß machen in der Weltgeschichte. Aber der Preis seiner Verwirklichung ist ein europäischer Krieg.

Wir hören, daß Italien seine Grenzpsähle auf den Alpen . Pflanzen will, auf Punkten, wo ein gemischtes Volk wohnt Italiener u n d Deutsche; wir wissen, daß Polen auch die Pro­vinzen zurücksordert, wo ein gemischtes VUk wohnt Zwei Drittel Polen und Ein Drittel Deutsche; wir wissen, daß in vcorbfc^iesmiß eine nicht unbedeutende dänische Bevölkerung Eliten unter der deutschen sitzt. Schon dringt der Ruf unserer

deutschen Brüder in Posen zu uns herüber, welche uns beschwö­ren, daß wie ihre Volksthümlichkeit nicht verkaufen möchten an die polnische. Und bei Gott, das wollen wir nicht! Wir wollen auch keinen Fuß deutscher Erde auf den südlichen Alpen verloren geben. Hier ist der Knoten der Verwickelung geschürzt - keine diplomatische Verwickelung, sondern eine naturrechtliche und völkerrechtliche, darum wird der Kampf um ihre Lösung ein Kampf auf Leben und Tod seyn.

Wenn wir Deutsche in diesem Augenblicke die Urrechte jeglicher Volksthümlichkeit^ thatsächlich anerkennen, so bekunden wir damit nicht nur ein starkes nationales Rechtsgesühl, sondern zugleich einen noch größeren Edelmuth; denn wir verlieren dabei. Verlören wir für immer, dann würde die Klugheit des Staatsmannes in einen verzweifelten Kampf gerathen mit der Volks-Sittlichkeit. Wir geben Posen hin, wir müssen den deut­schen Einfluß in Oberitalien verloren geben. Und erhalten wir etwa zum Ersatz dasjenige wieder, worauf wir ewige Rechts­ansprüche haben? Elsaß Lothringen vlämisck Bel­gien deutsch Niederland? Wir werden es wieder erhalten; heute wohl nicht, auch morgen nicht, aber um so gewisser in Jahr und Tag. Der großartige Drang, welcher jetzt durch alle Völker geht, jeder Nation das unveräußerliche Recht ihres Volks­thums wiederzugeben, müßte eine Lüge seyn, wenn alle diese Länder nicht wieder in Jahr und Tag zum deutschen Reiche fielen.

Aber ist hier nicht jene thörigte Gutmüthigkeit des deutschen Michels im Spiele, der das Gewisse aus der Hand gibt, um auf das Ungewisse zu hoffen?

Nein! Diese Gutmüthigkeit, wenn gleich nicht schlangenklug, ist nicht thörigt, denn jte qutüt aus der tiefen Sittlichkeit des deutschen Volkes: wir wollen keine Güter mehr be­sitzen, die man für uns gestohlen hat.

Wenn Elsaß und Lothringen sieht, daß Deutschland wahrhaft frei geworden ist, ja wohl gar viel freier als das von Parteien beherrschte Frankreich, dann wird von selbst das starke Band sich lösen, durch welches diese Gauen bis jetzt an Frankreich ge- fesselt waren. Oder glaubt Ihr, im Elsaß hätte sich der deutsche Geist nicht schon längst auf die eigenen Füße zu stellen versucht, wenn er nicht hüben blos den leibhaftigen Polizeistaat und drü­ben doch wenigstens einige Gewähr der Freiheit gesehen hätte?

Und dann müßte jenes Frankreich, welches für das Volks­thum Polens und Italiens in die Schranken tritt, an seiner eigenen Lüge ersticken, wenn es den Deutschen in seinen künstlich gezogenen Marken das gleiche Recht gewaltsam weigern wollte, welches es so schwärmerisch für andere Nationalitäten fordert. Es wäre im voraus geschlagen, weil es dann auf dem Boden des Unrechts und der Unsittlichkeit stünde.

Vorerst mögen wir zum Kampfe gerüstet seyn, der euro­päische Krieg steht nicht erst zu erwarten, er ist schon da. Die Völker sind im Innern befreit, aber sie wollen auch die künstlich unterbundenen Wurzeln ihres Volksthumes wieder frei machen. So lange dieß nicht geschehen, so lange jeder Natio­nalität ihr Recht und ihre Selbstständigkeit nicht wieder gewon­nen ist, so lange nicht alle Polen Polen, alle Italiener Italiener, alle Deutsche Deutsche sind, wird es keinen Frieden geben.

Ein Krieg ist jetzt nicht das größte Unglück. Er wird die ersch afften, verweichlichten Völker wieder stark machen. Und wo das innere Leben des Volkes so gewaltig gährt und auf- braust, da muß es auch nach Außen einen Tummelplatz der ener­gischen That haben, wenn nicht die Gewalt der inneren Bewe- gu !g alle Adern zersprengen und den ganzen Organismus zer­stören soll.